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Die Predigt zum WochenendeNicht Absagen, sondern Zusprechen!

Christian Schaller ist Priester an der Dreifaltigkeitskirche in Bern. Er hofft, dass das Vertrauen in Jesus unter der Coronakrise nicht leidet.

Konzerte, Ferien, Reisen, Geburtstagsfeste, Familientreffen, Gottesdienste, Fussballspiele, Osterfeste – sie werden abgesagt. Viele Anlässe und sogar Trauerfeiern werden auf bessere Zeiten verschoben. Wir gehen auf Distanz, wir meiden einander und bleiben zu Hause.

In dieser noch nie so erlebten Zeit bin ich eingeladen worden, einige Worte zu schreiben. Eine Predigt oder eine Andacht, hiess es, soll es sein. Gerne hätte ich diese Anfrage abgesagt! Denn, was kann ich wohl sagen? Sind Worte überhaupt noch gefragt? Gespannt erwarten wir jeden Tag nur noch Zahlen, die Zahlen der Opfer des Coronavirus. Steigt die Kurve noch? Breitet sich die Krankheit weiter aus? Gibt es noch freie Plätze auf den Intensivstationen? Reicht das Geld noch aus? In diesem Warten bangen viele Menschen um ihre Existenz. Wir wissen es, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, diese Krise wird viel Elend hervorrufen. Viele Menschen stossen an ihren Grenzen, finanziell und emotional. Ob jung oder alt, Alleinstehende oder Familien, wir werden alle herausgefordert.

An diesem fünften Fastensonntag, wird aus dem Johannes-Evangelium (Joh. 11, 1–45) die Geschichte des kranken Lazarus aus Betanien verkündet. Er ist ein Bekannter von Jesus. Ihm geht es gesundheitlich schlecht, und seine Schwestern Marta und Maria lassen Jesus zu ihm rufen. Aber bevor Jesus Betanien erreicht, stirbt Lazarus. Als Jesus endlich im Dorf ankommt, sind schon vier Tage vergangen. Aus ihrer Trauer heraus, bestimmt auch aus Hilflosigkeit und sich beschwerend, sagen Marta und Maria zu Jesus: «Herr, wärest du hier gewesen, dann wäre unser Bruder nicht gestorben.»

«Diesen Vorwurf – oder ähnliche Klagen – wird Gott wohl in diesen Tagen öfters hören müssen.»

Diesen Vorwurf – oder ähnliche Klagen – wird Gott wohl in diesen Tagen öfters hören müssen. «Wenn du hier gewesen wärest», «Wenn du uns nicht im Stich lassen würdest», «Wenn es dich wirklich gibt» – ja, dann hätten wir nicht dieses Virus, das uns das Leben verunmöglicht und die ganze Welt auf den Kopf stellt! Gewiss, viele haben Grund, sich zu beklagen, und viele unserer Bitten zu Gott beginnen mit einem «Wenn» oder einem «Warum».

Wie reagiert Jesus? Im Evangelium steht, dass er im Innersten bewegt und erschüttert ist. Er weint sogar. Das Schicksal des Lazarus und das Trauern seiner Familie lässt ihn nicht kalt. Jesus ist berührt. Er leidet mit. Er zeigt Nähe. Öfters frage ich mich, ob wir Jesus zutrauen, dass er uns seine Nähe zeigt, ob wir zulassen, dass er von uns innerlich berührt wird. Diese Nähe Gottes wünsche ich mir und uns allen in unserer heutigen Ohnmacht.

«Heute – mehr denn je – ist Vertrauen verlangt.»

Im Text fällt mir auf, dass Jesus sich nicht nur auf die Ebene der Emotionen beschränkt. Er fordert die beiden weinenden Schwestern auf, nicht in ihrem traurigen Schicksal sitzen zu bleiben. Vieles bewegt sich in der Geschichte des Lazarus. Die Gefühle, aber auch das Kommen und Gehen der Akteure. Und mitten im Geschehen stellt Jesus eine zentrale Frage: «Glaubst du?» Gerne übersetze ich diese Frage mit: «Vertraust du?» Denn Glauben ist eng mit Vertrauen verbunden. Heute – mehr denn je – ist Vertrauen verlangt. Vertrauen in unsere eigenen Kräfte, dass wir diese Krise überstehen. Vertrauen in die Solidarität aller Menschen. Vertrauen in die Verantwortungsträger unserer Gesellschaft. Vertrauen in die Mediziner und Wissenschaftler.

Als gläubiger Christ wird mein Glaube und mein Vertrauen auch herausgefordert. Vertraue ich Jesus? Hat er noch Worte des Lebens für mich? Er spricht zu Marta, und bestimmt auch zu uns allen: «Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt». Glaube ich das? Kann ich wie Marta antworten: «Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.»?

Um die Gnade dieses Glaubens bete ich zu Gott für mich und für uns alle. So vertraue ich, dass Jesus wie damals zu uns rufen wird: «Nehmt den Stein weg.» Den Stein der Sorgen, die uns belasten und uns im Tod gefangen halten. So vertraue ich, dass Jesus, wie damals zu Lazarus, auch zu uns ruft: «Komm heraus!» Heraus aus dieser Krise, heraus aus dieser Not.

Möge Jesus zu uns sprechen, und mögen wir ihm keine Absage erteilen!

1 Kommentar
    Dorothea

    Ich bin eine Pfarrerstochter, also reformiert. Wir waren 5 Geschwister mein Bruder ist mit 49 gestorben meine Schwester mit 52 da hat meine Mutter gezweifelt. Sie hatte so gebetet dass sie gesund werden. Für mich ist sterben nicht das Ende- das Leben nachher in der bedingungslose Liebe eine Erlösung.- Das Leben ist eine Aufgabe- ein Entwicklungsweg- Gott weiss was für uns richtig ist! Beten wir also um Liebe Licht Zuversicht Heiterkeit und Dankbarkeit 🙏