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So kommentieren die Leser den Bauskandal«Nie wird jemand zur Rechenschaft gezogen»

Tote Forellen beim Blausee – und jetzt wird die Sanierung des alten Lötschbergtunnels auch noch 40 Millionen Franken mehr kosten. Leserinnen und Leser reagieren auf die Recherchen dieser Zeitung.

Bei der Ausschreibung der Sanierung des Lötschbergtunnels ging einiges schief – wer ist schuld?
Bei der Ausschreibung der Sanierung des Lötschbergtunnels ging einiges schief – wer ist schuld?
Foto: BLS

Zur Frage, wer schuld ist – die BLS oder die Marti AG

Hier einen Skandal herbeizureden, ist Schaumschlägerei. Dass eine Baufirma aufgrund einer fehlerhaften Ausschreibung zu einem tieferen Preis offeriert, als dann tatsächlich abgerechnet wird, kann man nun wirklich zuletzt der Baufirma vorwerfen. Bei der Ausschreibung liegt der Ursprung des Problems – der Rest ist nur Bashing einer Firma im medialen Kreuzfeuer. Onlinekommentar (gekürzt) von Gilbert Hess

@Gilbert Hess: Erstens: Generalunternehmer informieren den Auftragnehmer meistens nicht, wenn sie Fehler in der Kalkulation sehen. Sie geben einen zu niedrigen Preis ab im Wissen, dass später teure Nachforderungen den Auftrag lukrativ machen. Zweitens: Die Nachforderungen sind exorbitant und der Zeitverlust so gravierend, dass der Auftraggeber nachgeben und sich auf eine Summe mit dem Generalunternehmer einigen muss. Drittens: Bei einem solchen Projekt liegt es in der Natur der Sache, dass die Kostenberechnung genau sein kann. Viertens: Das ist das «System Marti» – wer die letzten Jahrzehnte die Bauunternehmung verfolgt hat, wundert sich nicht. Onlinekommentar von Manuel Märki

«Was wohl die anderen Bauunternehmungen, die auch Offerten einreichten, von einem solchen Handel denken?»

Walter Bürki, Oberhofen am Thunersee

76 Prozent Mehraufwand? Entspricht dies auch 76 Prozent mehr Aushub- und Betonarbeiten? Das kann doch nicht sein. Ich verstehe die Marti AG, wenn sie sich auf den Werkvertrag beruft. Ihre sehr hohen Forderungen sind für mich aber nicht nachvollziehbar. Da erwarte ich als Steuerzahler von der Marti AG eine sehr, sehr offene und transparente Mehrkostenauslegung und von der BLS eine sorgfältige Überprüfung. Onlinekommentar (gekürzt) von Hans Maurer

Einmal mehr reibt man sich ob diesem «Finanzskandal» zwischen der BLS, der Firma Marti AG und dem Bundesamt für Verkehr die Augen. Die Kontrahenten seien von «unterschiedlichen Mengen Gleisaushub und benötigtem Beton» ausgegangen. Eine solche Begründung ist ja direkt lächerlich. Im Rahmen einer seriösen Vorbereitung waren die relevanten Ausmasse «im Tunnel» ja wohl bekannt. Man hätte nur noch richtig rechnen müssen. Hat sich hier die BLS möglicherweise mit einem «Billigangebot» begnügt und selber nicht gemerkt, dass die Arbeiten für die Summe von 89 Millionen Franken wohl gar nicht ausgeführt werden könnten? Was wohl die anderen Bauunternehmungen, die auch Offerten einreichten, von einem solchen Handel denken? Leserbrief von Walter Bürki, Oberhofen am Thunersee

Zur Art und Weise, wie öffentliche Aufträge vergeben werden

Öffentliche Aufträge sind für alle Unternehmungen interessant, die Rechnungen werden pünktlich bezahlt; fallen Mehrkosten an, übernimmt der Steuerzahler. Dieses Projekt ist nur die Spitze des Eisberges. Die Unternehmungen spekulieren zu 100 Prozent auf Fehler in den öffentlichen Ausschreibungen und nutzen diese voll aus, es stört sie nicht, dass sie hier mit Steuergeldern spekulieren. Dies muss sofort unterbunden werden. Onlinekommentar (gekürzt) von Donald Meier

Gab es in der Schweiz jemals ein öffentliches Bauwerk, bei dem nicht Dumpingpreise offeriert, danach horrend nachgefordert und schliesslich Baupfusch abgeliefert wurde? Hoffentlich sorgt die Justiz dafür, dass die Baufirma zu dem offerierten Preis liefern muss. Onlinekommentar (gekürzt) von Rolf Gurtner

@Rolf Gurtner: Ja, gibt es. Die 5. Bauetappe am Flughafen Zürich wurde im Kostenvoranschlag und im offerierten Rahmen termingerecht realisiert. Darf man ja auch mal sagen, wenn so freihändig über Planer und Baufirmen hergezogen wird. Onlinekommentar von Walter Brunner

«Jeder schiebt die Verantwortung dem anderen zu, und irgendeinmal wird nicht mehr darüber gesprochen.»

Lorenz Haberstich, Niederwangen

Die Steuerzahlenden mussten in den letzten zehn Jahren für Flops, Unkenntnis der Sachlage, Nichtwahrnehmen der Aufgaben, keine oder nur mangelhafte Kontrollen, Versagen der politischen Gremien usw. rund 500 Millionen Franken Steuern bezahlen. Einige Beispiele gefällig? 2019: 130 Mio. Mehrkosten für den Campus Biel; 2018: über 38 Mio. Sanierungskosten für ein Rückkehrzentrum; 2017: über 130 Mio. mehr für die Sanierung des Frauenspitals; 2015: 20 Mio. Verlust Spitalnetz AG und so weiter, und so weiter. Höchst erstaunlich ist, dass nie jemand zuständig und verantwortlich ist. Nie wird jemand zur Rechenschaft gezogen, jeder schiebt die Verantwortung dem anderen zu, und irgendeinmal wird nicht mehr darüber gesprochen. Der Gipfel der Frechheit ist, dass die Berner Regierung für die nächsten sechs Jahre Investitionen von rund 700 Millionen Franken plant, aber jammert, dass das Geld dazu fehlt, und mit möglichen Steuererhöhungen oder schmerzlichen Streichungen droht. Leserbrief (gekürzt) von Lorenz Haberstich, Niederwangen

Zum «leicht reduzierten Werk», das die BLS jetzt vorsieht

Es stellt sich schon die Frage, ob das «leicht reduzierte Werk» das «Gelbe vom Ei» ist oder ob nicht besser einer Variante «Gring abe u seckle» der Vorzug gegeben werden sollte. Denn ein späterer Einbau der Betonfahrbahn wird auch seinen Preis haben. In diesem Zusammenhang lassen die Kosten für den nachträglichen Vollausbau des Lötschberg-Basistunnels grüssen. Onlinekommentar von Hans Pile

3 Kommentare
    Andreas Martin

    Evtl. müsste auch mal der Frage nachgegangen werden, wie es mit der Fachkompetenz bei den involvierten Unternehmen aussieht, welche solche gewaltigen, schwer planbare Projekte vergeben (müssen). Gerade im Bahnbereich herrschte in den letzten Jahren der Trend, vieles auszulagern, um sich erfahrene Fachkräfte sparen zu können. Wenn man sieht, was es schon für Scherereien bei überschaubareren Bauprojekten als einem Tunnel(aus)bau gibt, so erstaunt das "Desaster" im Lötschberg nicht mehr so stark. Es entsteht auch der Eindruck, dass man bei der Bauunternehmung Marti (aus Erfahrung...) viel stärker mit den im Tunnelbau möglichen Risiken und Unwägbarkeiten gerechnet und sich dementsprechend juristisch abgesichert hatte, im Gegensatz zur vergebenden BLS. Dass es auch anders geht beweist der Gotthard-Basistunnel, der zwar auch mit den im Tunnelbau üblichen Risiken kämpfen musste, aber trotzdem im geplanten Rahmen fertiggestellt werden konnte. Allgemein gilt aber, dass bei den Projekt- und Fortschrittsbesprechungen früher die Techniker und Bauleute unter sich waren, während heute jeder noch von einem Anwalt begleitet werden muss. Teilweise sind die schon in der Überzahl.