Odyssee in Weiss mit Martina Hingis

«Der Sohn» ist der letzte Teil von Elmar Goerdens «Odyssee»-Trilogie bei Konzert Theater Bern.

Und bei aller Freiheit, die sich Goerden im Stoff nimmt, schickt er letztlich Odysseus Sohn (Nico Delpy, rechts) ganz einfach auf eine Odyssee. Foto: ZVG/Janosch Abel

Und bei aller Freiheit, die sich Goerden im Stoff nimmt, schickt er letztlich Odysseus Sohn (Nico Delpy, rechts) ganz einfach auf eine Odyssee. Foto: ZVG/Janosch Abel

Michael Feller@mikefelloni

Vielleicht hat Elmar Goerden den perfekten Umgang mit antikem Stoff gefunden. Der 56-jährige Regisseur aus Deutschland hat sich für Konzert Theater Bern Homers «Odyssee» vorgeknöpft, den Verlust als Hauptthema herausgeschält und daraus eine Trilogie gezimmert. Darin treten die wichtigsten Figuren auf. Odysseus, seine Frau Penelope, Sohn Telemachos und die von Goerden dazuerfundene Tochter.

An die Stelle der Heldengeschichtenepisoden Homers tritt das Scheitern einer Familie. Wenn der Vater sich zu einem zwanzigjährigen Segeltörn verabschiedet, gerät alles aus den Fugen. Im ersten Teil, «Penelope» (Frühling 2017), fokussierte Goerden auf die Frau, die nicht mehr altert, seit sich Odysseus verabschiedet hat, dafür aber durchdreht. In den «Irrfahrten des Odysseus» (Herbst 2017) lag der Fokus auf den Antihelden. Und nun, in «Der Sohn», gilt das Augenmerk Telemachos, gespielt von Nico Delpy.

Formal ist der dritte Teil eine Rückkehr. Wie in den ersten zwei Dritteln spielt die Geschichte auf einer ganz in Weiss gehaltenen Bühne (Silvia Merlo und Ulf Stengl). Wie in «Penelope» sehen wir Mutter und Kindern zu, wie sie durch die Wohnung wuseln. Diesmal gibt es nur Wände.

Und viel Text. Nico Delpy zappelt als vaterloser Sohn zwei Stunden über die Bühne, schickt seine Figur von der Realität in den Wahnsinn und füllt damit die Leerstellen aus dem Verlust des Vaters. Milva Stark spielt die Schwester, die im Gegensatz zu ihm das Leben in die Hände nimmt. Mutter Penelope wird wiederum von Mariananda Schempp stark verkörpert. Aus ihrem Mund ist jedes Wort messerscharf.

Schöngeist und Nonsens

Vieles, was in diesem Stück gesprochen wird, ist ein wenig Nonsens und ein wenig schöngeistig, etwa, wenn der Sohn den Stellenwert des Hammers in der Werkzeugkiste verhandelt. Vieles ist vor allem Wortspielerei (etwa: «Spiele nicht mit den Worten, du könntest verlieren!»). Meistens ist es aber auch einfach verrückt, was da passiert.

Während der Sohn noch mit Wittgenstein über Ausscheidungen philosophiert («Die Scheisse ist, einmal geschissen, da»), taucht plötzlich Martina Hingis im weissen Tennisdress auf. Sie ist noch immer 18 wie 1999. «Scheiss Zeitschleife!», sagt er. Hier sind alle hängen geblieben.

Der Sohn trifft auch auf eine Chirurgin, eine Flight-Attendant und weitere Figuren, die alle die Göttin Athene verkörpern sollen, alle gespielt von Nora Quest. Sie haben zwei Dinge gemeinsam: Sie setzen seine Verwirrung jeweils auf ein neues Level. Und sie lassen ihre Schuhe zurück, wenn sie wieder abtreten.

Autor und Regisseur Goerden löst sich auf den ersten Blick noch einmal stärker von der Vorlage und baut Referenzen auf das Jahr 1999 ein – auch sprachlich. Sie alle sprechen eine Sprache von damals, leben aber im Heute: «Supi – sagt man das noch?» oder gar «Tschüssikowski, alter Schwede – sagt man das noch?».

Und bei aller scharfsinnigen und pointendichten Freiheit, die sich Goerden im Stoff nimmt, schickt er letztlich Odysseus Sohn ganz einfach auf eine Odyssee: Er hangelt sich von Begegnung zu Begegnung, vom Tagtraum in die Realität und zurück, scheitert und führt das alles zu einem ganz schön blutrünstigen Ende. Was für eine Reise!

«Der Sohn»: bis 11. Dezember, Vidmar 1, Liebefeld.

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