Frutigers Bauten am Simplon sind viel teurer als offeriert

Der Thuner Baukonzern Frutiger hat Walliser Firmen am Simplonpass mit tiefen Offerten Millionenaufträge weggeschnappt, dann aber Mehrkosten von bis zu 87 Prozent geltend gemacht. Der Unmut im Wallis ist gross.

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Letztes Jahr konnten sich die Verwaltungsräte des Thuner Baukonzerns Frutiger noch auf die Schultern klopfen. Der Plan Simplon schien aufzugehen. Frutiger war vor sechs Jahren mit der Walliser Baufirma Interalp Bau AG eine Kooperation eingegangen. Kampfeslustig trat man als «Arbeitsgemeinschaft Napole­on» auf. Frutiger wollte so auf dem Simplon Tritt fassen.

Der Bund, zuständig für die Simplonstrasse, vergibt dort seit 2009 Sanierungsaufträge, etwa für Strassentunnels. Das Zweiergespann Frutiger/Interalp eroberte Auftrag um Auftrag – für total 139 Millionen Franken. Für alle anderen, die «Einheimischen», warf der Simplon nur 34 Millionen ab (siehe Grafik). Das Bundesamt für Strassen (Astra) erklärte konsternierten Walliser Unternehmern, man habe keine Wahl: Das «strenge Gesetz» verlange, dass man den Günstigsten berücksichtige.

Verträge im Zwielicht

Nun erscheinen aber Frutigers Erfolgsstory und das «strenge Gesetz» in einem anderen Licht: Die Bundesanwaltschaft liess im März den Chef von Frutigers Partnerfirma Interalp verhaften. Gleichentags wurden zwei in Visp stationierte Astra-Beamte abgeführt. Das Gericht hat für alle Untersuchungshaft verfügt. Die Bundesanwaltschaft hat ein Jahr im Geheimen ermittelt, Telefone abgehört. Seit dieser Woche sind sie wieder auf freiem Fuss.

Die Bundesanwaltschaft hält am Verdacht fest: Bestechung. Sind die Verträge des Konsortiums Frutiger mit Schmiergeldern zustande gekommen? Die Bundesanwaltschaft schweigt und verweist auf das laufende Verfahren. Und Frutiger beeilt sich zu sagen, kein Mitarbeiter von Frutiger stehe bislang unter Korruptionsverdacht. Das ist unbestritten.

87 Prozent teurer

Unabhängig davon, ob sich der Verdacht erhärtet, belegen Recherchen dieser Zeitung: Bei den Aufträgen an Frutiger/Interalp hat sich lange vor den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft Unglaubliches zugetragen: Das Astra hat 2012 Frutiger/Interalp den Zuschlag für die Sanierung eines halb offenen Tunnels, der sogenannten Kaltwassergalerie, vergeben.

Das Konsortium bekam den Auftrag, weil es mit 12,4 Millionen Franken das tiefste ­Angebot eingereicht hat. Schon ein Jahr später forderte es massiv mehr Geld. Das Astra räumt auf Anfrage ein, dass es dem Konsortium schliesslich statt 12,4 Mil­lionen 23,1 Millionen Franken bezahlt hat. Eine Kostenüberschreitung von 87 Prozent.

«Massiv verschätzt»

Kurz zuvor hat sich Ähnliches abgespielt: Frutiger/Interalp hatten den Beschaffungswettbewerb für die Sanierung des Kulmtunnels auf dem Simplon gewonnen. Offerierter Preis: 22,9 Millionen Franken. Das Astra zahlte in der Schlussrechnung 28,2 Millionen Franken – 5,3 Millionen Franken respektive 24 Prozent mehr als vereinbart.

So hohe, nicht begründbare Nachträge machen die von der Behörde hochgehaltenen Beschaffungsregeln zur Farce. Das ist dem Astra klar. Dessen Sprecher Mark Siegenthaler begründet die Kostenüberschreitungen so: Der Arbeitsaufwand sei vom durch das Astra engagierten ­Projektverfasser massiv unterschätzt worden. Zudem habe Lawinengefahr die Arbeiten erschwert. Das stelle «eine höchst unerwünschte Situation» dar. Verblüffend direkt ist man bei Frutiger: «Gemäss unserer Beurteilung haben vermutlich eine ungenügende Projektierung und eine lückenhafte Ausschreibung zu den Kostenüberschreitungen geführt.»

Teilweise seien Arbeiten vergessen und das Ausmass der Arbeiten massiv unterschätzt worden, sagt Rudolf Lagger, ­Mitglied der Geschäftsführung. «Diese Punkte» lägen aber in der Verantwortung des Astra. «Deshalb musste nicht der Unternehmer die Kosten übernehmen.»Im lokalen Gewerbe munkelte man seit Monaten, dass das Konsortium für Aufträge viel höhere Totalbeträge erhalten habe, als es offeriert hatte. Wie viel, wusste man zwar nicht. Umso stärker brodelte die Gerüchteküche. Der «Walliser Bote» hat bereits im letzten Juli über hohe Kostenüberschreitungen bei der Kaltwassergalerie spekuliert.

Die ­Lokalzeitung ist die Flüstertüte der Walliser Bauunternehmer, oft gut unterrichtet, zuweilen par­teiisch. So reklamierte das Blatt lange bevor die Bundesanwaltschaft eingriff, bei den Simplonbaustellen herrsche Vetternwirtschaft. Das Astra versorge Frutiger/Interalp mit Insidertipps. Aber auch die NZZ schrieb, Frutiger werde in der Walliser Bauwirtschaft «eine auffällige Nähe zur Astra-Niederlassung in Thun nachgesagt». Walliser sprechen abschätzig von der «Berner Connection», weil beide ihren Sitz in Thun haben, aus Walliser Perspektive «Tür an Tür» .

Astra will Aufklärung

Die Vorwürfe bezüglich Vetternwirtschaft in Bezug auf eine Verbindung zwischen Frutiger und der Astra-Filiale in Thun seien haltlos, sagt Astra-Sprecher Siegenthaler. Zu den Korruptionsvorwürfen gegen die verhafteten Astra-Beamten sagt er, man sei an einer lückenlosen Aufklärung höchst interessiert. Ob die Kon­trollmechanismen des Astra genügten, könne erst beurteilt werden, wenn die Verfahren abgeschlossen seien.

Bei Frutiger weist man den Vorwurf zurück, Hinweise auf eine mögliche unsaubere Geschäftspraxis der Partnerfirma Interalp nicht ernst genommen zu haben. «Wir erfuhren erst aus den Medien von den Kor­ruptionsvor­würfen gegen den Geschäftsführer. Sonst hätten wir bestimmt früher reagiert», sagt Geschäftsleitungsmitglied Lagger.

Politik gegen «Berner Filz»

Mittlerweile ist das Klima zwischen den Parteien vergiftet, besonders zwischen dem Astra und der Baufirma Zenklusen aus Simplon Dorf. Dort hat der Konflikt eine neue Eskalationsstufe erreicht. Es geht um den bisher grössten Bundesauftrag auf dem Simplon: 35 Millionen Franken. Frutiger/Interalp kam wieder zum Zug. Zenklusen hat Beschwerde eingereicht. Das Astra andererseits hat Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht, weil Zenklusen vertrauliche Dokumente aus dem Astra zugespielt wurden (siehe Kasten).

Längst mischt auch die Politik mit: Die Gemeinde Gondo kämpft an der Seite der lokalen Baufirmen. Der Gemeindepräsident prangert in Briefen an die Astra-Direktion die «befremdliche Vergabepraxis» an. Und das Walliser Kantonsparlament überwies mit 81 zu 31 Stimmen ein Postulat von Doris Schmidhalter-Näfen, Prä­sidentin der SP Oberwallis: Die Regierung solle den «Berner Filz» auf dem Simplon entfilzen. Die SP-Politikerin kämpft an der Seite der lokalen Firmen.

Die Situation droht dem Astra zu entgleiten: Das Amt versucht mit Powerpoint-Präsentationen, die Walliser zu beruhigen. Diagramme auf den Folien zeigen, dass bei offenen Beschaffungsverfahren am Simplon immerhin 54 Prozent an Walliser Firmen gingen. Das Astra rechnet in seiner Präsentation den Anteil von Interalp am Konsortium Napoleon einfach den Walliser Firmen zu. Diese Auslegung ist nicht falsch, dürfte die Walliser aber kaum beruhigen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.04.2016, 09:14 Uhr

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