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Zweite Corona-WelleOnlinehändler bereiten sich auf bevorstehenden Ansturm vor

Für «Black Friday» und das Weihnachtsgeschäft rechnen Onlinehändler mit einer viel höheren Nachfrage als im Vorjahr. Und wappnen sich.

Gewappnet für den nächsten Bestellansturm: Logistikzentrum von Digitec Galaxus in Wohlen im Aargau.
Gewappnet für den nächsten Bestellansturm: Logistikzentrum von Digitec Galaxus in Wohlen im Aargau.
Foto: Gaetan Bally (Keystone) 

Acht Wochen lang waren die Geschäfte geschlossen. Nur Supermärkte, Apotheken oder Drogerien durften offenbleiben. Wer während des Lockdown ab März also Kleider, Möbel oder Bücher kaufen wollte, musste sein Glück im Internet versuchen. Dies taten die Schweizerinnen und Schweizer dann ausgiebig. Auch Lebensmittel wurden zuhauf im Netz bestellt.

Das brachte so manchen Onlinehändler an seine Grenzen: Lebensmittellieferungen von Coop.ch oder der Migros-Tochter Leshop.ch waren teilweise erst zwei Wochen nach Bestellung möglich. Auch weil das Geschäft im Lebensmittel-Onlinehandel bis dahin ein Nischendasein geführt hatte und die Händler auf den Ansturm nicht vorbereitet waren. Doch die grossen Fische der Onlinebranche wie Brack.ch oder Digitec Galaxus kamen unter der enormen Nachfrage ebenso ins Schwitzen.

100 Prozent mehr Wachstum

Die Händler handelten: Viele stellten Personal ein oder bauten ihre Lagerhallen aus. Denn ihrer Erwartung nach wird das Wachstum nachhaltig sein. Patrick Kessler, Geschäftsführer vom Handelsverband.swiss, sagte bereits im Juni zu dieser Zeitung, er gehe davon aus, dass das Wachstum weiter zunehmen werde.

Das bestätigten die Zahlen des Handelsverbands, des Marktforschungsinstituts FFK und der Post. Obwohl sich die Nachfrage nach dem Ende des Lockdown etwas abschwächte, lagen die Onlineverkäufe im Juli immer noch 24 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.

Sprich: Die Kunden kaufen auch nach Ende des Lockdown mehr online ein als vor der Corona-Krise. Die Verschiebung hin zu digitalen Verkaufskanälen ist dauerhaft.

Nun rollt die zweite Welle auf die Onlinehändler zu. Denn die Monate Oktober bis Dezember sind auch ohne das Virus die stärksten Wachstumsmonate des Onlinehandels – dank Weihnachtsgeschäft und den Rabattschlachten am Black Friday, Singles Day und Cyber Monday.

Dieses Jahr dürfte ein kumulierter Effekt durch Corona und die Feiertage entstehen, sagt Versandhandelsexperte Patrick Kessler. Er erwarte für die Monate Oktober bis Dezember nochmals etwa 30 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. Sollten die Corona-Massnahmen wieder verstärkt und die Menschen zurück ins Homeoffice geschickt werden, könnte das Wachstum sogar 40 Prozent betragen.

Auf das Gesamtjahr gesehen, geht der Handelsverband mittlerweile von einem Plus von mindestens 30 Prozent aus. Zur gleichen Annahme kommt auch der aktuelle «Commerce Report Schweiz» der Fachhochschule Nordwestschweiz. In absoluten Zahlen wächst der Schweizer Onlinehandel in diesem Jahr zwischen 1,8 und 2,5 Milliarden Franken.

Händler schaffen Arbeitsplätze

Auf den kommenden Ansturm sind die Onlinehändler nun vorbereitet: In der Modeindustrie sind das zweite und das vierte Quartal aufgrund der Saisonwechsel grundsätzlich am umsatzstärksten. Bei Zalando sei man vorbereitet, heisst es auf Anfrage. «Wir haben uns an unseren Logistikstandorten langfristig gut aufgestellt», sagt eine Sprecherin.

Ex Libris hat nach Angaben einer Sprecherin im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft die Lager deutlich vergrössert. Zudem hat die Migros-Tochter ebenfalls weiteres Personal in der Logistik und im Kundendienst eingestellt.

Digitec Galaxus sucht aktuell 250 Aushilfen in der Logistik. Und stellt zusätzlich 100 Kundenberater ein. Die Migros-Tochter rechnet mit über 50 Prozent mehr Bestellungen als letztes Jahr.

Über 10’000 Quadratmeter mehr Lagerfläche

Zu erwartende Spitzen wie am Black Friday werde man weitestgehend störungsfrei bewältigen können, heisst es beim Onlinehändler Brack.ch. Bereits während des partiellen Lockdown wurden Logistik und Kundendienst zeitweilig massiv aufgestockt. Auch für die kommenden Monate werde temporäre Unterstützung gesucht, sagt ein Sprecher.

Zudem wurde der Ausbau des Logistikzentrums in Willisau LU beschleunigt. Dort entsteht ein Erweiterungsgebäude von knapp 10’000 Quadratmeter Fläche und einer Höhe von 31,2 Metern mit zwei automatischen, unbemannten Hochregallagern. Das Lager soll Mitte 2021 in Betrieb genommen werden.

In Willisau LU baut Onlinehändler Brack.ch sein Logistikzentrum aus. Es entstehen zwei automatische, unbemannte Hochregallager.
In Willisau LU baut Onlinehändler Brack.ch sein Logistikzentrum aus. Es entstehen zwei automatische, unbemannte Hochregallager.
Foto: Brack.ch

Nachdem sich die Nachfrage auf Coop.ch während der Pandemie verdoppelt hatte, schuf der Detailhändler neue Stellen. «In den Bereichen Transport und Logistik nahm die Zahl der Mitarbeitenden um rund ein Fünftel zu», sagt eine Sprecherin. Rund um die Festtage rechnet Coop aber mit einer ähnlich hohen Nachfrage wie in den vergangenen Jahren.

Auch bei der Lebensmittel-Plattform Farmy.ch stieg der Personalbestand von 80 Personen auf über 120 an. Zudem wurde das Lager erweitert.

So führt der Corona-getriebene Onlineboom auf kurz oder lang zu mehr Arbeitsplätzen. Ein Lichtblick, betrachtet man die Abbaumassnahmen der gebeutelten Detailhändler: Im April gab Globus den Abbau von rund 100 Stellen bekannt. Und die Warenhauskette Manor entlässt wegen der Covid-19-Krise fast 500 Angestellte.

18 Kommentare
    Ben Harper

    Beim grössten Schweizer Buchversandhändler stammen die neu eingestellten Mitarbeiter zu 90% vom RAV. Die anderen 10% sind Mitarbeiterempfehlungen aus dem Freundeskreis zB Gastro, Eventtechnik usw.