Zum Hauptinhalt springen

Diebe, Hacker, BilanzfälscherPandemie entlarvt Kriminelle

Die Corona-Krise mit den wirtschaftlich brutalen Folgen bringt Machenschaften ans Tageslicht, die zuvor munter
im Verborgenen geblüht haben.

Zuerst Bilanzfälschung, dann Konkurs: Ein Supertanker des singapurischen Schwerölhändlers Hin Leong.
Zuerst Bilanzfälschung, dann Konkurs: Ein Supertanker des singapurischen Schwerölhändlers Hin Leong.
Edgar Su (Reuters)

Not macht erfinderisch. Leider gilt das auch für Kriminelle in Corona-Zeiten. Schutzmasken-Betrug, Erpresser-Mails, der Kollaps einer Spitalkette. Immer mehr Diebe, Hacker und Bilanzfälscher fliegen auf. Sie setzen auf Angst und Verunsicherung der Bürger.

Die internationale Polizeiorganisation Interpol, die europäische Polizeibehörde Europol und die Schweizer Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) beobachten seit Wochen eine Zunahme krimineller Aktivitäten im Internet mit direktem Bezug zur Corona-Krise. Melani und die Eidgenössische Steuerverwaltung warnten soeben vor E-Mails mit Anhang über angebliche Steuerrückerstattungen. Das Dokument enthält eine Schadsoftware, soll also auf keinen Fall geöffnet werden.

Geschäftemacherei mit gefälschten Medikamenten

In vielen Branchen brechen die Umsätze komplett weg, Corona-Betrüger haben dagegen Hochkonjunktur. Europol koordinierte kürzlich eine Razzia gegen Medikamentenfälscher im Internet, die auf mehr als 2000 Webseiten in 90 Ländern nutzlose Produkte angeboten hatten. Vier Millionen Medikamenteneinheiten wurden bei der Operation «Pandea» beschlagnahmt.

In Singapur wurde ein 29-jähriger Mann verhaftet, der in einen Schwindel im Umfang von 6 Millionen Euro verwickelt ist. Der Tatverdächtige hatte einer französischen Pharmafirma per Mail Masken und Desinfektionsmittel angeboten, ohne zu liefern.

Interpol warnt vor falschen Impfstoffen

Gemäss Interpol-Generalsekretär Jürgen Stock dürften Kriminelle bald versuchen, in den Handel mit gefälschten Corona-Impfstoffen einzusteigen. Er erwarte eine «grosse und globale Welle», sagte Stock diese Woche. Kriminelle hätten sich «schnell an die Coronavirus-Pandemie angepasst». Auch das Gesundheitswesen sei betroffen, etwa bei der «Entsorgung kontaminierter Klinikabfälle».

Interpol weist auch auf Finanzbetrügereien in sozialen Netzwerken, per Telefon und im Internet via Phishing-Attacken hin. Betrüger behaupten bei Anrufen gegenüber Privatpersonen, in Kliniken zu arbeiten und Verwandte zu behandeln, und fordern die Bezahlung von Rechnungen.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel hat diese Woche Finanzinstitute vor Cyberattacken gewarnt, die auf Geldwäsche und Terrorfinanzierung hinauslaufen. Informatiknetzwerke verdienten besonderes Augenmerk.

Dreister Betrug mit Masken

Auch staatliche Stellen werden abgezockt. Im bisher grössten international angelegten Betrugsfall im März bestellte das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen bei zwei Vertriebsfirmen rund 10 Millionen Schutzmasken für knapp 15 Millionen Euro. Der Geschäftsführer zweier Firmen in Zürich und Hamburg hatte die Masken bei einer spanischen Firma bestellt und eine Vorauszahlung von 2 Millionen Euro geleistet.

Die Lieferung sollte in den Niederlanden übergeben und mit 52 Lastwagen per Polizeieskorte nach Nordrhein-Westfalen gebracht werden. Die Landesregierung hatte 14,7 Millionen Euro an die Schweizer Firma bezahlt, doch die Ware blieb aus. Dank Interpol konnten die Millionen, die auf ein Konto in Nigeria wandern sollten, rechtzeitig beschlagnahmt werden.

Zunahme auch in der Schweiz

In der Schweiz nimmt die Internetkriminalität laut der spezialisierten Webseite coronafraud.ch ebenfalls zu. Die Webseite ist erst vor kurzem vom Institut für die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität der Fachhochschule Neuenburg, Jura und Berner Jura aufgeschaltet worden. Mehr als 200 Fälle wurden bisher registriert, darunter gefälschte Webseiten oder betrügerische Angebote für Schutzmasken und Hygieneartikel. In einem Fall wurde per Mail für die Weltgesundheitsorganisation um eine Bitcoin-Spende für wichtige Schutzkleidung und Vorräte gebeten.

Am Mittwoch berichtete der «Tages-Anzeiger» von einem Millionenbetrug bei Corona-Krediten. Allein die Staatsanwaltschaft Zürich untersucht in rund 30 Fällen, ob Gelder erschlichen wurden. Die Meldestelle für Geldwäscherei ermittelt in 23 Verdachtsfällen.

Mehrere Fälle frisierter Bilanzen aufgeflogen

Im Zuge der verheerenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind etliche Finanzskandale aufgeflogen. In Singapur meldete im April Hin Leong, einer der grössten Schwerölhändler, Konkurs an. Die Geschäftsleitung musste zugeben, die Bilanz um rund 800 Millionen Dollar frisiert zu haben. Das Unternehmen sitzt auf 3,8 Milliarden US-Dollar Schulden. Bei zwei weiteren Skandalen in Singapur um die Rohstoffhändler Agritrade International und Zenrock haben mehrere Banken schwere Betrugsvorwürfe gegen die Firmen erhoben.

In dieser Woche wurde bei Luckin Coffee der Konzernchef gefeuert. Bei dem chinesischen Unternehmen, dessen Aktien an der New Yorker Börse gehandelt werden, ist offenbar der Umsatz um mehr als 300 Millionen US-Dollar geschönt worden. Die Kaffeekette mit rund 4500 Läden will in China den US-Rivalen Starbucks vom Spitzenplatz verdrängen. Aufgedeckt hat den Skandal der Leerverkaufsspezialist Carson Block von der Firma Muddy Waters. Diese durchsucht Bilanzen auf dubioses Zahlenmaterial.

Riesiger Bilanzfälschungsskandal

Auch der Gesundheitssektor bleibt nicht verschont. In einem der grössten Finanzskandale eines Unternehmens, das dem britischen Aktienleitindex FTSE 100 angehört, steht die Hospitalkette NMC seit Kurzem unter Zwangsverwaltung. In den Bilanzen waren mehr als 4 Milliarden US-Dollar Schulden versteckt. Die NMC-Gruppe mit Sitz in Abu Dhabi ist in Grossbritannien, Spanien und Saudiarabien aktiv und beschäftigt 2000 Ärzte sowie 20000 Schwestern und Pfleger. Firmengründer Bavaguthu Raghuram Shetty spricht von «schwerem Betrug».

Erste Untersuchungsergebnisse des früheren FBI-Direktors Louis Freeh zeigen Bilanzfälschung, gefälschte Rechnungen und Schmiergeldzahlungen. Bis zu 20 Manager sollen in den Skandal verwickelt sein. Der grösste Kapitalgeber, die Abu Dhabi Commercial Bank, hat eine Strafanzeige eingereicht. Weitere Investoren wie der norwegische Staatsfonds, die Capital Group und Hermes Investment dürften ihre Gelder verlieren.

Politisch brisant: Ein US-Geheimdienst und die US-Polizeibehörde FBI haben diese Woche chinesische Hacker beschuldigt, US-Forschungsinstitute anzugreifen, um Material aus Coronavirus-Studien und Impftests zu stehlen. Der Gesundheitssektor, Pharmaunternehmen und Forscher seien primär im Fokus. Chinas Spionagetätigkeit sei «massiv», sagt James Lewis von der US-Denkfabrik CSIS in Washington, doch es gebe Anzeichen, dass sich der Fokus neu «auf biomedizinische Ziele» richte.

1 Kommentar
    Martin Cesna

    So weit muss man nicht gucken!

    In manchem Schweizer Laden stehen da so kleine Fläschchen zwecks Desinfektion, die einen zweistelligen Frankenbetrag kosten.

    Brennspritt tut es auch und kostete vorher pro Liter etwa drei Franken.

    Wo ist das Zeugs übrigens heute? Wird das absichtich geschäftlich gebunkert zwecks Gewinnsteigerung?