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Der Mann, der die Bronx befriedete

DJ Kool Herc hat eine Milliardenindustrie begründet, aber kein Geld für eine dringende Operation.

Jonathan Fischer
Dem Grossvater des Hip-Hop fehlt der Geschäftssinn: Kool Herc muss sich wegen seiner Nierensteine einer Operation unterziehen, hat aber nie eine Krankenversicherung abgeschlossen.
Dem Grossvater des Hip-Hop fehlt der Geschäftssinn: Kool Herc muss sich wegen seiner Nierensteine einer Operation unterziehen, hat aber nie eine Krankenversicherung abgeschlossen.

Hip-Hop ist heute Kern einer weltweiten Milliarden-Dollar-Industrie, die Autos und Sportschuhe, Softgetränke und Handys verkauft. Einer der Paten des Genres ist leer ausgegangen: DJ Kool Herc hat an seiner Erfindung nie viel verdient. Bis heute schlägt er sich mit Gagen fürs Plattenauflegen durch. Ihm fehlte der Geschäftsgeist seiner Platten produzierenden Jünger wie Grandmaster Flash & the Furious Five oder Run DMC; für das blosse Mixen gibt es nach gängigem Urheberrecht nun mal keine Tantiemen.

Vielleicht war der gutmütige Riese, dessen bürgerlicher Namen Clive Campbell lautet, aber auch einfach zu früh dran. In der Popgeschichte waren die Pioniere oft nur die Steigbügelhalter jener, die aus ihren Ideen gutes Geld machten.

Spenden für den Grossvater des Hip-Hop

Nun muss der 55-jährige Grossvater des Hip-Hops die Enkel um Hilfe bitten. Der New Yorker Produzent DJ Premier teilte in seiner Radiosendung mit, dass Kool Herc ernsthaft erkrankt sei und sich wegen seiner Nierensteine einer Operation unterziehen müsse. Allerdings könne er das Geld dafür nicht selbst aufbringen.

Wie viele ärmere Amerikaner hatte sich auch Kool Herc nie eine Krankenversicherung geleistet. Seit ein paar Wochen führen DJ Premier und sein Kollege Tony Touch deshalb eine Twitter-Kampagne, um Spenden zu sammeln: «Wir können uns glücklich schätzen», erinnerte Premier seine Fans, «dass wir im Hip-Hop noch einen lebenden Vater unserer Kultur unter uns haben, während viele andere Musikgenres nur noch ihre Verstorbenen verehren können.» Kool Herc wird von Musikhistorikern als Erfinder des für den Hip-Hop fundamentalen «Break DJing» – des Isolierens und Aneinanderreihens der intensivsten Passagen verschiedener Platten – anerkannt.

«You don’t stop»

Zum ersten Mal zeigte der DJ die Technik 1973 bei einer der Partys, die er für seine Schwester gab. Im Gemeinschaftsraum des Sozialbaus 1520 Sedgwick Avenue in der Bronx bastelte er aus Sekundenschnipseln bis zu fünfminütige Break-Feuerwerke – und ging ganz in seiner Rolle als Hohepriester und Beat-Jongleur einer kollektiven Ekstase auf. Mit «Shout Outs» oder Raps wie «B-boys and B-girls, are you ready», «to the beat y’all» und «you don’t stop» feuerte er die Tänzer übers Mikrofon an. Ein Stilmittel, das er aus der alten Heimat Jamaika mitgebracht hatte.

Deren Dancehall-Kultur waren auch seine riesigen Boxentürme geschuldet: Kool Herc baute seine Anlage regelmässig in einem der Stadtparks auf, wo er den Strom aus den Strassenlaternen zapfte und mithilfe von Basswellen und Percussion-Breaks der von Verfall und Gang-Kriminalität geprägten Bronx eine ganz neue Energie zuführte. Die Bandenkämpfe flauten daraufhin schlagartig ab. Kool Hercs Partys boten offensichtlich etwas Besseres: ein allnächtliches Kräftemessen auf dem Tanzboden – und einen bis dato ungehörten Mix.

Auch wenn Kool Herc nie eine Platte aufnahm und sich 1980, als der Hip-Hop kommerzialisiert wurde, nach einer Messerstecherei aus den Clubs zurückzog, hat sein Stil den Pop revolutioniert. Zuletzt machte er Schlagzeilen, als er erfolgreich gegen den Spekulationsverkauf und die Vertreibung der Mieter des Blocks 1520 Sedgwick in der Bronx kämpfte – des Geburtsorts des Hip-Hops. Nun hofft er auf seine eigene Rettung.

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