Jung, berühmt und abgewrackt

Influencerin Caroline Calloway nutzt einen öffentlichen Streit über ihre Geschäftspraktiken, um noch mehr Follower zu gewinnen.

Wurde mit ihrem Instagram-Account berühmt: Caroline Calloway. Ihre Beiträge schrieb sie aber teilweise gar nicht selbst. Foto: Getty

Wurde mit ihrem Instagram-Account berühmt: Caroline Calloway. Ihre Beiträge schrieb sie aber teilweise gar nicht selbst. Foto: Getty

Michèle Binswanger@mbinswanger

Die Beziehung zwischen Influencern und ihrem Publikum ist eine Art Co-Abhängigkeit. Influencer werden zu Stars, indem sie eine Illusion ihrer selbst verkaufen, das Publikum applaudiert, weil es die Influencer um dieses Leben beneidet. Beide wissen, dass es um eine Illusion geht, aber beide brauchen sie wie ein Süchtiger seinen Stoff.

Einen besonders intimen Einblick in diese Dynamik gibt dieser Tage Caroline Calloway, Influencerin mit rund 780'000 Followern. Dank eines langen und unvorteilhaften Artikels im Magazin «The Cut» wird sie gerade einem Publikum bekannt, das mit Instagram sonst weniger am Hut hat. Geschrieben hat ihn ihre ehemals beste Freundin Natalie Beach, sie verarbeitet darin ihre siebenjährige, intime Freundschaft, die bald in toxischer Abhängigkeit der beiden Frauen voneinander endet – und in Calloways Fall auch von Adderal, einem Amphetamin, das in den USA als Lifestyledroge weit verbreitet ist.

Es war Calloway selber, die die grösstmögliche Aufmerksamkeit für den unvorteilhaften Artikel über sich selber erzeugte.

Die Geschichte beginnt, als beide Studentinnen sind. Im Hörsaal lernen sie sich kennen, Calloway ist blond, vermögend, unternehmungslustig. Beach ist unscheinbar, begabt, und scheu. Sie möchte schreiben, weiss aber nicht, worüber. Und findet in Calloway ihr Sujet, als diese 2013 ihren eigenen Instagram-Account startet. Sie ist nicht die übliche Influencerin, die sich vornehmlich über perfekte Bilder verkauft, sondern vor allem über die Texte zu den Bildern. Es sind lange, sorgfältig geschriebene Captions, die wie die Versatzstücke ihrer eigenen Memoiren daherkommen – mehrheitlich geschrieben von Beach. Sie steckt ihre ganze kreative Energie in die Arbeit. Und die Freundschaft.

Grösstmögliche Aufmerksamkeit durch Verhalten

Auf Instagram inszenieren sie Calloway als Studentin mit einem Geschmack für Kunst, Champagner und Abenteuer mit Gentlemen. Das Projekt verbindet die beiden und führt zu einem hochdotierten Bücherdeal für Calloways Memoiren – geschrieben von Beach. Doch je mehr Aufmerksamkeit Calloway auf Instagram bekommt, desto schiefer wird die Beziehung der beiden Frauen. Beach fühlt sich ausgegrenzt, ausgenutzt und unsichtbar. Calloway erweist sich als äusserst unzuverlässig und lässt ihre Freundin immer wieder hängen. Der Buchdeal scheitert, schliesslich bricht die Freundschaft endgültig auseinander.

Der Artikel benennt die dunkle Seite von Calloways Hochglanz-Leben – die Depressionen, ihre Sucht und ihre Betrügereien. So sorgte Calloway dieses Jahr für einen grösseren Skandal, weil sie ihren Followern teure Tickets für ein vierstündiges Seminar über sich selbst verkaufte, versprochen waren vegane Lunchs und Blumenkränze, geboten wurden lasche Auberginen und eine Calloway am Rande des Nervenzusammenbruchs. Auch das verarbeitete Calloway auf Instagram. Und sorgte auch jetzt dafür, dass Beachs unvorteilhafter Artikel die grösstmögliche Aufmerksamkeit bekommt.

Noch bevor sie den Inhalt des Stücks überhaupt gelesen hatte, postete sie über Instagram obsessiv Kommentare zur zerbrochenen Freundschaft. Schrieb, wie leid es ihr tue, wie sehr sie Beach immer noch liebe und dass sie inzwischen von ihrer Sucht geheilt sei. Ein Verhalten, das Beach ihrerseits wieder in ihrem Artikel thematisiert – womit die beiden das toxische Abhängigkeitssyndrom noch einmal reproduzieren. Eine Ausgangslage, die im Internet grösstmögliche Aufmerksamkeit erzeugt. Beide dürften auf einen nächsten Buchdeal hoffen.

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