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Vater lehrt Tochter bei Luftangriffen zu lachen

Abdullah Mohammad bringt seine 4-jährige Tochter zum Lachen, damit sie keine Angst vor dem Krieg hat.

«Ein Luftangriff!», sagt die vierjährige Selva und lacht laut auf. Video: Tamedia

«Ist es ein Flugzeug, das du hörst», fragt der Vater seine Tochter, «oder ein Luftangriff?» Das kleine Mädchen, das neben ihm auf dem Sofa steht und in die Kamera schaut, flüstert freudig: «Ein Luftangriff.» «Bist du sicher?», fragt der Vater. Seine Tochter lächelt, nickt, lauscht. Und dann lacht sie laut auf, als im Hintergrund das donnernde Geräusch lauter wird, krachend explodiert. Sie lacht mit weit aufgerissenem Mund, geschlossenen Augen, geröteten Wangen – sie lacht ein glückseliges Kinderlachen.

Die Nachrichtenplattform Middle East Eye hat das Video jüngst auf Twitter gepostet. Der Vater des Mädchens, Abdullah Mohammad, ist ein heimatvertriebener Syrer. Er stammt aus der Region Idlib. Anfang Dezember hat die syrische Armee eine massive Offensive gegen die Provinz gestartet, es ist die letzte Region in den Händen der Rebellen. Der Angriff wird von russischen Kampfjets unterstützt und vom Iran kontrollierten Milizen – die Regierung in Teheran bestreitet jegliche Beteiligung (lesen Sie hier mehr dazu).

Luftangriffe als Teil eines Spiels

In den vergangenen vier Tagen wurden durch die Kämpfe mehr als 40 000 Menschen vertrieben, schätzen die Vereinten Nationen. Überwiegend sind es Kinder und Frauen. Seit Beginn des Jahres sind mindestens 300 Zivilisten getötet worden. Und die Situation spitzt sich weiter zu.

Mohammad ist mit seiner Familie weiter nördlich, nach Sarmada geflüchtet, schreibt der «Guardian». Seiner vierjährigen Tochter Selva erzählt er, der Bombenlärm sei wie ein Feuerwerk und ganz harmlos, die Luftangriffe bloss Teil eines lustigen Spiels. Der Vater will seiner Tochter so die Angst vor dem tobenden Krieg nehmen und sie vor einem Trauma bewahren. Er setzt auf das erlösende Lachen als Mittel gegen den psychischen Stress, dem Millionen Menschen in der Kriegszone täglich ausgesetzt sind.

Das Video von Abdullah Mohammad und Selva kursiert in den Sozialen Medien, viele zeigen sich ergriffen. Vater und Tochter seien herzzerreissend, schreiben sie in den Kommentaren. Die Nahost-Korrespondentin der «Zeit» zitiert einen Vater, der gesagt habe: «Das Regime will uns töten, also müssen wir weiterleben. Wenn die Bomben fallen, können wir die Kinder nur in den Arm nehmen.»

Die kindliche Unbeschwertheit geht zuerst verloren

Mohammad nimmt sein Kind in den Arm, indem er die Perversion des Krieges selbst pervertiert. Aus dem Schrecken macht er das Gegenteil: ein heiteres Ereignis, dem er mit seiner Tochter beiwohnt. Wer an einem Spiel teilnimmt, ist nicht länger ausgeliefert. Vielleicht berührt die Videoszene deshalb so viele: Sie zeigt, wie Mohammad für Selva die kindliche Unbeschwertheit zurückgewinnen will. Sie ist im Krieg das Erste, was verloren geht.

Das erinnert an den Film «La vita è bella» von 1997: Ein Vater befindet sich mit seinem Sohn im KZ. Um ihn vor der grausamen Realität zu beschützen, behauptet der Vater, ihr Aufenthalt sei ein kompliziertes Spiel. Siegen könne der Sohn nur, wenn er die Regeln genau befolge. Der Film endet mit den Worten: «Dies ist meine Geschichte, dies ist das Opfer, das mein Vater erbracht hat, sein Geschenk an mich. Wir haben das Spiel gewonnen.»

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