Die wahnwitzige Strategie des Tesla-Chefs

Elon Musk steht heute vor Gericht. Es geht um die Fragen, ob «Pädo-Typ» ein Schimpfwort ist – und wohin man sich ein Mini-U-Boot stecken kann.

Er behauptet, «Pedo guy» sei ein übliches Schimpfwort in Südafrika gewesen: Elon Musk. Foto: Jae C. Hong (AP)

Er behauptet, «Pedo guy» sei ein übliches Schimpfwort in Südafrika gewesen: Elon Musk. Foto: Jae C. Hong (AP)

Elon Musk ist ein Bösewicht, er hat das kürzlich selbst zugegeben. «Na gut: Ich bin Hank Scorpio», schrieb er bei Twitter. Ein Witz, natürlich, Scorpio ist eine charismatische und doch durchweg böswillige Figur in der Zeichentrickserie «The Simpsons». Niemand muss fürchten, dass Musk die Weltherrschaft an sich reissen will – es ist bekannt, dass er über seine Raumfahrtfirma Space-X lieber zum Mars auswandern würde.

Das Wahnwitzige an diesem Scorpio-Vergleich ist indes, dass es durchaus Parallelen gibt zu jenem Twitter-Eintrag, dessentwegen sich der Chef des Elektroautobauers Tesla unter der Fallnummer 18-08048 von diesem Dienstag an vor Gericht verantworten muss.

Musk hatte den britischen Höhlentaucher Vernon Unsworth im Sommer 2018 als «pedo guy» bezeichnet, als «Pädo-Typen» also. Diese Beleidigung steigerte er in einer Mail an einen Journalisten des Portals Buzzfeed (den er darin ein «fucking arsehole» schimpfte, ein «beschissenes Arschloch») zu «Kinder-Vergewaltiger» und forderte den Reporter auf, gefälligst nicht mehr derart positiv über Unsworth zu berichten.

Man sollte lieber mal recherchieren, ob der Höhlentaucher einst womöglich ein zwölf Jahre altes Kind geehelicht habe. Dann entschuldigte sich Musk für den später gelöschten Tweet, und gewöhnlich wird so ein Fall gegen Zahlung einer geheimen Summe unter den Teppich gekehrt.

«‹Pedo guy› war ein übliches Schimpfwort in Südafrika. Es ist gleichbedeutend mit ‹gruseliger alter Mann›.»Elon Musk

Die beiden Parteien jedoch hatten überhaupt kein Interesse an einer aussergerichtlichen Einigung. Unsworth war damals an der weltweit medial begleiteten Rettungsaktion der thailändischen Jugendfussballmannschaft beteiligt, die zwei Wochen in einer überschwemmten Höhle festsass. Die von Musk angebotene Hilfe hatte er als «PR-Trick» bezeichnet und gesagt, Musk solle sich sein Mini-U-Boot «dorthin stecken, wo es wehtut». Es folgten der Pedo-guy-Tweet, die Mail an den Journalisten und die Klage von Unsworth wegen Verleumdung.

Laut Gerichtsunterlagen, die dieser Zeitung vorliegen, rechtfertigte Musk seinen Tweet so: «Ich wollte keinesfalls insinuieren, dass sich Mister Unsworth der Pädophilie schuldig gemacht hat. ‹Pedo guy› war ein übliches Schimpfwort in Südafrika, wo ich aufgewachsen bin. Es ist gleichbedeutend mit ‹gruseliger alter Mann›, es wird dazu benutzt, sich über das Aussehen und Verhalten einer Person lustig zu machen – nicht, ihn der Pädophilie zu beschuldigen.»

Musk: «Ich war ein verdammter Idiot»

Es geht in der Klage nicht um Beleidigung, sondern um Verleumdung, das stellte Bezirksrichter Stephen Wilson in Los Angeles schon früh klar: «Er hat ihn nicht einfach einen ‹Pädo-Typen› genannt und es dabei belassen.» Nein, Musk hatte auch den Wohnsitz von Unsworth (die thailändische Provinz Chiang Rai) gegoogelt und dabei bemerkt, dass die Gegend bekannt ist für Kinderprostitution und Sexhandel.

Daraufhin hatte Musk für 50'000 Dollar einen Privatdetektiv angeheuert, um möglichst viele Details über das Leben des Höhlenforschers zu erfahren – und damit womöglich erreicht, dass sein Eintrag mitnichten als Beleidigung, sondern als Tatsache zu sehen sei. Der Detektiv jedoch entpuppte sich als Betrüger. «Ich war ein verdammter Idiot», sagte Musk laut Gerichts-Akten: «Das war vielleicht das Dümmste, was ich je getan habe.»

Übertreibung und Satire

Unsworth, so argumentieren Musks Anwälte nun, sei durch die Rettungsaktion eine Person des öffentlichen Lebens geworden und als solche müsse sie eben auch mit Spott rechnen. «Pädo-Typ» jedenfalls sei als Übertreibung und Satire zu interpretieren. Musk sei nun mal ein Exzentriker, der sich selbst als Superheld «Iron Man» oder Simpsons-Bösewicht «Scorpio» darstelle, während eines Interviews Marihuana rauche oder mit einem Flammenwerfer posiere.

Musk posiert an der Verleihung des «Das Goldene Lenkrad» von Auto Bild im November 2019. Foto: Reuters

Diese Argumentation allerdings wies Bezirksrichter Wilson in der vergangenen Woche zurück – mit der Begründung, Unsworth sei durch den Eintrag von Musk überhaupt erst «berühmt» geworden. Eine bedeutsame Entscheidung, weil Unsworth nach kalifornischem Recht nun nicht mehr beweisen muss, dass ihn Musk absichtlich verleumdet oder beleidigt habe. Er muss nur zeigen, wie sehr sein Ruf durch Musk gelitten hat.

Eine wahnwitzige Strategie

Musk wird, das haben seine Anwälte angekündigt, ebenfalls aussagen, und er dürfte dabei eine Strategie verfolgen, die er schon bei seiner Entschuldigung verwendet hat: Unsworth soll als Initiator der Aggressionen dargestellt werden, schliesslich habe er doch empfohlen, dass Musk sexuelle Handlungen an einem U-Boot vollführen solle.

Wer Musk mal erlebt hat, zum Beispiel bei der Vorstellung des Cybertrucks kürzlich, der weiss, dass er ein unfassbar schlechter Live-Redner ist – das ist gleichzeitig Teil seines Charmes. Es ist deshalb unvorhersehbar, wie er sich im Zeugenstand schlagen wird.

Einen ersten Erfolg hat Musk allerdings schon verbucht: Die Mail an den Buzzfeed-Journalisten darf nicht als Beweisstück für Verleumdung verwendet werden, sondern lediglich als Hinweis dafür, wie Musk so tickt. Die Strategie: Was hilft es, jemanden als Bösewicht darzustellen, der gerade behauptet hat, eine Zeichentrickfigur zu sein? Eine Strategie, mal wieder so wahnwitzig, dass Elon Musk damit tatsächlich Erfolg haben könnte.

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