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Auf der Jagd nach dem perfekten Sturm

Unwetterjäger rasen in den USA grandiosen Tornados entgegen. Das gefährliche Hobby findet immer mehr Anhänger.

Möglichst nahe heran: Ein Tornado im US-Bundesstaat Minnesota.
Möglichst nahe heran: Ein Tornado im US-Bundesstaat Minnesota.

Mit 145 Stundenkilometern brettern die Geländewagen und Kombis über die Autobahn, dorthin, wo es düster wird, wo sich etwas zusammenbraut. Nicht Polizei oder Rettungskräfte sind es, die da einer möglichen Naturkatastrophe entgegeneilen. Es sind Unwetterjäger auf der Hatz nach einem grandiosen Wirbelsturm. An diesem Nachmittag sind sie hinter einer Superzelle im äussersten Westen von Oklahoma her, die einen EF2 verspricht - einen starken Tornado der Schadensklasse 2 auf der Erweiterten Fujita-Skala.

Dank Digitalkameras und mobilem Radar wird aus der Subkultur der Storm Chaser allmählich eine Massenbewegung, und sie wird immer gefährlicher. Immer häufiger liefern sich die Jäger des perfekten Sturms riskante Wettrennen und blockieren den Weg für Rettungskräfte. Manche verloren dabei ihr Leben.

Erst Hunderte, dann Tausende

Wie viele es sind, weiss niemand. Veteranen der Szene, die schon lange Jahre den Mittleren Westen der USA abfahren, sprechen von Tausenden, vielleicht Zehntausenden. Noch vor 15 Jahren waren es ein paar Hundert. «Das ist eine viel grössere Sache geworden. Weil Daten für jedermann verfügbar geworden sind, kannst du im Grunde zum Preis eines Satellitentelefons aktuelle Radardaten im eigenen Wagen haben», sagt der Meteorologe Harold Brooks vom Unwetterforschungsinstitut der Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA) der USA.

Was die Jäger antreibt, ist ganz unterschiedlich. Manche sind Wissenschaftler, die etwas über Tornados zu lernen hoffen. Andere sind Tourenveranstalter, die für mehrere tausend Dollar erlebnishungrige Schaulustige der Gefahr aussetzen. Viele allerdings sind schlicht Adrenalin-Junkies, mit kaum mehr als einem schicken Handy und einem Laptop ausgerüstet.

«Das Jagdfieber ist das Aufregende daran»

Glückspilze schiessen ein Foto oder Video, das sie für 50 bis 100 Dollar an einen Fernsehsender oder eine Zeitschrift verkaufen können. Pechvögel fahren ihren Jeep schon unterwegs zu Schrott und verpassen den Sturm. «Das Jagdfieber, das ist das Aufregende daran», erklärt Tiffany Crumrine. Die 37-Jährige fährt mit der Meute dem EF2 hinterher, weil sie Trichterwolken nicht bloss im Fernsehen sehen will.

An jedem Sturm auf den Great Plains sind 15, 20 oder 30 Wagen dran. «Es sind so viele Jäger, dass man kaum durchkommt, wenn man wohin muss, und dass kann zum Problem werden», sagt Fachmann Greg Forbes vom Wetterkanal. Er hat oft mit Wissenschaftlern zu tun, denen Sturmjäger ins Gehege kamen und ihnen die Chance nahmen, den Verlauf eines Sturms zu verfolgen. «Was, wenn ein Tornado etwas trifft, und da so viele Autos unterwegs sind? Das erschwert dem Katastrophenschutz die Arbeit.»

Zu häufig «Twister» gesehen

Nach Angaben der US-Vereinigung der Sturmjäger sind seit 1999 mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. Er habe schon Eltern gesehen, die ihre Kinder mit auf die Jagd nähmen, erzählt Scott Blair aus Topeka in Kansas. Andere gingen bis auf 100 Meter an den Wirbelsturm heran. Selbst die Spezialisten der Unwetterforschung verfolgen Tornados zumeist von ihren Instituten aus. Nur gelegentlich betreiben einige Wetterkundler Feldforschung, sammeln Daten darüber, wie Stürme sich bilden, oder verfolgen im Nachhinein ihren Weg. «Keiner hat einen Job als Sturmjäger», sagt Meteorologe Brooks.

An diesem Dienstagmittag hoffen die Jäger des EF2, dass es noch einmal solche Wirbelstürme gibt wie die zwei Dutzend am Tag zuvor. Obwohl dabei zwei Menschen ums Leben kamen, sind die Tornado-Paparazzi kaum zu bremsen.

Chris Kridler aus Florida kommt seit 1997 jedes Jahr mit einer schlichten Videokamera zur «Strasse der Tornados». Aus ihrer Sicht ist die Unwetterjägerei ein gefährlicher Trend bei Leuten geworden, die zu oft den Film «Twister» gesehen haben. Die Neulinge seien kaum in der Lage, extremes Wetter zu bestehen, und gingen Risiken ein, die kein erfahrener Sturmjäger sich wagen würde. «Die denken: 'Ich muss in diesen Tornado reinfahren.' Und dann kommt noch jemand um», befürchtet Kridler.

Aus Australien angereist

Am Nachmittag warten die Paparazzi wieder an einer staubigen Landstrasse darauf, dass sich ein Sturm bildet. Dabei ist auch Daniel Shaw, der extra aus Australien in die USA kommt, um Stürme zu jagen. «Amerika hat was mit seinen Sturmsystemen, die diese Monster hervorbringen «, schwärmt er. «In Australien gibt es so was nicht. Es ist schon komisch, so weit nach Amerika zu kommen, um einen Sturm zu sehen. Aber was es hier gibt, ist echt unglaublich.»

Am späten Nachmittag prescht die Karawane dorthin, wo der Himmel am dunkelsten ist. Nach wenigen Minuten wird klar, dass der erhoffte EF2 sich nicht zeigen wird: Die dräuenden Wolken reissen auf, die Sonne kommt durch. Der Tornado fällt heute aus.

dapd/jak

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