«Bombenleger» muss mit U-Haft rechnen

Im Rucksack, den ein 31-jähriger Deutscher während der Street Parade deponiert hatte, waren Handy, Kabel, Metallteile und PET-Flaschen, wohl gefüllt mit Brandbeschleuniger.

Im orangen Rucksack befanden sich Attrappen von Rohrbomben, die echten täuschend ähnlich waren. (Foto: Kapo Zürich)

Im orangen Rucksack befanden sich Attrappen von Rohrbomben, die echten täuschend ähnlich waren. (Foto: Kapo Zürich)

Stefan Hohler@tagesanzeiger
Martin Huber@tagesanzeiger
Lorenzo Petrò@tagesanzeiger

Die Bombenattrappen im orangen Jack-Wolfskin-Rucksack waren erstaunlich genaue Nachbildungen. So genau, dass auch die Spezialisten der Polizei für Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen (USBV) anfänglich von einem brandgefährlichen Sprengsatz ausgingen. Laut dem zuständigen Staatsanwalt Daniel Kloiber waren im Rucksack Kabel, Handy, Metallteile und PET-Flaschen mit einer Flüssigkeit, wahrscheinlich einem Brandbeschleuniger. Einzig Sprengstoff und eine Zündvorrichtung fehlten. «So eine Attrappe wurde nicht einfach aus einer Laune heraus gebaut», sagt Kloiber.

Ob der 31-jährige, verhaftete Tatverdächtige inzwischen ein Geständnis abgelegt hatte, ist nicht bekannt. Der Deutsche wurde von der Staatsanwaltschaft noch nicht befragt. Kloiber geht derzeit davon aus, dass man Untersuchungshaft beantragen werde. Der Verhaftete ist der Polizei aktenkundig bekannt. Er ist jedoch nicht einschlägig vorbestraft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Deutschen wegen Schreckung der Bevölkerung. Bei einer Verurteilung droht ihm eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.

Zum Motiv gibt es weiterhin keine Informationen. Es gebe keine Hinweise, dass der Täter Verbindungen zu extremen politischen oder religiösen Gruppierungen hatte. Warum er die Tat plante und ausübte, ist nicht bekannt.

Pumpstation wurde «Opfer» des Bombenlegers

Um eine Abrechnung mit den Betreibern des nahen Restaurants Pumpstation handelt es sich nicht. Inhaber Michel Péclard hatte vor wenigen Wochen einen privaten Fahndungsaufruf in sozialen Medien gemacht, weil ein Container angezündet und das Personal von Jugendlichen bedroht worden war. Gemäss Pumpstation-Pressesprecher Florian Weber hat die Polizei das Personal auch nicht diesbezüglich befragt. «Sie haben nur informiert, dass das Restaurant innerhalb weniger Minuten geräumt werden müsse.»

Wenn einer der randalierenden Jugendlichen vom Juli hinter der Bombenattrappe stecken würde, so hätten sie das ohnehin mitbekommen, glaubt Weber. Schliesslich hat Pumpstation-Grillmeister «Baba» den jungen Mann, der sich für das Anzünden des Containers persönlich entschuldigt hatte, inzwischen angestellt. Der Ausnahmezustand beim Restaurant von 21 bis kurz vor 24 Uhr habe ihnen aber tüchtig das Geschäft mit hungrigen und durstigen Street-Parade-Besuchern vermiest, sagt Weber: «Wir haben kiloweise Wurst und Poulet fortwerfen müssen.»

Gibts jetzt ein Rucksackverbot?

Der Vorfall mit dem Bombenrucksack lässt auch die Diskussion um die Sicherheitsvorkehrungen an der Street Parade neu aufflammen. Gibt es künftig Zutritts- und Rucksackkontrollen? Oder gar ein Rucksackverbot? «Wir müssen zuerst mehr über die genauen Hintergründe des Vorfalls wissen, dann können wir allfällige neue Erkenntnisse ins Sicherheitskonzept einfliessen lassen», gibt sich Sprecher Stefan Epli zurückhaltend. Rucksackverbote und -kontrollen seien schon in der Vergangenheit immer wieder ein Thema gewesen. An kleineren Festivals mit klar abgegrenzten Bereichen und kontrollierten Zugängen seien solche Massnahmen möglich. An der Street Parade dagegen mit Hunderten von Zugängen, die kaum alle kontrolliert werden könnten, seien sie schwierig umsetzbar.

Trotz des Vorfalls: Epli befürchtet keine negativen Folgen für das Image und den Besucheraufmarsch künftiger Paraden: «Sonst dürfte man ja auch an keinen Bahnhof oder an kein Züri-Fäscht mehr gehen.»

Rucksack stand schon lange da

Aufmerksam wurde die Polizei auf den Rucksack, weil eine Person die Stadtpolizei angerufen hatte. Sie war beunruhigt, weil der Rucksack schon längere Zeit herumstand, nicht ganz verschlossen, oben schauten laut Medienberichten PET-Flaschen und Kabel heraus. Die alarmierte Polizei sperrte in der Folge das Strassenstück auf einer Länge von rund 300 Metern ab, und die Passanten wurden über die Dufour- und die Seefeldstrasse zum Bellevue umgeleitet.

Laut Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, wurde bei der Evakuierung des Strassenstücks das sogenannte Dialogteam eingesetzt. Dabei waren Polizisten mit gelben Westen und Megafon an neuralgischen Punkten präsent und informierten die Besucher über die Absperrung. Unterstützt worden sei man auch von den privaten Sicherheitsdiensten der Street Parade. Die Besucher hätten sich sehr vernünftig verhalten, die Sperrung des Strassenstücks sei problemlos verlaufen.

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