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«Das war kein gewöhnlicher Erdrutsch»

Innerhalb von zehn Tagen sind im Tessin zweimal Erdrutsche niedergegangen. Doch das Unglück vergangene Nacht mit zwei Toten war offenbar das Resultat einer verheerenden Kettenreaktion.

Der Erdrutsch in Davesco-Soragno TI vom Sonntag mit zwei Toten und der Erdrutsch von vor zehn Tagen mit zwei Toten in Curio TI haben nicht die gleiche Ursache. Während in Curio nach starkem Regen sich am Hang eine tödliche Schlammlawine gelöst hatte, ereignete sich die Tragödie vom Sonntag auch wegen einer instabil gewordenen Mauer.

«Es handelte sich um keinen gewöhnlichen Erdrutsch, der aus rein natürlichen Gründen herbeigeführt wurde», sagte der mit der Untersuchung beauftragte Geologe Urs Lüchinger an einer Medienkonferenz in Lugano. Die Mauer oberhalb des zerstörten Gebäudes in Davesco-Soragno sei durch die starken Regenfälle instabil geworden und schliesslich den Hang hinunter gestürzt. Der Einsturz rief eine Art Kettenreaktion hervor.

Die Mauer riss zusätzlich Schlamm und Geröll mit sich. Diese brachten dann das gesamte Gebäude am Hang zum Einsturz, wie Lüchinger weiter sagte. Etwa 500 bis 1000 Kubikmeter Schlamm, Geröll und Gebäudereste übersäten nun die Kantonsstrasse in dem Dorf.

Den Angehörigen der Opfer sprach Luganos Gemeindepräsident Marco Borradori (Lega) sein Beileid aus. Seines Wissens nach habe sich das Wohnhaus nicht in einer Gefahrenzone für Erdrutsche befunden, sagte Borradori vor Medienvertretern in Lugano.

Der zweite Erdrutsch innerhalb weniger Tage wühlt auf: Renato Pizzolli, Sprecher der Tessiner Kantonspolizei, informiert am Morgen nach dem Erdrutsch die Medien. (16. November 2014)
Der zweite Erdrutsch innerhalb weniger Tage wühlt auf: Renato Pizzolli, Sprecher der Tessiner Kantonspolizei, informiert am Morgen nach dem Erdrutsch die Medien. (16. November 2014)
Gabriele Putzu, Keystone
Zwei Frauen konnten nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden: Luftaufnahme des durch einen Erdrutsch zerstörten Wohnhauses in Davesco-Soragno. (16. November 2014)
Zwei Frauen konnten nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden: Luftaufnahme des durch einen Erdrutsch zerstörten Wohnhauses in Davesco-Soragno. (16. November 2014)
Ti-Press/Gabriele Putzu, Keystone
Im dreistöckigen Haus wohnten acht Personen: Die Stelle, wo der Erdrutsch das Haus mitriss. (16. November 2014)
Im dreistöckigen Haus wohnten acht Personen: Die Stelle, wo der Erdrutsch das Haus mitriss. (16. November 2014)
Gabriele Putzu, Keystone
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Lebensgefährlich verletzt

Zwei Frauen - 34 und 38 Jahre alt - verloren in den Schlamm- und Geröllmassen ihr Leben, der 44-jährige Lebensgefährte einer der beiden Frauen wurde lebensgefährlich verletzt von Rettern aus den Trümmern gebogen. Zwei weitere Menschen konnten sich nach Angaben der Tessiner Kantonspolizei bereits kurz nach dem Erdrutsch gegen 2.40 Uhr am Sonntagmorgen selbst aus den Trümmern befreien. Eine dritte Person konnte durch die Hilfe der insgesamt 140 Rettungskräfte sofort geborgen werde. Die drei Personen haben nur leichte Verletzungen erlitten.

Eine vierte Person habe sich am Unglücksort sofort den Behörden gemeldet, erklärte die Polizei. Zum Zeitpunkt des Unglücks waren sieben Personen im Haus. Ein weiterer Bewohner befand sich demnach in Lausanne VD.

Die Tessiner Staatsanwaltschaft leitete inzwischen eine Untersuchung zum Unglück ein. Mit den geologischen Abklärungen wurde der Geologe Lüchinger beauftragt und nicht die Kantonsgeologen. Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur sda sagte Lüchinger, er sei beauftragt worden, weil er das betroffene Gebiet besonders gut kenne. Die Kantonsgeologen wiederum seien nur im Notfall vor Ort. Sie hätten für eine langwierige Untersuchung schlichtweg nicht genug Zeit.

Erst am 5. November hatten im von Davesco-Soragno etwa 15 Kilometer Luftlinie entfernten Curio eine 31-jährige Frau und ihre kleine Tochter in einem Erdrutsch ihr Leben verloren. Gemäss dem Geologen zerstörten etwa 1000 Kubikmetern Erdreich das Rustico, in dem die Beiden vermutlich schliefen. Das rund 100 Jahr alte Gebäude war erst vor zwei Jahren renoviert worden.

Luganersee tritt über die Ufer

Die anhaltenden Regenfälle haben im Tessin an mehreren Orten Schäden verursacht. Weil der Luganersee über die Ufer trat, wurden Strassen in Seenähe für den Verkehr gesperrt.

Verbreitet waren im Tessin innert 24 Stunden 50 bis 70 Millimeter Regen gefallen, wie Ludwig Zgraggen, Meteorologe bei MeteoSchweiz, am Samstagabend auf Anfrage sagte. Der Pegel des Lago Maggiore in Locarno stieg auf 196,19 Meter - das sind fast drei Meter über dem Jahresdurchschnitt. Beim Hochwasser gilt sowohl für den Lago Maggiore als auch den Luganersee die höchste Gefahrenstufe 5.

Verkehr zwischen Tessin und Italien eingeschränkt

Die starken Regenfälle haben im grenzüberschreitenden Bahnverkehr zwischen dem Tessin und Norditalien für Probleme gesorgt. Auf der wichtigen Nord-Süd-Achse zwischen Zürich und Mailand kommt es ab Chiasso TI auf unbestimmte Zeit zu Verspätungen und Zugausfällen.

Grund sei das Unwetter der vergangenen Nacht, teilte die SBB mit. Zu erheblichen Einschränkungen kommt es auch auf der Verbindungsstrecke zwischen Cadenazzo TI und dem Mailänder Flughafen Malpensa.

Auf der Linie von Cadenazzo nach Luino fahren die Züge aufgrund der Erdrutschgefahr nur unregelmässig. Ab Luino ist die Strecke dann komplett unterbrochen, weil bei Laveno-Mombello ein Erdrutsch niedergegangen ist.

Zwischen Cadenazzo und Mailand Malpensa kam es in den vergangenen Wochen häufiger zu Einschränkungen, da die Strecke grösstenteils direkt zwischen Berghang und Lago Maggiore verläuft.

(SDA)

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