Der japanische Zweck des Mietwagens

Viele Japaner geben ihr Mietauto mit null gefahren Kilometer zurück. Weshalb nur?

Manche Japaner suchen einfach nur ein Plätzchen, um sich zurückzuziehen und dem Trubel für ein paar Minuten zu entfliehen. Foto: Getty Images

Manche Japaner suchen einfach nur ein Plätzchen, um sich zurückzuziehen und dem Trubel für ein paar Minuten zu entfliehen. Foto: Getty Images

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Wenn Menschen ein Auto mieten, dann haben sie normalerweise ein Ziel: die Eltern in der Nachbarstadt oder den tollsten Strand der Insel, den man eben nicht mit dem Bus erreicht. Normalerweise. Manche Japanerinnen und Japaner scheinen das anders zu sehen: Regelmässig geben sie Mietwagen zurück, ohne damit auch nur einen einzigen Kilometer gefahren zu sein. Woran liegt das?, rätselten Autovermietungsfirmen und fragten bei ihren Kunden nach.

Heraus kam: Manche suchen einfach nur ein Plätzchen, um sich zurückzuziehen und dem Trubel auf der Strasse oder am Arbeitsplatz für ein paar Minuten zu entfliehen. Das gab Orix bekannt, eine Finanz- und Versicherungsgesellschaft aus Osaka, die schon seit 2002 Carsharing anbietet – mit mässigem Erfolg. In 17 Jahren gewann Orix nur 230 000 Abonnenten. Jetzt expandiert das Unternehmen auf die Nordinsel Hokkaido und nach Kyushu, da kann es nicht schaden, mit einer originellen Medienmitteilung Schlagzeilen zu machen.

Lunch essen oder ein Nickerchen machen

Aber auch der Marktführer Times 24 und der Mobilfunkanbieter NTT-Docomo, der ebenfalls Carsharing betreibt, bestätigen den Trend. Acht Prozent der von NTT-Docomo im Sharing gemieteten Autos werden gar nicht oder nur ganz kurze Strecken gefahren. Tendenz zunehmend. So stiegen manche der Befragten in den Wagen, um in Ruhe einen Lunch zu essen oder ein Nickerchen zu machen. Ein 31-jähriger Handelsreisender etwa bekannte, ausser in einem Carsharing-Auto könne er seinen Powernap höchstens in Cybercafés machen. Andere ziehen sich auf die Autositze zurück, um mit Freunden, Familienmitgliedern oder Geschäftspartnern zu telefonieren.

Und wenn der Handyakku mal leer ist? Dem Bericht zufolge ist die Suche nach einer Steckdose für viele Kunden ebenso ein Grund, sich ein Auto zu leihen. Begonnen habe das in der Folge der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe 2011, als das öffentliche Stromnetz sehr wackelig war. Auch nach Shoppingtouren sind die gemieteten Autos beliebt.

Kein Wunder, eine halbe Stunde Carsharing kostet als Basispreis 400 Yen (3.65 Franken), so viel wie die kleinsten Schliessfächer an den Bahnhöfen. Da wird es billiger, Grosseinkäufe für ein paar Stunden in einem Mietwagen beim Bahnhof aufzubewahren. Erst recht, wenn diese für ein Schliessfach zu sperrig sind.

Junge finden Autofahren

Generell geht der Absatz von Neuwagen in Japan zurück, besonders junge Leute finden Autofahren nicht mehr cool. In den Städten gibt es kaum Parkplätze, und Parkieren auf öffentlichen Strassen ist verboten. Wer ein Fahrzeug anmelden will, muss einen privaten Parkplatz nachweisen. Kommt hinzu, dass Japaner ein sonderliches Verhältnis zum Teilen haben. Beispielsweise die Vorstellung, dauerhaft in einer Wohngemeinschaft zu leben, ist vielen ein Gräuel. Und so verleihen sie auch ihren Wagen nicht. Das könnte auch erklären, warum manche Japaner lieber im Auto schlafen, nachdenken oder arbeiten, als damit herumzufahren.

Und was halten die Autoverleiher von den zweckentfremdeten Mietwagen? Orix ermahnt seine Kunden, den Motor eines stehenden Autos nicht laufen zu lassen - wie es in Japan für Heizung oder Klimaanlage üblich ist. «Fürs Auto ist es am besten, wenn es fährt», so die Firma. Für die Carsharing-Anbieter übrigens auch; Standmieten sind für sie meist ein Zuschussgeschäft - sie verdienen vor allem an gefahrenen Kilometern.

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