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Die Polizei von Cleveland stand offenbar mehrmals vor der Tür

Eine nackte Frau im Hof, Schreie und Hämmern an der Tür: Nachbarn sagen, sie hätten geahnt, dass mit dem Haus von Ariel Castro in Cleveland etwas nicht stimmt. Mehrmals hätten sie die Polizei gerufen.

Boxunterricht und Fahrstunden: In ihrem ersten Jahr in Freiheit holten die drei Entführungsopfer Amanda Berry, Gina DeJesus and Michelle Knight (von links) einiges nach. (24. Februar 2014)
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Tony Dejak, Keystone
«Ich werde überwinden, was sich ereignet hat»: Das Entführungsopfer Michelle Knight richtet am letzten Verhandlungstag das Wort an ihren Peiniger. (1. August 2013)
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Keystone
Ramsey ging auf die Veranda des Hauses. Berry streckte einen Arm durch einen Spalt in der Türe und bat ihn um Hilfe. Ramsey trat daraufhin den unteren Teil der Türe ein, und Berry konnte fliehen und die Polizei alarmieren. (7. Mai 2013)
Ramsey ging auf die Veranda des Hauses. Berry streckte einen Arm durch einen Spalt in der Türe und bat ihn um Hilfe. Ramsey trat daraufhin den unteren Teil der Türe ein, und Berry konnte fliehen und die Polizei alarmieren. (7. Mai 2013)
AP
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Warum hat die Polizei von Cleveland zehn Jahre lang erfolglos nach Amanda Berry (27), Michelle Knight (32) und Gina DeJesus (23) gesucht, obwohl sie direkt vor ihrer Nase in einem Haus festgehalten wurden? Nachdem die drei vermissten Frauen gestern aus ihrem Gefängnis in der 2207 Seymour Avenue befreit wurden, wird diese Frage immer lauter gestellt. Vor allem seit Zeugen berichten, dass die Polizei offenbar mehrmals zum Haus des verhafteten Ariel Castro (52) gerufen wurde, ohne die Mädchen zu entdecken.

Eine Nachbarin habe die Polizei alarmiert, weil sie eine nackte Frau auf Händen und Füssen durch den Hinterhof des Hauses habe kriechen sehen, schreibt die «Huffington Post». Ein anderer sei misstrauisch geworden, weil er ein Hämmern an der Tür gehört und Plastiksäcke über den Fensterscheiben gesehen habe. Ein dritter Anwohner berichtet, er habe vor ein paar Jahren Schreie aus dem Haus gehört und die Polizei gerufen, doch er wisse nicht, was danach passiert sei. Zweimal tauchte die Polizei laut Medienberichten vor dem Haus auf, nach drinnen gegangen seien die Beamten aber nie. Vonseiten der Polizei wurden diese Berichte noch nicht bestätigt.

2004 habe zudem der Kinderschutz bei Ariel Castro geklopft, weil der Schulbusfahrer einen Jungen im Bus vergessen haben soll. Er habe die Tür aber nicht geöffnet, weshalb die Beamten unverrichteter Dinge wieder abgezogen seien. Es war offenbar nicht der einzige Vorfall am Arbeitsplatz des gebürtigen Puerto Ricaners: Im November 2012 sei Castro schliesslich gefeuert worden, nachdem zum vierten Mal ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet worden sei, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters.

«Sie waren direkt vor ihrer Nase»

Castro habe sich zudem oft verdächtig verhalten, schreibt Reuters weiter. Er sei vor kurzem plötzlich in Begleitung eines 6-jährigen Mädchens nach draussen gegangen, dass er als Kind seiner Freundin ausgegeben habe. Er wurde vor zwölf Jahren geschieden, seither aber nie gemeinsam mit Frauen gesehen. 1993 sei er wegen häuslicher Gewalt verhaftet, aber nicht angeklagt worden.

Die Tochter von Castro war offenbar mit einem der Entführungsopfer, Gina DeJesus, befreundet: Sie trat laut der «New York Times» 2005 in einer Talkshow auf und berichtete, sie sei die letzte gewesen, die DeJesus – ihre «beste Freundin» – vor ihrem Verschwinden gesehen habe.

«Die Polizei sollte sich schämen», sagt eine Anwohnerin gegenüber der «New York Times». «Diese Mädchen waren die ganze Zeit nur fünf Minuten von ihr entfernt. Sie waren direkt vor ihrer Nase.» Er könne sich im Nachhinein nicht erklären, warum er nie auf das Haus von Castro aufmerksam geworden sei, sagt ein anderer Anwohner gegenüber CNN – schliesslich sei dieser jeden Tag mit Taschen voller McDonald's-Essen nach Hause gekommen, obwohl er offiziell alleine wohnte.

Auch Erinnerungen an ein viertes Mädchen, das in derselben Gegend verschwunden ist, werden wach: Ashley Summers wurde im Juli 2007 zuletzt gesehen, sie war damals 14 Jahre alt.

Berichte von mehreren Fehlgeburten

Die US-Medien spekulieren nun über die Bedingungen, unter denen die drei Frauen im Haus gefangen halten wurden. Sie seien von ihren Kidnappern vergewaltigt worden, schreibt das Nachrichtenportal WKYC.com. Es beruft sich auf Polizeiquellen. Daraus resultiert seien bis zu fünf Schwangerschaften, die jedoch in Fehlgeburten endeten, weil die Frauen von ihren Entführern geschlagen worden und unterernährt gewesen seien.

Beim 6-jährigen Mädchen, das mit Amanda Berry aus dem Haus geflüchtet sei, handle es sich tatsächlich um deren Tochter. Dies berichtete Berrys Grossmutter gegenüber CNN. Sie habe mit ihrer Enkelin am Telefon gesprochen, «sie sagte, es gehe ihr gut». «Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht. Ich habe dich nie vergessen», habe sie geantwortet.

«Es waren neun lange Jahre»

Berry, Knight und DeJesus waren vor rund zehn Jahren alle in derselben Strasse in Cleveland, der Loraine Avenue, verschwunden. Sie liegt nur etwa fünf Kilometer vom Haus in der Seymour Avenue entfernt, in dem die drei Frauen gestern entdeckt wurden. Ariel Castro, der Besitzer des Hauses, sowie seine Brüder Oneil und Pedro wurden gestern verhaftet. Sie sollen heute zum ersten Mal verhört werden, wie die Polizei an einer Pressekonferenz bekannt gab.

Zwei der drei Frauen konnten mittlerweile wieder mit ihren Familien vereint werden. Berry liess sich bereits Stunden nach ihrer Befreiung mit ihrer Schwester im Krankenhaus fotografieren und telefonierte mit anderen Angehörigen. DeJesus habe den Tag mit ihrer Familie verbracht und sei «guten Mutes», wie ihre Schwester gegenüber CNN sagte. Vor ihrem Zuhause in Ohio hingen Ballone und Schilder.

Die Familie habe noch nicht mit ihr über die Geschehnisse der letzten zehn Jahre gesprochen, sagte ihr Bruder zu CNN, sondern habe versucht, sie aufzumuntern. «Ich war ganz einfach froh, sie wiedersehen zu können. Es waren neun lange Jahre. Ich war glücklich, neben ihr sitzen, sie umarmen zu können und zu sagen: ‹Yup, du bist endlich wieder zu Hause.›»

Ein Notruf geht um die Welt

Berry war laut FBI 16 Jahre alt, als sie im April 2003 nach der Arbeit in einem Fast-Food-Restaurant verschwand. DeJesus verschwand ein Jahr später auf dem Heimweg von der Schule, sie war damals 14. Knight war nach Medienberichten 21 Jahre alt, als sie im August 2002 letztmals gesehen wurde.

Berry hatte sich gestern mithilfe des Nachbarn Charles Ramsey und in Begleitung eines 6-jährigen Mädchens aus dem Haus von Castro befreien und einen Notruf absetzen können. «Ich bin Amanda Berry. Ich wurde entführt. Ich werde seit zehn Jahren vermisst. Ich bin frei. Ich bin jetzt hier», rief sie aufgelöst ins Telefon. Die Aufnahme des Notrufs ging mittlerweile um die Welt.

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