Die Referentin aus Shanghai brachte Coronavirus in die Firma

Was passiert, wenn ein Mitarbeiter einer 1000-Leute-Firma angesteckt wird? Das Beispiel aus München zeigts – die plötzliche Aufregung ist gross.

Mitarbeiter dieser Firma dürfen nur noch den Laptop abholen und müssen dann nach Hause. Foto: Reuters

Mitarbeiter dieser Firma dürfen nur noch den Laptop abholen und müssen dann nach Hause. Foto: Reuters

Die Schranke ist geschlossen, zwei Sicherheitsleute haben sich am Mittwochmorgen am Eingang der Webasto-Zentrale in Stockdorf bei München postiert. Bei drei weiteren Angestellten des Autozulieferers wurde das Coronavirus diagnostiziert; mittlerweile sind fünf Mitarbeiter infiziert, darunter eine Chinesin, die vergangene Woche Schulungen in der Zentrale in Deutschland hielt. Auch die neuen Erkrankten werden in einer Klinik in Schwabing isoliert. Kurz: Bei der Firma Webasto herrscht heute Alarmstimmung.

Das Unternehmen hat die Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren: 40 weitere Mitarbeiter soll ein Ärzteteam des regionalen Gesundheitsamts am Mittwoch vorsichtshalber testen. Der Konzern hat die Zentrale bis Sonntag dichtgemacht. Per E-Mail wurden die mehr als 1000 Mitarbeiter informiert, dass sie bis Mittwochmorgen um neun Uhr Zeit haben, ihre Notebooks und Arbeitsmaterialien aus den Büros zu holen, um von zu Hause aus zu arbeiten. «Dann machen wir hier erst mal zu», sagt ein Security-Mitarbeiter.

«Klar, irgendwie ist es komisch»

Alle paar Minuten erreichen zwischen acht und halb neun Uhr Mitarbeiter das Bürogebäude. «Sie wissen Bescheid?», fragt sie einer der ganz in Schwarz gekleideten Wachleute, die das Gebäude gewöhnlich nur nachts absichern. «Ja, ich will nur meinen Laptop holen», sagt die Mitarbeiterin. «Tragen Sie sich am Empfang bitte in die ausliegenden Listen ein», gibt der Mann vom Sicherheitsdienst ihr noch mit auf den Weg. Alle Personen, die das Gebäude betreten, sollen erfasst werden. Kurze Zeit später verlässt die Frau das Gebäude, die Laptoptasche in der Hand.

Seit morgens um fünf Uhr gehe das so, sagt der Security-Mitarbeiter. «Klar, irgendwie ist es komisch», sagt eine Mitarbeiterin, die kurz in ihr Büro will. Andere schütteln vehement den Kopf, wenn man sie fragt, ob sie sich Sorgen um ihre Gesundheit machten.

Bereits am frühen Morgen hat sich ein Krisenstab zur Abstimmung der nächsten Schritte in der Zentrale zusammengefunden. Nun soll ermittelt werden, mit welchen Personen die neu infizierten Kollegen Kontakt hatten. Eine Unternehmenssprecherin spricht von einer «Sondersituation», die Ereignisse würden sich überschlagen. Alle Dienstreisen von Mitarbeitern der Firmenzentrale sind bis Sonntag untersagt.

Am Dienstag informierten die bayrischen Gesundheitsbehörden über den Fall. Foto: Reuters

Die am Dienstag noch demonstrativ transportierte Gelassenheit scheint dahin. Da hatten Mitarbeiter von einer «superentspannten» Lage gesprochen, man werde jetzt nicht in einen «Panikmodus» verfallen. Dies, nachdem bekannt wurde, dass einer ihrer Mitarbeiter angesteckt worden war.

Nun machen sich Mitarbeiter Sorgen um ihre Kollegen, wie die Unternehmenssprecherin sagt. Zum Wohnort der neu infizierten Mitarbeiter, deren Alter und Geschlecht will sie sich nicht äussern. Die Gesundheitsbehörden kündigten für heute weitere Informationen an.

Der erste Coronafall in Deutschland war am Dienstagmorgen bekannt geworden und betrifft einen 33 Jahre alten Mitarbeiter der Firma Webasto. Er hatte sich in der vergangenen Woche während der Schulung in Stockdorf bei der Referentin aus Shanghai angesteckt. Er soll mit etwa 40 Personen aus dem Familien- und Firmenkreis engen Kontakt gehabt haben. Die betroffenen Personen wurden für heute in die Webasto-Zentrale für Tests und eine Befragung durch die «Taskforce Infektiologie» des bayrischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bestellt.

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