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Frauen, wehrt euch für eure Freiheit!

Verantwortlich für sexuelle Übergriffe ist allein der Täter. Im Prozess gegen Harvey Weinstein droht das vergessen zu gehen.

Sie vertritt in New York Harvey Weinsteins Opfer: Anwältin Gloria Allred. Foto: Andrew Kelly (Reuters)
Sie vertritt in New York Harvey Weinsteins Opfer: Anwältin Gloria Allred. Foto: Andrew Kelly (Reuters)

Unabhängig vom Ausgang ist der Prozess gegen Harvey Weinstein schon deshalb historisch, weil nie zuvor so öffentlichkeitswirksam demonstriert wurde, was das Hauptproblem ist, wenn es um den Umgang mit sexualisierten Übergriffen geht: die Frage, wer die Verantwortung in solchen Fällen hat. Die Antwort gilt leider immer noch weitgehend als Interpretationssache und als Konsequenz individueller Entscheidungen.

Das ist der Grund, warum es seit Beginn des Prozesses immer um Charaktereigenschaften und Umgangsformen geht, basierend auf einem Vorurteil, das von vielen Menschen gepflegt wird und auf das Staatsanwaltschaft wie Verteidigung setzen: nämlich, dass es eine Charakterfrage sei, ob Mann und Frau in eine entsprechende Situation geraten.

Weinsteins Verteidigerin Donna Rotunno hat diese Strategie auf die Spitze getrieben. Einer Schauspielerin lastete sie deren Darstellungstalent an. Eine andere forderte sie auf, eine E-Mail vorzulesen, in der es um Weinsteins Genitalien ging – offenbar, um zu zeigen, dass diese Frau indiskret genug sei, einen Hodensack zu thematisieren. Frau um Frau sollte eine Art kollektiver Charakter etabliert werden, der überambitioniert, unseriös und unbeständig ist. Die Art Frau, die einen wichtigen Mann in ihre Wohnung lässt, um sich auch wichtig zu fühlen.

Verantwortung wird den Frauen zugeschoben

Natürlich ist Harvey Weinstein, nach allem, was man weiss, ein Ausnahmetäter – aber eben nur, was das Ausmass betrifft. Die Häufigkeit, mit der Frauen ohne Weinstein-Kontakt auf der ganzen Welt – egal, ob schüchtern oder extrovertiert, jung oder alt, sexy oder sackartig gekleidet – Übergriffe erleben, lässt darauf schliessen, dass Charakterfragen wohl nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Für den Prozess und seine Wirkung entscheidender ist die Frage, wer wie viel Verantwortung trägt, wenn übergriffige Situationen zwischen gleichberechtigten Erwachsenen entstehen. Wann genau wird aus zwei einigermassen Ebenbürtigen einer, der sich zu viel nimmt, und eine, von der genommen wird? Sie ist der Kern aller kulturellen und juristischen Kämpfe zu diesem Thema. Donna Rotunno hat in einem Interview vor zwei Wochen gesagt, dass es ihrer Meinung nach dumme oder eitle Entscheidungen der Frauen waren, die sie in Bedrängnis brachten. Sie ist gewiss nicht die Einzige, die so denkt.

Natürlich ist Harvey Weinstein, nach allem, was man weiss, ein Ausnahmetäter – aber eben nur, was das Ausmass betrifft.

Wo aber steht in dieser Rechnung derjenige, der sich die vermeintlich dumme oder eitle Entscheidung zunutze macht? Was unterscheidet ihn von Männern, die nicht so handeln? Die #MeToo-Bewegung muss sich immer wieder vorwerfen lassen, sie wolle Frauen von jeder Wirksamkeit in Geschlechterbeziehungen freisprechen. Kritiker betonen gern, dass zu sexualisierten Situationen «zwei dazugehören», also Frauen mitverantwortlich seien. Sie verkennen damit, dass die Bürde der Verantwortung für alles Heterosexuelle traditionell stets allein dem weiblichen Geschlecht zugeschoben wird.

Eine freie Frau ist selbstredend selbst dafür verantwortlich, mit wem sie zum Essen geht, was sie dabei trägt und ob sie flirtet. Was der freie andere daraus schliesst und wie er mit einem möglichen Irrtum umgeht, fällt aber eindeutig in dessen Verantwortung. Und was dazwischenliegt: Auch das zu klären, bleibt das Projekt der #MeToo-Bewegung, und es ist die Aufgabe aller.

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