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Hier bringt sich der Attentäter von Las Vegas seelenruhig in Stellung

Neue Überwachungsvideos zeigen, wie Stephen P. den schlimmsten Amoklauf der jüngeren US-Geschichte vorbereitet hat.

Aufnahmen von Überwachungskameras des Mandalay Bay zeigen Stephen P. in den Tagen vor der Tat. (Video: Tamedia/AP/AFP/New York Times)

Musik, Menschen lachen, feiern – dann ein Knattern. Sind das Schüsse? Die Zuschauer reagieren zunächst nicht. Dann erste Schreie. Wenig später stoppt die Musik. Panik. Die Menschen ducken sich, rennen weg.

Beim schlimmsten Amoklauf der jüngeren US-amerikanischen Geschichte schoss Stephen P. am 1. Oktober von seiner Suite im Hotel Mandalay Bay aus mit Seriefeuer auf die rund 20'000 Besucher eines gegenüberliegenden Country-Konzerts. Der Rentner brachte 58 Menschen um. 422 Menschen erlitten Schussverletzungen, insgesamt wurden 851 Personen verletzt.

Nun hat die «New York Times» die Überwachungsvideos des Hotels veröffentlicht, die zeigen, wie Stephen P. insgesamt 21 Koffer voller Gewehre und Munition in seine zwei Zimmer schaffte. Die Recherchen der Zeitung zeichnen das bislang klarste Bild seiner letzten Vorbereitungen – und deuten darauf hin, dass P. vielleicht auch ein zweites Konzert im Visier hatte.

58 Menschen getötet: Aufnahmen des Amoklaufs vom 1. Oktober. (1. Oktober 2017) Video: Tamedia/AFP/Storyful/Twitter/Instagram

Die Aufnahmen aus dem Mandalay zeigen, wie P. im Hotel in den Tagen vor seiner Tat Video-Poker spielt, ein öffentliches Interview mit dem Basketballspieler LeBron James besucht und mit den Hotelangestellten plaudert, während sie ihm unwissentlich helfen, insgesamt 21 Koffer voller Gewehre und Munition in seine zwei Zimmer zu schaffen.

Hotel-Mitarbeiter halfen P. unwissentlich

P. bezog seine Suite am Montag vor seinem Amoklauf am Sonntagabend. Zunächst brachte er keine Koffer mit sich, sondern schaute sich rund zwei Stunden lang um und ass schliesslich im Sushi-Restaurant im Parterre. Am Montagabend brachte er die ersten fünf Koffer ins Hotel, die er zusammen mit einem Hotel-Angestellten über den Serviceaufzug ins Zimmer schaffte. P. hatte verlangt, bei seinem Gepäck bleiben zu können. Das sei eine normale Forderung, wie das Hotel sagte. Zwei Koffer nahm er wieder mit, als er am Montagabend das Hotel verliess und rund eine Stunde zu sich nach Hause nach Mesquite fuhr.

Hotelangestellte halfen P. unwissentlich, die Koffer voller Waffen auf sein Zimmer zu bringen: Ein Screenshot aus dem Video. (Archiv) Bild: Tamedia/AP/AFP/New York Times
Hotelangestellte halfen P. unwissentlich, die Koffer voller Waffen auf sein Zimmer zu bringen: Ein Screenshot aus dem Video. (Archiv) Bild: Tamedia/AP/AFP/New York Times

Erst am Dienstagabend kehrte er wieder zurück nach Las Vegas. Doch P. legte einen Stopp bei einem zweiten Hotel ein, dem Ogden, wo er ebenfalls mehrere Zimmer für die ganze Woche gebucht hatte. Er hatte die Zimmer am Freitag zuvor bezogen, als das Musikfestival «The life is beautiful» (Das Leben ist schön) auf den Strassen um das Hotel stattfand. Wie auch beim Country-Konzert beim Mandalay hatte sich P. auch hier im Internet über die erwartete Zuschauerzahl des Festivals informiert. Die «Times» schätzt, P. habe das Ogden wohl entweder als Trainingsort gebraucht oder als alternatives Ziel.

Am Dienstagabend kehrte P. mit sieben weiteren Koffern ins Mandalay zurück. Erneut half ihm ein Angestellter, dem P. für seine Dienste ein Trinkgeld gab. Dann spielte der Attentäter acht Stunden lang Video-Poker im Parterre. P. war Stammgast im Mandalay und plauderte ganz normal mit mehreren Mitarbeitern, die ihn bereits kannten.

«Bitte nicht stören»-Schilder aufgehängt

Den Mittwoch verbrachte P. grösstenteils auf seinem Zimmer, bevor er am Abend erneut mit zwei Koffern nach Hause zurückkehrte. Am Donnerstag besuchte er einen Schiessstand in der Nähe von Mesquite und brachte am Abend weitere drei Koffer in seine Suite im Mandalay. Dann zockte er die ganze Nacht Video-Pocker.

P. war Stammgast im Mandalay und plauderte ganz normal mit mehreren Mitarbeitern, die ihn bereits kannten: Ein Screenshot aus dem Video. (Archiv) Bild: Tamedia/AP/AFP/New York Times
P. war Stammgast im Mandalay und plauderte ganz normal mit mehreren Mitarbeitern, die ihn bereits kannten: Ein Screenshot aus dem Video. (Archiv) Bild: Tamedia/AP/AFP/New York Times

Am Freitag bezog er das zweite Zimmer, direkt neben seiner Suite. In der Nacht auf Samstag kehrte er kurz nach Mesquite zurück und holte zwei weitere Koffer. Am Samstag hing er «Bitte nicht stören»-Schilder an beide Zimmertüren und schaffte erneut zwei Koffer ins Zimmer.

Um 22.05 Uhr eröffnete er das Feuer.

In der Nacht auf Sonntag besuchte er ein letztes Mal Mesquite, kehrte ins Mandalay zurück und zockte die ganze Nacht durch. Die letzte Aufnahme von P. stammt vom Sonntag, kurz nach Mittag, als er noch einmal in die Garage zu seinem Auto geht und zwei weitere Koffer in seine Suite schafft.

Der Attentäter schoss aus den Fenstern zweier Zimmer im 32. Stockwerks des «Mandalay Bay»-Hotels (links im Hintergrund) auf die rund 20'000 Zuschauer eines Country-Konzerts (die Bühne ist links zu sehen): Polizisten gehen in Deckung, ungewiss, von wo her die Schüsse kommen. (1. Oktober 2017)
Der Attentäter schoss aus den Fenstern zweier Zimmer im 32. Stockwerks des «Mandalay Bay»-Hotels (links im Hintergrund) auf die rund 20'000 Zuschauer eines Country-Konzerts (die Bühne ist links zu sehen): Polizisten gehen in Deckung, ungewiss, von wo her die Schüsse kommen. (1. Oktober 2017)
David Becker/Getty, Keystone
Die Perspektive aus einem der Zimmer – von hier aus schoss P. auf die Konzertbesucher: Der Blick von der Hotel-Suite auf das Musikfestival. (undatierte Aufnahme)
Die Perspektive aus einem der Zimmer – von hier aus schoss P. auf die Konzertbesucher: Der Blick von der Hotel-Suite auf das Musikfestival. (undatierte Aufnahme)
Las Vegas Metropolitan Police Department/AP, Keystone
Auch Paddocks Auto wurde durchsucht. Dort fand die Polizei Tannerite: Eine chemische Mischung, die beim Beschuss explodiert.
Auch Paddocks Auto wurde durchsucht. Dort fand die Polizei Tannerite: Eine chemische Mischung, die beim Beschuss explodiert.
Las Vegas Metropolitan Police Department/AP, Keystone
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Insgesamt brachte P. 21 Koffer auf sein Zimmer, eine Laptop-Tasche und eine weisse Schachtel. Die Hotelangestellten konnten nicht wissen, dass sich in seinem Gepäck 23 Schusswaffen und über 5000 Schuss befanden. Um 22.05 Uhr eröffnete er das Feuer auf die Konzertbesucher. Nach der Tat brachte er sich selbst um.

Motiv unklar – P. erschwerte Ermittlungen absichtlich

Auch fast ein halbes Jahr nach seiner Tat bleibt das Motiv des Amokläufers unklar. Als die Polizei von Las Vegas im Januar ihren vorläufigen Abschlussbericht veröffentlichte, sagte Sheriff Joe Lombardo, die Frage zum Motiv könne weiter nicht beantwortet werden – trotz 2000 Hinweisen und mehr als 21'000 Stunden gesichteten Videomaterials. Es gebe keinen Abschiedsbrief und kein Bekenntnis oder Manifest.

Tiefe Trauer in Las Vegas: Am Montagabend nach dem Massaker kamen Menschen auf einem Football-Feld zu einer Trauerfeier zusammen. (2. Oktober 2017) Video: Reuters

Zuletzt hatte es von Ermittlerseite geheissen, P. habe beim Spielen eine erhebliche Menge Geld verloren. Laut dem Bericht hat P. aber alle Schulden abbezahlt. «Er war niemandem etwas schuldig», hiess es. Auf einem Computer des Täters wurde Kinderpornografie gefunden.

P. hatte vor seinem Verbrechen knapp ein Jahr lang recherchiert und dabei auch Taktiken der Polizei in Las Vegas untersucht. Neben dem Mandalay und dem Ogden hatte er auch andere Orte ins Visier genommen und sich etwa erkundigt, wie voll der Strand von Santa Monica zu bestimmten Zeiten ist.

Laut der Bundespolizei FBI ging P. auch in anderen Belangen gezielt und methodisch vor. So zerstörte er zum Beispiel auch Handys und brauchte unterschiedliche E-Mail-Konten, um die Ermittlungen zu erschweren.

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