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Hier wird Anthamatten dem Staatsanwalt überbracht

Der mutmassliche Mörder von Adeline M. sitzt in Polen in Haft. Bilder zeigen, wie der 39-Jährige heute dem polnischen Staatsanwalt überbracht wird. Nun ist auch klar, weshalb er in Richtung Osten fuhr.

Die Schlüsse von Experten im Prozess: Der Angeklagte Fabrice A. hat eine gespaltene Persönlichkeit. (3. Oktober 2016)
Die Schlüsse von Experten im Prozess: Der Angeklagte Fabrice A. hat eine gespaltene Persönlichkeit. (3. Oktober 2016)
Frédéric Bott, Keystone
Der Mörder wurde ausgeliefert: Fabrice A. wird in Stettin zur Anhörung gebracht. (22. Oktober 2013)
Der Mörder wurde ausgeliefert: Fabrice A. wird in Stettin zur Anhörung gebracht. (22. Oktober 2013)
Marcin Bielecki, Keystone
Der verurteilte Vergewaltiger und seine Therapeutin waren auf einem begleiteten Ausflug: Adeline M. und Fabrice A.
Der verurteilte Vergewaltiger und seine Therapeutin waren auf einem begleiteten Ausflug: Adeline M. und Fabrice A.
Kapo Genf
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Der dringend des Mordes an Adeline M. verdächtige Fabrice Anthamatten wurde gestern in der polnischen Ortschaft Kolbaskowo nahe der deutschen Grenze verhaftet. Eine Streife der Bundespolizeiinspektion im deutschen Pasewalk hat kurz nach 15 Uhr den gesuchten weissen Citroën Berlingo mit dem Genfer Nummernschild erkannt, sagt die Sprecherin der Bundespolizeiinspektion, Manina Puck, gegenüber Redaktion Tamedia.

Die Bundespolizeibeamten folgten dem Wagen über die polnische Grenze. «Es war keine Verfolgungsjagd, sondern eine reguläre Verfolgungsfahrt in normaler Geschwindigkeit», erklärt Puck. Im kleinen Dorf Kolbaskowo überholte das Polizeiauto den Citroën, setzte sich davor und brachte Anthamatten zum Halten. «Er liess sich widerstandslos festnehmen und sagte den Beamten, wo sich die Tatwaffe befindet», sagt Puck zur Verhaftung des flüchtigen Vergewaltigers und mutmaslichen Mörders.

«Es war kein Zufall»

Die deutsche Polizei hatte Hinweise darauf, dass der Mörder der Genfer Sozialtherapeutin in Richtung deutsch-polnischer Grenze unterwegs sein könnte. «Es war kein Zufall», erklärte eine Polizeisprecherin.

Aufgrund der Hinweise, aber auch der Informationen von Interpol seien die örtlichen Einsatzkräfte alarmiert gewesen. Sie hätten das Auto des Flüchtigen denn auch im Normalverkehr erkannt und seien diesem bis in die polnisch Ortschaft Kolbaskowo gefolgt, erklärte Manina Puck von der Bundespolizeiinspektion Pasewalk weiter.

«Die Zusammenarbeit mit Polen ist gut»

Das Auslieferungsverfahren dürfte drei bis vier Monate dauern. Da sowohl Polen als auch die Schweiz das europäische Auslieferungsübereinkommen des Europarates unterzeichnet haben, sind die Spielregeln klar.

«Erfahrungsgemäss ist die Zusammenarbeit mit Polen gut», sagte Folco Galli, Sprecher des Bundesamtes für Justiz. Gemäss Übereinkommen muss das Ersuchen schriftlich abgefasst und auf diplomatischem Weg innert 18 Tagen nach Verhaftung des mutmasslichen Täters in Polen eintreffen.

Die Frist ist in begründeten Fällen auf 40 Tage verlängerbar, wie Galli weiter erklärte. Das Auslieferungsverfahren im Ausland richtet sich nach dem jeweiligen Landesrecht. Wie lange das Auslieferungsverfahren schliesslich dauere, sei insbesondere vom Verhalten der inhaftierten Person abhängig. Ergreife diese die möglichen polnischen Rechtsmittel, so verlängere sich das Verfahren.

Die polnischen Behörden rechnen mit einer Dauer von drei bis vier Monaten, wie der polnische Konsul Marek Wieruszewski erklärte. Auch er verweist auf die noch unbekannt Taktik des Häftlings. Stimme dieser allerdings einer Auslieferung zu, so verkürze sich das Verfahren nur wenig. Über die Auslieferung entscheidet Bezirksgericht von Szcezcin.

Möglicherweise ein Sackmesser

Die Waffe, zu deren genauen Art die Sprecherin der Bundespolizeiinspektion keine Angaben machen konnte, war bei der Verhaftung in Anthamattens Rucksack. Laut «Le Matin» hatte er in einem Genfer Geschäft ein rund 50 Franken teures Sackmesser bestellt. Es sei jedoch nicht ausgeschlossen, dass er sich beim Kauf vor Ort noch für etwas anderes entschieden hatte.

Die Bundespolizisten hielten den Gesuchten bis zum Eintreffen polnischer Kollegen fest und übergaben ihn diesen. Anthamatten hatte auf seiner Flucht eine Route gewählt, die wegen verbreiteter grenzüberschreitender Kriminalität stark polizeilich überwacht wird. Die Genfer Justiz kündigte noch am Abend an, dass sie schnell ein Auslieferungsbegehren stellen würde. Dieses muss aber über das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement in Bern laufen. Es könne mehrere Tage dauern bis es effektiv an Polen übermittelt wird, sagte Henri Della Casa, der Sprecher der Genfer Justizbehörden heute. Es sei wahrscheinlich, dass in den nächsten Tagen Mitarbeiter der Polizei aus Genf nach Polen reisen.

Noch nicht verhört

Fabrice Anthamatten befindet sich nun in Polizeiarrest im polnischen Stettin (Szczecin). Laut Polizeisprecher Przemysław Kimon, ist der Verhaftete noch nicht befragt worden. «Die Staatsanwaltschaft wird ihn noch verhören und eine Dokumentation zuhanden des zuständigen Bezirksgerichts erstellen», sagt Kimon zu Redaktion Tamedia. Dieses bearbeitet dann den Auslieferungsantrag aus der Schweiz.

Über Anthamatten hat der Polizeisprecher nichts Spezielles zu berichten. Körperlich und psychisch sei er in «normaler» Verfassung.

Polnische Therapeutin

Zur Frage, warum Fabrice Anthamatten ausgerechnet nach Polen flüchtete, liefert der öffentlich-rechtliche polnische TV-Sender TVP mögliche Anhaltspunkte. TVP zitiert dabei Mariusz Sokolowski von der polnischen Polizei. Demnach sollen die polnischen Sicherheitsbehörden einen Tipp von ausländischen Kollegen erhalten haben, wonach Fabrice Anthamatten früher von einer polnischen Therapeutin betreut wurde.

Nun spekuliert TVP, ob Anthamatten nach Polen ging, um sie zu töten oder um Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Therapeutin lebt in der Provinz Zachodniopomorskie im Nordwesten des Landes. Dort hatte der Flüchtige auch die Grenze überquert. Ob der Hinweis einer möglichen Flucht nach Polen von der Schweizer Polizei kam, konnte zunächst nicht in Erfahrung gebracht werden.

Handy beim Bahnhof Weil gefunden

Nach der Tötung von Adeline M. in einem Wald in Bellevue bei Genf führte am Donnerstagabend eine Spur in den Raum Basel. Die Polizei konnte das Handy von Adeline M. orten. Die Ortung führte am Freitag ins grenznahe deutsche Weil am Rhein. Dort umstellten schwer bewaffnete Beamte das alte Zollhaus. Vergeblich.

Das Telefon wurde schliesslich gefunden. «Es befand sich in einem unwegsamen Bereich beim Bahnhof Weil», sagt Dietmar Ernst von der Polizeidirektion Lörrach zu Redaktion Tamedia. Ein Polizeihund nahm eine Fährte auf. Diese führte zum Gleis 1 des Bahnhofs. Von dort fahren Lokalzüge ab. Die Polizei setzte die Fahndung in der Region deshalb intensiv fort und warnte die Bevölkerung vor dem möglicherweise bewaffneten Anthamatten. In der Nacht auf Samstag gingen verschiedene Hinweise aus der Bevölkerung ein, sagt Ernst. Diesen ging die Polizei am Samstag weiter nach. «Wir vermuteten dann aber, dass sich der Flüchtige abgesetzt hatte», sagt der Polizeisprecher. Seit Samstag wurde Fabrice Anthamatten auch via Interpol international gesucht.

Mit Material der Nachrichtenagentur sda und AFP

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