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«Ich habe ein solches Ereignis noch nie gesehen»

Gestern wurde ein Hochwasser in Bern gerade noch verhindert, heute könnte sich die Situation aber schon wieder zuspitzen. Bernhard Schudel vom kantonalen Amt für Wasser und Abfall erklärt, womit zu rechnen ist.

Braun aber in den vorgesehenen Bahnen: Die Aare am 6. Juli 2012.
Braun aber in den vorgesehenen Bahnen: Die Aare am 6. Juli 2012.
Christian Häderli
Das Gewitter vom 5. Juli 2012 liess den Aarepegel in der Stadt Bern nur kurze Zeit ansteigen.
Das Gewitter vom 5. Juli 2012 liess den Aarepegel in der Stadt Bern nur kurze Zeit ansteigen.
Keystone
Eine breite Aare weist den Weg zum Bundeshaus. (Mittwoch, 4. Juli)
Eine breite Aare weist den Weg zum Bundeshaus. (Mittwoch, 4. Juli)
Rämi, Leserreporter
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Herr Schudel, wie knapp war es gestern in Bern? Wie konnte schliesslich doch noch verhindert werden, dass die Aare über die Ufer trat? Die prekäre Situation an der Aare wurde durch heftige Gewitter über dem Einzugsgebiet der Zulg ausgelöst. Diese führte plötzlich so viel Wasser mit, dass sie Bäume und Holz ausriss und vor sich her schob. Das war schon sehr heftig, ich habe ein solches Ereignis in diesem Gebiet noch nie gesehen. Wir haben dann den Ausfluss aus dem Thunersee in die Aare gedrosselt, damit diese das viele Wasser aus der Zulg besser aufnehmen konnte.

Um sieben Uhr gestern Abend wurde gemeldet, dass die Region Bern von Hochwasser bedroht sei. Kurz nach 20 Uhr wurde der Hochwasseralarm ausgelöst. Warum verschärfte sich die Situation so plötzlich? Es gab sehr starke lokale Gewitterzellen, die in kurzer Zeit viel Regen brachten. Die Flüsse schwollen dann innerhalb von Minuten an – so etwas kann unglaublich schnell gehen.

Wie würden Sie die momentane Lage beschreiben? Wenn man auf die Wetterkarten schaut, sieht man Gewitterwarnungen der Stufe 3 für grosse Teile der Deutschschweiz. Das bedeutet, dass es auch heute lokale Hochwassersituationen in kleinen Gewässern geben könnte. Im Voraus lässt sich das aber nicht mit Sicherheit sagen. Und wie wir gestern gesehen haben, können sich solche Situationen schnell verändern.

Wie gross ist die Gefahr, dass die Aare heute überläuft? Die Gefahr ist generell sicher erhöht, aber zurzeit nicht dramatisch. Wir behalten die Lage auf jeden Fall rund um die Uhr im Auge und greifen im Rahmen unserer Möglichkeiten ein.

Was heisst das genau? Welche Möglichkeiten haben Sie, um einzugreifen? Im Moment legen wir ein besonderes Augenmerk aufs Emmental und das Berner Oberland und überwachen die Pegel von Brienzer-, Thuner- und Bielersee. Auch die Aare steht unter ständiger Beobachtung. Wenn nötig greifen wir ein und regulieren die Pegel, soweit dies überhaupt möglich ist.

Wann ist der Peak der Wassermassen zu erwarten? Nach dem heutigen Gewitter schon? Das ist regional sehr unterschiedlich, wir können da keine generelle Aussage machen. Kleine Gewässer können sofort heftig reagieren, wenn sich im Einzugsgebiet ein Gewitter entlädt. Das Bundesamt für Umwelt geht davon aus, dass der vorläufige Höchststand für die grösseren Gewässer in der Zeit bis Freitagabend erreicht werden könnte.

Was wäre das schlimmste Szenario, das eintreten könnte? Aus meiner Sicht wäre das Schlimmste, wenn ein Gewässer irgendwo plötzlich anschwillt, wie es gestern zum Beispiel mit der Zulg passierte, und ein Mensch dabei zu Schaden kommt, der von den Wassermassen überrascht wird. In den gefährdeten Gebieten sollte man darum unbedingt Vorsicht walten lassen.

Was passiert, wenn sich das Wetter nicht verbessert in den nächsten Tagen? Dann könnten die Seepegel wieder stärker ansteigen und die Hochwassergefahr nimmt weiter zu. Wir haben nur an den Seen einen gewissen Handlungsspielraum, indem wir die Pegel der Situation anpassen, aber auch dieser ist nicht unendlich. Die Geschichte hat schon mehrmals gezeigt, dass die Natur stärker sein kann als alle Kontrollsysteme.

Sie sprechen die Hochwasser von 1999 und 2005 an. Damals hatte die Aare rund 600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde geführt. Könnte es wieder so weit kommen? Für die Zeit, die man jetzt überblicken kann – das heisst bis morgen Abend – ist das nicht zu erwarten. Generell ausschliessen kann man das aber nicht.

Wurden die Sicherheitsmassnahmen seither massiv ausgebaut? Ist man diesmal besser vorbereitet? Die beiden Hochwasser haben sicher viele Massnahmen in die Wege geleitet, wie zum Beispiel Wasserbauprojekte oder den Bau des Hochwasserentlastungsstollens in Thun. Bund, Kantone und Gemeinden arbeiten beim Hochwasserschutz eng zusammen. Beispielsweise werden neu lokale Naturgefahrenberater ausgebildet, die den Führungsorganen beratend zur Seite stehen. Eine ganz zentrale Rolle spielen auch raumplanerische Massnahmen, indem gefährdete Gebiete gar nicht erst überbaut werden.

Wie sieht es mit der interkantonalen Koordination aus? Werden die Massnahmen abgesprochen? Ja, vor allem wenn mehrere Kantone von einem Ereignis betroffen sind. Als Beispiel sei die Zusammenarbeit von mehreren Kantonen und dem Bafu im Frühling dieses Jahres genannt. Damals wurden an wöchentlichen Lagebesprechungen Massnahmen besprochen und beschlossen. Im Moment tauschen wir vor allem Informationen aus und mit dem Bafu wird die Lage regelmässig analysiert.

Meteorologen warnen immer wieder, dass in Zukunft in Folge der Klimaerwärmung mit mehr und grösseren Überschwemmungen gerechnet werden muss. Wie beurteilen Sie das? Der Zeitraum, den ich überblicken kann, ist natürlich zu klein, um zu beurteilen, ob die jüngsten Ereignisse bereits eine Folge davon sind. Generell ist aber sicher mit einer Häufung der Extreme, also sowohl Hochwasser wie auch Trockenheit, zu rechnen.

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