Lachgas wird zum neuen Haschisch

Ein dreister Verkäufer führt die Behörden in Amsterdam an der Nase herum. Er verkauft die potenzielle Droge in Ballonform. Jetzt regt sich Widerstand.

Ein einträgliches Geschäft: Lachgas in Luftballons. Foto: Imago Images/Hollandse Hoogte

Ein einträgliches Geschäft: Lachgas in Luftballons. Foto: Imago Images/Hollandse Hoogte

Amsterdams neueste Touristenattraktion ist ein Ballonverkäufer. Man trifft Denizhan Murat Üresin, den alle Deniz nennen, im Rotlichtviertel und auf grösseren Plätzen der Stadt: vor dem Bahnhof, auf dem Leidseplein oder dem Rembrandtplein. Da stehen er und seine Jungs mit Lastenfahrrädern, von morgens bis abends, sieben Tage die Woche, und bieten Luft feil. Der Ballon fünf Euro, drei für zehn. Es ist, natürlich, keine Luft, sondern Lachgas. Wer es inhaliert, kriegt einen kurzen Flash, wird dusselig und euphorisch. Das hält ein paar Sekunden an, manchmal etwas länger.

Eine Droge also, und eine, die immer beliebter ist, weil leicht zu bekommen. Distickstoffmonoxid (N2O), das Zahnärzte schon seit dem 19. Jahrhundert zur Betäubung verwenden, entdeckte die Partyszene in den 1990er-Jahren. Dann ebbte der Trend ab, aber in jüngster Zeit suchen junge Menschen europaweit wieder häufiger den kleinen Kick. Meist schnüffeln sie das Gas aus den Ampullen, die zum Steifschlagen von Sahne dienen. Nach Festivals glänzen sie silbrig am Boden.

Seit 2016 kein Arzneimittel mehr

Der Stoff an sich ist legal, allerdings nicht zum Zwecke des Berauschens. Süchtig macht es nicht; die Gesundheitsgefahr bei gelegentlichem Gebrauch ist gering, Überdosierung kann zu Gefühllosigkeit, Nervenschäden und Lähmungen führen. In den Niederlanden wurde N2O 2016 nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von der Arzneimittelliste gestrichen. Das eröffnete ein Feld für clevere Typen wie Deniz.

Der 25-Jährige mit dem Salafistenbart und den Militärklamotten weiss die Obrigkeit zu narren. Die fehlende Lizenz für den Strassenverkauf umgeht er mit einem Trick: Offiziell betreibt er nur einen Kurierdienst, der Onlinekäufer bedient. Für die Lieferung darf er sich eine Viertelstunde auf einem bestimmten Platz aufhalten, was sich durch die nächste mutmassliche Order um eine Viertelstunde verlängert und so weiter. Für die Polizei ist es zu aufwendig zu ermitteln, ob die Käufer im Netz bestellt haben oder nicht. Und die Beamten müssen die Gasflaschen, die sie in ihrer Hilflosigkeit manchmal konfiszieren, gleich wieder herausrücken, weil ihnen die gesetzliche Handhabe fehlt. Sein Anwalt sei «superteuer, aber auch supergut», sagte Deniz der Zeitung «Het Parool», juristisch scheint die Sache wasserdicht zu sein.

Nicht leicht, die Händler dranzukriegen

Die Stadt will jetzt einschreiten. Aber wie? Ein Verbot erscheint angesichts der Rechtslage als aussichtslos. Am ehesten liesse sich der Lachgashändler wohl stoppen, wenn man ihm die Erregung öffentlichen Ärgernisses nachweisen könnte. Aber das ist nicht leicht.

Denn Deniz hält sich, wie er in einem Youtube-Video grinsend erklärt, während er auf dem Motorroller seine Verkaufsstellen abfährt, ostentativ an alle erdenklichen Regeln: Die Lastenräder haben die vorgeschriebene Beleuchtung, die Gasflaschen sind wegen der Brandgefahr nur maximal zwei Kilo schwer, ihr Zischen wird mit einer Klappe gedämpft, um die Anwohner nicht zu stören. Einige seiner Männer sind für die «Sicherheit» rund um den Verkauf zuständig. Sogar Schaufel und Besen stehen überall bereit, um gebrauchte Ballonhüllen aufzukehren.

In seinem türkisch-niederländischen Tonfall spricht Deniz ironisch von «speziellen Reinigungsartikeln», die er «auf eigene Initiative professionell beschafft» habe. Noch dazu tragen er und seine Leute gelbe Warnwesten, um sich einen Anschein von Autorität zu verleihen, auf seiner Baseballkappe steht gar «Security». Man könnte fast eine Kunstaktion darin erkennen, eine Persiflage auf den halbherzigen Umgang mit dem Rauschmittelkonsum im Land, wie er sich bei den Coffeeshops zeigt. Um bloss keine Freiheiten einzuschränken, wird intensiv weggeschaut – bis der Ärger manchmal doch zu gross wird.

Es gibt erste Verbote

Er wolle aber niemanden ärgern, sagt Deniz, sondern Polizei und Stadtbewohnern vielmehr helfen. Wer Lachgas nehmen möchte, nehme es. Da sei es doch besser, wenn jemand wie er den Konsum «in gute Bahnen lenkt», zumal Alkohol viel schlimmer sei, woran sich niemand störe. Seine Angestellten – die wie er aus Amsterdam-West kommen und einen Migrationshintergrund haben – erwürben auf legale Weise ihr Brot, statt krumme Dinger zu drehen: «Schön, oder? Und alle bezahlen ordentlich Steuern.» Er selbst, sagt er, verdiene sich «kaputt» mit diesem Geschäft.

Die Aufregung über den frechen Deniz hatte sich noch nicht gelegt, als die Nachricht über einen noch radikaleren Lachgasvermarkter bekannt wurde. Im limburgischen Venray, nahe an der deutschen Grenze, öffnete am vergangenen Wochenende gleich ein ganzes Geschäft, in dem man die Droge in aller Ruhe zu sich nehmen kann, «in gemütlicher Atmosphäre auf Kinositzen», von Musik umspielt, mit einem Softdrink als Zugabe. «Ich bin Unternehmer», sagt Inhaber Mathieu Hölzken, «wenn ich eine Gelegenheit sehe, greife ich zu.» Auch er behauptet, das Gute im Schild zu führen: In seinem Geschäft sei es sicher, anders als rund um die beiden Coffeeshops der Stadt mache hier niemand Stress. Sogar etwas Vitamin B12 steht bereit, weil dessen Pegel bei starkem Gasgebrauch gesundheitsbedrohend sinken kann.

Das Problem hat die Politik erreicht. Die Bürgermeister grosser niederländischer Städte plädieren inzwischen dafür, Lachgas wieder in die Arzneimittelliste aufzunehmen. Verbote bei Festivals und anderen Veranstaltungen sind erlassen worden oder werden erwogen. Und Justizminister Ferdinand Grapperhaus lässt die Möglichkeit eines generellen Verbots untersuchen. Bis das kommt, haben Deniz und Co. ein Vermögen gemacht.

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