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Morgenstraich – ein Himmel voller Sterne

Mit einem magischen Morgenstreich hat die Basler Fasnacht begonnen. Ein Rundgang durch die Basler Innenstadt.

Mit dem Morgenstreich hat um vier Uhr die Basler Fasnacht 2019 begonnen.
Mit dem Morgenstreich hat um vier Uhr die Basler Fasnacht 2019 begonnen.
Lucia Hunziker
Die letzten Stunden des Morgestraichs: Die Cliquen ziehen auch noch am frühen Morgen voller Elan durch Basel. (11. März 2019)
Die letzten Stunden des Morgestraichs: Die Cliquen ziehen auch noch am frühen Morgen voller Elan durch Basel. (11. März 2019)
Georgios Kefalas, Keystone
Kurz vor dem Morgenstreich: Die Massen strömen in die Basler Innenstadt.
Kurz vor dem Morgenstreich: Die Massen strömen in die Basler Innenstadt.
Simon Erlanger
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Es ist still. Nur der Wind rüttelt ein bisschen auf meiner Drei-Könige-Terrasse. Die Fähre ist ein tanzender Kopfladäärnli-Glühwurm. Das Hotel-Foyer flackert im Kerzenlicht. Übernächtigte Touristen sitzen bleich in den tiefen Sesseln. Und nippen an einem Kaffee.

Ich mache mich auf zur Wetterstation bei der Schifflände. Es ist stets mein erster Schritt in der Morgenstraichnacht. Und der Blick auf den Barometer gehört dazu, wie das leichte Lampenfieber in der Bauchgegend – ein Fieber, das einem 72-jährigen Knochen noch immer die Magenwände vibrieren lässt.

Das Wetterhaus wettert diese Fasnacht aber falsch. Der Wurm steckt drin – wie überall im Klima. Die Quecksilbersäule zeigt 14 Grad. Und der Feuchigkeitszeiger signalisiert: extreme Trockenheit! Also alles irgendwie Fake!

Ich schaue zum Himmel: Sternenpracht. Und ich linse aufs Handy: 6 Grad. Kühl, aber nicht eisig. Eigentlich ideal.

Zaubermoment mit den tanzenden Lichtern

Von der Mittleren Brücke klingeln die ersten Ueli-Gleggli. Sie hasten vom Kleinbasel her, zu ihren Laternen. Umgekehrt hastet keiner. Denn Morgenstraich im Kleinbasel ist noch immer nur ein Glücksort für Verschworene. Und der absolute Geheimtipp: Nach einer halben Stunde hast du in der Rheingasse alle Kleinbasler Cliquen gesehen. Nimmst die Klingental-Fähre. Und geniesst den Zaubermoment mit den tanzenden Lichtern auf der Brücke. Es ist magisch!

Wenn du dann im Grossbasel bist, hat sich die erste «Druggedde» bereits aufgelöst. In der Hauptpost werden nun die Laternen geschultert. Oder – immer mehr – auf den Karren vor die Stammbeiz gezogen. Ich liebe es, wenn die Lampen in die Nacht getragen werden. Sie schwanken dann leicht – und wiegen sich später im Schritt der Märsche.

Bereits um 3.00 Uhr hat Heiri Spitz das Gittertor zu den 28 Lampen geöffnet. Er ist der Basler Laternen-Vater. Und schon seit 46 Jahren an jedem Morgenstraich mit dem Schlüssel hier, um die Kunstwerke in die Nacht hinauszulassen.

Eine Kette mit Touristen gröhlt auf dem Märt vorbei. Alle tragen neongrelle Perrücken. Es stört. Es ist, als würde einer aus einem vorbeibrausenden Ferrari in eine andächtige Weihnachtsmesse hupen.

Der Wind bringt Suppenluft. Und doch – es war ein Metzgermeister, der den ersten Morgenstraich vor 186 Jahren ausgerufen hat: Samuel Bell. Ein wilder Tambour und immer in Opposition gegen die Obrigkeit. Somit wäre also auch ein Bell-Würschtli am Morgenstraich legitim.

Noch stehen nicht allzu viele Leute auf dem Märtplatz. D' Wettstai-Knorzi lassen ihr Sujet aufleuchten. Die Kleinen nerven sich über die jugendlichen Schnapsnasen, welche mit Vollsuff-Aggressionen die Fasnachtstradtion zerstören:

«Pööble, suffe, ummemotze Mir Knorzi finde das zem Kotze!».

Der Dupf-Club hat sich in corpore vor dem Singer aufgestellt – die alte Garde mutiert zu «alti Segg», aus denen die Eichel rauskugelt. Dem Mannsein wird auf der Lampe ganz einfach – schnippschnapp – die Kordel abgeschnitten.

So haben Sie den Morgenstreich noch nie gesehen: Luftaufnahme über der Basler Innenstadt. Video: Mischa Hauswirth

Ich stapfle zum Martinskirchplatz. Kleine Zigli und Gruppen formieren sich. Der Wind lässt die «Schredder»-Streifen der Aigendlige wild tanzen. Ein Eisbär macht auf sein mieses Klima-Los aufmerksam:

«Em Yysbäär schmilzt sy ganzes Yys ewägg Bald hoggd dä armi Bäär im Drägg!»

Viele Füsse kommen uns auf der Lampe von den dibedi däbedi entgegen (jeder Fuss hat eine eigene Geschichte) – ansonsten ist es auf dem Münsterplatz fast noch menschenleer. Dennoch hat die Stimmung um Pisonis Brunnen etwas Spezielles. Verschworenes.

Die junge Pierrot macht sich vor dem Münster zum Abmarschieren bereit. Ihre Weltkugel auf der Lampe krankt bös – die Kinder kämpfen für ihre Gesundung:

«Die Alte, die hänns Gäld, mir Junge rette d Wält!»

Prächtig auch die Lampe des Pierrot Stamms. Man nimmt die Label-Welle aufs Korn. Der Label-Papst ist mit zahlreichen Bio-Zertifikaten geschmückt – doch «e hooche Pryys, e bessers Gwisse Aber schlussändlig bisch doch bschisse!»

Der Wind wird jetzt stärker – aber die Sterne funkeln noch immer, als hänge der Fasnachtshimmel voller Diamanten. Noch eine Minute. Der Goldzeiger der Münsteruhr rutscht auf die Morgenstraichstunde. Und da ist er wieder: dieser Moment, der den Hals zuschnürrt. Aber nicht den Mund – den können wir jetzt aufmachen. 72 Stunden lang. Und alles rauslassen, was uns nicht passt…

Oft naiv gemalte Laternchen

D Gundeli biegt als riesiger Jubelzug in den Münsterplatz ein – prächtig ihre Lampe, fantastisch ihr unisono Aufmarsch: von Binggis bis zu den Gniesser. Sie sind nicht ganz 100. Aber 100-prozentig Klasse!

Schon schwanken die kleinen Shyssdräggzigli mit den oft naiv gemalten Laternchen vorbei: d'Sunnereedli mit dem Sujet »…und fir alles nimmsch e-n-Aawalt…», d'Wälleschletzer mit ihrem ureigenen Sound und d'Mutze-Bebbi, die sich über die Geldsäcke dieser Welt nerven. Die Rotstab-Clique kämpft sich mit dem Duudelsagg über den Platz, d'Bajass bieten Concerto und die Déjà vu lassen ganz spezielle Kopflämpli leuchten. Die Energische machen auf dem Martinskirchplatz bereits den ersten Halt. D'Gooberoodel brillieren mit dem «Uncle Sam», rufen dann auch einen Marschstopp aus – und die kleine Pause nutzen wir, um langsam wieder zum Drei Könige zurück zu kehren.

D'Spezi biegt eben am Blumenrain mit ihrem Tatort-Kopf und einem süffigen Whisky Soda zur Schifflände. Und auch die jungen Spezi beklagen das Plastik-Littering – kommen aber zum verblüffenden Schluss:

Mer kenne’s aifach nit verstoh Ass d Muba und nit dr Blaschtigg muess goo…

Bereits zieht der Tag über die Stadt. Der Mond macht sich hinter grauen Wolken davon. Aber nichts zu meckern: Der Morgenstraich war prächtig. Trocken – und mit tausend Sternen beschrieben.

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