«Natascha Kampusch ist in Lebensgefahr»

Die Sonderkommission im Fall Kampusch schlägt Alarm: Der Entführer Wolfgang Priklopil soll einen Komplizen gehabt haben, der die 21-jährige Natascha Kampusch umbringen könnte.

«Wir fürchten nichts mehr als in einigen Jahren eine Zeitungsmeldung des Inhalts: ‹Natascha Kampusch tot aufgefunden› oder ‹Natascha Kampusch tödlich verunglückt›.» Diese Zeilen stammen aus einem Brief, den Johann Rzeszut, Mitglied der Kampusch-Ermittlungskommission, am Wochenende in der Online-Ausgabe der Zeitung «Österreich» veröffentlicht hat. «Kampusch ist in Lebensgefahr.» Mit seiner Sorge um die Sicherheit der heute 21-jährigen Natascha Kampusch ist Rzeszut nicht allein.

Kommissionsleiter Ludwig Adamovich sagte der österreichischen Nachrichtenagentur APA: Es könne sein, «dass Natascha Kampusch selbst gefährdet ist». Adamovich geht seit längerer Zeit von der Annahme aus, dass Wolfgang Priklopil, der 1998 Kampusch im Alter von zehn Jahren in Wien auf dem Schulweg entführt hatte, einen Komplizen hatte.

Zweifel an der Einzeltäter-Theorie

Nicht nur die Aussagen einer Zeugin veranlassen die Kommission, an der Einzeltäter-Theorie zu zweifeln. In seinem Schreiben betont Kommissionsmitglied Rzeszut, «dass der Tatplan eines Einzeltäters, ein Kind in verbautem Gebiet mit einem selbstgelenkten, von aussen einsehbaren Kraftfahrzeug zu entführen, völlig unrealistisch wäre.»

Die Existenz eines Mittäters, so die Kommission, könnte eine Gefahr für Kampusch darstellen: «Befürchtet er beispielsweise irgendwann einmal, das Opfer könnte die volle Wahrheit über sein Schicksal etwa medial verwerten, könnte er sich zu finalisierendem Handlungsbedarf entschliessen», heisst es im Schreiben von Rzeszut. In einfachen Worten gesagt: Kampusch könnte getötet werden.

«Sie soll alles aufklären»

Dass die 21-Jährige bisher nicht die ganze Wahrheit gesagt hat, erklärt Rzeszut wie folgt: «Mögliche Motive für bewusste, unwahre Angaben sind denkbar: langfristige Annäherung an die Täter (Stockholm-Effekt), aufrechte Druckausübung durch einen bisher nicht belangten Täter, Deckung von Implikationen nahe stehender Personen.» Die Kommission fordert nun Kampusch auf, ihr Schweigen zu brechen: «Sie soll alles aufklären», sagt Adamovich in einem heute Montag veröffentlichten Interview mit der Zeitung «Österreich». «Ja, das hoffe ich sehr, denn das ist letztlich in ihrem eigenen Interesse.»

Achteinhalb Jahre gefangen

Natascha Kampusch war 1998 im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg in Wien entführt worden. Nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft konnte sie im August 2006 aus dem Haus von Wolfgang Priklopil fliehen. Ihr Peiniger nahm sich daraufhin das Leben. 2008 führte die junge Frau in Österreich eine eigene Talkshow mit dem Titel «Natascha Kampusch trifft». Inzwischen war es ruhig um sie geworden - bis zum spektakulären Schreiben, das das Kommissionsmitglied Rzeszut am Wochenende veröffentlicht hat.

vin

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