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Nicht geholfen – Bankkunden müssen zum Verhör

Die Polizei hat die vier Männer und Frauen ermittelt, die einem Sterbenden nicht halfen. Psychologen versuchen, den Effekt zu erklären.

Psychologisch erklärbar: Bilder der Überwachungskamera zeigen, wie eine Personen über den Bewusstlosen hinwegstieg.
Psychologisch erklärbar: Bilder der Überwachungskamera zeigen, wie eine Personen über den Bewusstlosen hinwegstieg.
Polizei Nordrhein-Westfalen

Der Fall des in einer Bankfiliale in Essen am Boden liegenden und später verstorbenen Mannes, dem niemand half, sorgt für Empörung. Von einem «kollektiven Empathieverlust in der Bevölkerung» spricht ein deutscher Polizeigewerkschafter im Nachrichtenmagazin «Stern». Vier Personen waren an dem 82-Jährigen vorbeigegangen, ohne sich um ihn zu kümmern.

Die Polizei hat die vier Bankkunden nun ermittelt. Sie müssen sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Gefunden wurden sie über eine Liste mit allen Bankkarten, die zum betreffenden Zeitpunkt eingesetzt worden waren. Es handle sich sowohl um Männer als auch um Frauen, sagt ein Sprecher der Polizei Essen.

Psychologisch erklärbar

Dass gleich vier Personen an dem Mann vorbeigegangen sind, schockiert Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Er spricht von einem «kollektiven Empathiverlust in der Bevölkerung».

Ein Psychologe erklärt die unterlassene Hilfeleistung mit der besonderen Situation. Die Schalterhalle sei leer gewesen, die Bank geschlossen. «Man hat schon öfter einen Obdachlosen so daliegen sehen», sagt Peter Walschburger gegenüber «Stern». Für den Fall, dass der Person nichts Ernsthaftes fehle, bestehe die Gefahr, sich zu blamieren. Das sei unangenehm. Und dann entscheide man sich, lieber nichts zu tun.

Das könne auch auf den sogenannten Zuschauereffekt zurückgeführt werden, sagt Gerd Bohner, Professor für Sozialpsychologie in Bielefeld, gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Je mehr Zuschauer und Zeugen es gebe, umso kleiner sei die Chance, dass jemand helfe. Das Phänomen wurde untersucht, nachdem in den 60-er Jahren in New York eine Frau ermordet worden war und fast 40 Menschen die Tat beobachtet hatten, ohne zu helfen.

Im konkreten Fall hätten die Personen vielleicht gedacht, «da kommt noch jemand, der besser Erste Hilfe leisten kann, der sein Handy dabeihat, der nicht unter Zeitdruck ist».

Über Bewusstlosen gestiegen

Der 82-Jährige war Anfang Oktober im Vorraum des Geldinstituts in Essen-Borbeck wegen eines medizinischen Notfalls zu Boden gestürzt und mitten in dem Raum liegen geblieben. Die vier nun ermittelten Bankkunden erledigten ihre Bankgeschäfte, ohne sich um den Mann zu kümmern. Sie sollen an dem hilflos am Boden liegenden Mann vorbeigegangen oder sogar über ihn hinweggestiegen sein.

Erst ein weiterer Kunde rief später Hilfe herbei. Der Senior wurde in ein Krankenhaus gebracht. Dort starb er Tage später, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

AFP/ij

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