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Notre-Dame soll auferstehen – und alle wollen mithelfen

Nach der grossen Katastrophe in Paris ist eines klar: Die alten, gotischen Mauern der Kathedrale stehen noch. Und Frankreich ist wieder zusammengerückt.

Eine Kette von Ereignissen: Das passierte beim Brand in der Pariser Kathedrale. Video: Tamedia

Am Morgen danach versucht die Stadt, ihrer Wunde so nahezukommen wie möglich. Menschen drängen sich entlang des Seine-Ufers, auf den Brücken, zwischen den Übertragungswagen der Fernsehteams aus der ganzen Welt. Vor dem Buchladen «Shakespeare and Company» sitzt Marthe auf einem Betonpoller, in ihrer linken Hand ein Brötchen, in der rechten ein Rosenkranz, die Augen klein und rot von einer Nacht ohne Schlaf. «Sie steht noch, sie hält durch», sagt Marthe und schaut über den Fluss zur Notre-Dame, zu ihrer Kathedrale.

Sie wohnt nur ein paar Hundert Meter entfernt, sie hat den Rauch aufsteigen sehen, bevor sie in den Nachrichten erfahren hat, dass etwas Schlimmes passiert ist. Notre-Dame brennt. Seit neun Jahren singt Marthe im Chor der Kathedrale. «850 Jahre konnte ihr niemand etwas anhaben und jetzt haben ein paar Stunden so viel zerstört.» Wenn sie über diese Kirche spricht, dann redet sie nicht von einem Gebäude. Sie erzählt von dem Ort, an dem für sie «das Herz Frankreichs schlägt». Sie spricht zärtlich von Notre-Dame, wie von einer Freundin, einer Mutter oder einer Schwester.

Aufnahmen zeigen Löscheinsatz in Notre-Dame: Die Feuerwehr versuchte, das Schlimmste zu verhindern. Video: Reuters

Von vorne, vom Hauptportal aus gesehen, bemerkt man die Spuren des Brandes fast nicht. Aber wenn man die Seine entlangläuft und von der Seite auf die Kirche schaut, sieht man die russgeschwärzten Fenster, die Leerstelle, dort, wo der Dachreiter stand, die riesigen Löcher im Baugerüst auf dem First, von dem aus die Flammen auf den gesamten Dachstuhl übergesprungen sind.

Wer in Paris wohnt, gewöhnt sich an ein enges Leben. Doch im Zentrum der Stadt weitet sich auf einmal der Blick. Die Seine schiebt die Stadt so weit auseinander, dass sogar zwei Inseln Platz im Fluss finden. Ile de la Cité heisst die grössere von ihnen, hier steht die Notre-Dame und hier liegt die Wiege Frankreichs, von hier aus wuchs die Stadt, von hier aus entstand das Land Frankreich.

Zur Postkarte erstarrt

Dieses Pathos versinkt im Alltag. Um die Notre-Dame schliesst sich täglich ein Kreis aus Touristen. Die Strassen sind verstopft, die Restaurants überteuert. Ausgelassen gefeiert wird im Norden der Stadt, gemütlich gelebt im Süden, im Zentrum erstarrt Paris zur Postkarte. Zu oft fotografiert, von zu vielen Augen verschlungen. Es braucht meist einen besonders schönen Frühlingstag, bis auch die Pariser wieder sehen, wie unverschämt schön es hier ist.

Dieser Montag im April zählt zu diesen Frühlingstagen. Und dann brennt die Postkarte. Wenn der Wind von Osten kommt, fallen Ascheflocken aufs Haar, der Rauch quillt schwefelgelb in den Himmel, dann färbt er sich schwarz und verdeckt einen der Türme der Notre-Dame. Erst 14 Stunden später, am Dienstagmorgen um 9.45 Uhr, meldet die Feuerwehr, dass «der gesamte Brand gelöscht» sei. In der Nacht kämpfen 400 Männer und Frauen dafür, dass die Kirche gerettet wird. Und die ganze Welt schaut live dabei zu. Warum, verdammt, dauert das so lange? US-Präsident Donald Trump twittert: «Vielleicht könnten fliegende Wassertanks eingesetzt werden, um es zu löschen. Es muss schnell gehandelt werden!» Aber so leicht ist das nicht. «Der Abwurf von Wasser mit Flugzeugen über dieser Art Bauwerk könnte den Zusammenbruch des gesamten Gebäudes verursachen», twittert der französische Zivilschutz zurück.

Wenn Wasserladungen mit einem Gewicht von vier bis sechs Tonnen über dem jahrhundertealten und von dem Brand in seiner Substanz schon geschwächten Sakralbau abgeworfen werden, richtet das nur noch mehr Schaden an. Und es gefährdet die Feuerwehrleute, die sich schnell nach Ausbruch des Brandes in das Kircheninnere begeben haben, um zu retten, was noch zu retten ist: Die Hauptreliquie der Notre-Dame, die als Dornenkrone Jesu bekannt ist, das Goldgewand König Ludwigs des Heiligen und möglichst viele Gemälde. Die Kathedrale ist eine Schatzkammer. Zum Löschen bleibt da nur der Wasserschlauch. Die Löschzüge sind schnell da. Das Problem ist die Höhe des Dachs, wo das Feuer ausgebrochen ist: 45 Meter. Der Spitzturm auf dem Mittelschiff, der nach einer Stunde wie ein lodernder Kerzendocht umknickt, ist mit seinen 96 Metern erst recht nicht zu erreichen.

Den mehr als hundert Meter langen Dachstuhl von Notre-Dame nannten die Kunsthistoriker nur la forêt – den Wald. Jetzt erkennt man, warum. Jeder Balken ist ein kompletter Holzstamm, acht Jahrhunderte lang erhalten, acht Jahrhunderte lang getrocknet. Jetzt brennt dieser Wald wie Zunder. Die Hitze im Dachstuhl erreicht 1000 Grad, auch weil in der Kirche 250 Tonnen Blei verbaut sind, die Wärme besonders lange speichern. An den Fenstern, in den Türmen, auf den Balken, überall schmilzt das Blei und wirkt wie ein Kachelofen. Ein Feuerwehrmann wird vom Blei verletzt, das vom Dach herabtropft. Am Abend setzt die Feuerwehr Drohnen ein, um zu sehen, wie die Flammen sich ausbreiten. Schon bald wird klar, dass das Dach verloren ist. Die neue Priorität lautet: Die Türme retten. Das gelingt. Doch als das Feuer gelöscht ist, hat es gemeinsam mit dem Löschwasser so schwere Schäden angerichtet, dass niemand weiss, ob und wie lange das Mauerwerk halten wird.

Als Präsident Emmanuel Macron sich an dem Abend das erste Mal zu Wort meldet, nennt er die Kathedrale Notre-Dame «einen Teil von uns». Eigentlich hatte Macron sich diesen Montag ausgesucht, um zu verkünden, wie er Frankreich aus der Krise führen will, die die Proteste der «gilets jaunes» ausgelöst haben. Aber die grosse Rede ist abgesagt, stattdessen spricht er zu einem Land im Schock. Ein Teil von uns. Es liegt auch an diesen Worten von Macron, dass Frankreich am Dienstag nach dem Brand kurz fast schon versöhnt wirkt.

Bildstrecke: Der Blick ins Innere

Die ersten Fotos der Kathedrale: So sieht die Notre-Dame nach dem Feuerdrama aus. (16. April 2019)
Die ersten Fotos der Kathedrale: So sieht die Notre-Dame nach dem Feuerdrama aus. (16. April 2019)
Christophe Petit Tesson, AFP
Immenser Schaden: Das Feuer frass sich durch die Decke in die Kathedrale. (16. April 2019)
Immenser Schaden: Das Feuer frass sich durch die Decke in die Kathedrale. (16. April 2019)
Amaury BLIN, AFP
Erst 2012 wurde die Kathedrale zur 850-Jahr-Feier ihres Bestehens herausgeputzt. Notre-Dame wurde zwischen 1163 und 1345 errichtet. (15. April 2019)
Erst 2012 wurde die Kathedrale zur 850-Jahr-Feier ihres Bestehens herausgeputzt. Notre-Dame wurde zwischen 1163 und 1345 errichtet. (15. April 2019)
Thomas Samson, AFP
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Am Dienstagmittag verkündet die Staatsanwaltschaft, dass ein Unfall als wahrscheinlichste Brandursache gilt. Ausgerechnet die Renovierungsarbeiten haben zur Katastrophe geführt. Doch in der Nacht, als die Flammen noch nicht gelöscht sind, geraten auch die Gerüchte ausser Kontrolle. Könnte es nicht auch Brandstiftung sein? Im Netz werden diese Nachrichten von denen verbreitet, die hinter jeder Katastrophe eine Verschwörung wittern. Und die sich beinah zu freuen scheinen, wenn sie einen neuen Anlass gefunden haben, um Lügen über Muslime zu verbreiten, über Ausländer oder über jeden anderen, den sie sich zum Feind erkoren haben.

Aber die Notre-Dame eignet sich kaum als Symbol für einen Kulturkampf. Die Kathedrale hat ein grosses Herz. Sie schenkt den Katholiken ihr spirituelles Zentrum, allen anderen Franzosen gibt sie Gründe, stolz zu sein, auf ihre lange Geschichte, ihre herausragende Architektur, ihren Platz in der Welt. Die Kathedrale lässt sich von Touristen bewundern und 1996 von Disney zum Zeichentrickfilm verwursten. Wenn man von der Notre-Dame etwas lernen kann, dann das, dass wahre Grösse darin liegt, jedem seinen Platz zu lassen.

Vor der Kirche ist ein bronzener Stern eingelassen, er markiert den «kilo­mètre zéro», den Punkt, an dem alle Wege Frankreichs zusammenlaufen, von dem aus die Entfernungen auf den Strassen des Landes bis in die Hauptstadt gemessen werden. In Notre-Dame wurde die Nationalheilige Jeanne d’Arc im 15. Jahrhundert posthum rehabilitiert, hier heiratete König Heinrich IV., hier liess sich Napoleon zum Kaiser krönen. Es waren auch die Glocken von Notre-Dame, die am 25. August 1944 die Befreiung der Stadt Paris von den Nazis verkündeten. Wer ausgerechnet diese Kathedrale zum Symbol der Spaltung des Landes erklären will, stellt sich Geschichte vor wie ein Brettspiel, in dem Gut und Böse gegeneinander antreten. Nicht wie eine ständige Aufeinanderfolge von Widersprüchen, die manchmal in besonders glücklichen und in besonders traurigen Momenten aufgelöst werden können.

Überall wird Geld gesammelt

«Wir werden diese Kirche wiederaufbauen.» Emmanuel Macron steht gemeinsam mit seinem Premierminister Edouard Philippe und der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo vor der noch brennenden Kathedrale, als er den Franzosen am Montagabend dieses Versprechen gibt. Es dauert nicht lange, bis klar wird, dass Macron sein Versprechen trotz klammer Staatsfinanzen vermutlich einlösen kann. Paris ist nicht nur die Stadt der grossen Architektur, sie ist auch die Stadt des grossen Geldes. Noch in der Nacht zu Dienstag kündigt die Familie Pinault, die Luxusmarken wie Gucci besitzt, eine Spende von 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau an. Da kann der noch reichere Luxusmilliardär Bernard Arnault nicht hintanstehen. Das Feuer ist noch nicht gelöscht, da übertrumpft Arnault, Herr über Marken wie Louis Vuitton und Dior, seinen ärgsten Rivalen und verspricht 200 Millionen Euro für Notre-Dame, «Symbol Frankreichs, seines Kulturerbes und seiner Einheit». Weltweit wird nun gesammelt.

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Der Brand der Notre-Dame

Alles zur Feuerkatastrophe in Paris in Text und Multimedia.

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Es ist nicht das erste Mal, dass die Notre-Dame wieder aufgerichtet wird. Der erbärmliche Zustand des Heiligtums trieb Victor Hugo dazu an, den Glöckner von Notre-Dame zu schreiben. Der Schriftsteller empörte sich über den «untragbaren» Zustand der Kathedrale. Während der Renaissance und später während der Französischen Revolution blieb das Bauwerk sich selbst überlassen. Der Roman sollte wachrütteln. Seitdem hat sich die Geschichte vom hässlichen, buckeligen Glöckner Quasimodo ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, nicht nur in Frankreich. Dort gilt es als Hugos Verdienst, dass die Kathedrale ab 1845 instand gesetzt wurde.

Die Sonne ist gerade aufgegangen, als Merouane Benchikh auf eine kleine Mauer steigt, um vom Flussufer aus einen besseren Blick auf Notre-Dame zu haben. Benchikh trägt Jogginghose und Lederjacke, und anders als die Menschen, die um ihn herum stehen, kramt er kein Handy aus seiner Tasche, sondern einen Fanschal von Paris Saint-Germain. Er streckt ihn wie ein Banner in den Himmel und beginnt zu singen. Sein Lied hat wenig Melodie, dafür ist es laut. «Wenn wir neben dir marschieren, mit der Wärme unserer Herzen», brüllt Benchikh in den Morgen. Er ist Ultra-Fan, doch sein Herz gehört nicht nur dem Fussball, sondern auch der Stadt. Sie singen ihre Hymne nicht nur, wenn sie wollen, dass ihr Team gewinnt, sie singen sie auch, wenn ihre Welt aus den Fugen zu geraten droht. «Zum Beispiel nach dem Anschlag auf das Bata­clan», sagt Benchikh. Nun tut er für die Notre-Dame das, was er im Stadion gelernt hat: Er brüllt der Kirche Mut zu.

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