Schlechte Nachrichten für Keim-Hypochonder

Krankheitserreger lauern überall. Nun wurden sogar auf Glücks-Denkmälern 29 Bakterienarten nachgewiesen.

Die Löwen in der Münchner Residenzstrasse: Einfach nur vorbeigehen, ohne die Schnauze am unteren Ende des mächtigen Schilds zu berühren – das geht nicht. Bild: SZ/Foto: Robert Haas

Die Löwen in der Münchner Residenzstrasse: Einfach nur vorbeigehen, ohne die Schnauze am unteren Ende des mächtigen Schilds zu berühren – das geht nicht. Bild: SZ/Foto: Robert Haas

Martin Zips@SZ

Es soll im Jahr 1848 gewesen sein, als an der Münchner Residenz plötzlich ein Zettel hing. Dort empörte sich ein Student über die Affäre seines bayerischen Königs mit der irischen Tänzerin Lola Montez, worauf Ludwig I. eine Belohnung zur Ergreifung des Schreibers aussetzen liess. Der junge Mann wurde gefasst, Ludwig jedoch begnadigte ihn und schenkte ihm am Ende sogar die Belohnung. Der Student konnte sein Glück kaum fassen und als er vor der Residenz stand, wurden ihm vor lauter Dankbarkeit die Knie weich und er musste sich an einer der bronzenen Löwen-Schnauzen festhalten, um nicht hinzufallen. Deshalb heisst es in München noch heute: Das Berühren der Residenz-Löwen bringt Glück.

Nun aber hat ein britisches «Gesundheitsunternehmen», das zum Beispiel durch den Verkauf diverser DNA- und Mikrobiom-Selbsttester Geld verdienen will, eine «erstmalige Studie 24 bedeutender Glücksdenkmäler in 13 europäischen Städten» verschickt. Ergebnis: Durch Berührung der Glücksbringer droht Kontakt mit 29 verschiedenen Bakteriengattungen. Neunundzwanzig! Etwa Pseudomonaden («Pfützenkeime»), zum Beispiel dort, wo sich einst der Münchner Student festhielt. Für Keim-Hypochonder ist das freilich gar keine gute Nachricht. Da möchte man sich kurz ein bisschen Glück herbeiwischen – und was kriegt man? Haarbalg-Entzündung und Ohrkanal-Infektion.

Julia-Statue in Verona. Bild: AFP

Und die an Grapsch-Statuen keineswegs arme bayerische Landeshauptstadt steht ja nicht alleine da. Wer etwa in Verona der Bronze-Julia an die Brust fasst, auf der Prager Karlsbrücke den Hund unter der St.-Nepomuk-Statue tätschelt oder gar die angeblich besonders befallene Sherlock-Holmes-Statue in London küsst, wird zum Tummelplatz von Staphylokokken. Da sind Blasen- und Herzinnenhautentzündung, Konjunktivitis und Sepsis nicht mehr weit. Die Studienmacher raten deshalb zu gründlichem Händewaschen und antibakteriellem Teebaumöl. Klar, zu ihren Selbsttests raten sie irgendwie auch.

Das mit den Keimen ist schon so eine Sache. Ist es nicht beängstigend, wenn auch heute noch Geldmacher der New Yorker Wall Street ihre Aktentaschen an den Hoden des berühmten Bronze-Bullen reiben – in der Hoffnung auf bessere Geschäfte? «Man verdirbt sich die Seele allein von der Berührung mit Geld», davor hat einst der russische Dichter Alexander Alexandrowitsch Blok gewarnt. Eine Studie eines weltweit aktiven «Hygiene-Dienstleisters» wiederum hat jüngst ergeben, dass auch Leder-Handtaschen ein guter Ort für die Ausbreitung von Bakterien sind.

Dennoch: Die Sehnsucht des Menschen nach Berührung bleibt gross. Grösser vielleicht noch als seine Furcht vor möglicherweise pathogenen Mikroorganismen. Das sich unter der Bronze-Hose wölbende Gemächt des (zu Lebzeiten angeblich wunderschönen) Journalisten Victor Noir (1848-1870) strahlt auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise so blitzeblank wie nie zuvor. Es heisst, die Berührung dieser Stelle schenke den Menschen Fruchtbarkeit.

Victor-Noir-Statue in Paris. Bild: AFP

Auch das Denkmal der schwedischen Schauspielerin Margaretha Krook (1925-2001) vor dem Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm wird, wenn auch eher im Gesicht, geherzt. Auch, weil die Bronze im Winter von innen beheizt wird, man sich also herrlich an ihr wärmen kann. Sogar die blank polierte Nase des russischen Romanhelden Ostap Bender in Sankt Petersburg zeugt davon, dass Berührungen – wie der österreichische Barde Peter Horton einmal feststellte – «Zauberwesen» sind, «die unsere seelischen Gärten bestellen».

Natürlich: Der mit Mundschutz und Sagrotan-Tüchlein bestens versorgte moderne Mensch tut sich recht schwer mit Viroiden. Hatte nicht bereits der im Tutanchamun-Grab seit Jahrtausenden wuchernde Schimmelpilz Aspergillus flavus nach der Graböffnung 1922 zahlreiche Unschuldige dahingerafft? Heute freilich fragt man sich: Wie viele Schmierbakterien lauern auf meinem Touchscreen? Wie bekämpfe ich kleine Tiere im Spülschwamm? Und wie funktioniert eigentlich chlamydienfreier Sex?

Es ist ja keine Einbildung. Erst kürzlich wurden am Flughafen von Helsinki die Plastikschalen vom Sicherheitscheck als besonders belastet entlarvt. An der Universität von Kalifornien indes fanden Forscher fiese Durchfall-Campylobacter auf Hühnerfleisch-Schneidebrettchen. Und, ja, immer mehr Menschen möchten einem zur Begrüssung schon gar nicht mehr die Hand geben, aus lauter Angst vor Körpersekreten.

Entwarnung für den Touchscreen

Auf Anregung der CSU-Stadtratsfraktion testen die Münchner Verkehrsbetriebe deshalb dieser Tage UV-Licht zur Bekämpfung von Keimen auf Rolltreppenbändern. Auch über die bakterienfeindliche Veredlung öffentlicher Handläufe mit Kupfer wird an der Isar derzeit laut nachgedacht. Und die drahtlose Handy-Ladestation inklusive hundertprozentiger Keimabtötung, die gerade auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin vorgestellt wurde, haben demnächst sowieso alle auf ihren Nachttischschränkchen.

Doch Mikrobiologe Markus Egert von der Hochschule Furtwangen beruhigt: «Der durchschnittliche Erwachsene trägt ohnehin Billionen von Bakterien mit sich herum.» Als Autor des Buches «Ein Keim kommt selten allein» rät er zu Gelassenheit. Spucke auf dem Bürgersteig? Ein eher ästhetisches Problem. Schuhe ausziehen vor der Wohnungstür? Ja, aber nur, wenn der Gast vorher im Kuhstall war. Ein niesendes Gegenüber in der U-Bahn? Da hilft das Hochhalten der Tageszeitung. Und von wegen Holz statt Plastik: Auf rauen Flächen setzen sich Bakterien viel leichter fest als auf glatten. Entwarnung für den Touchscreen also. Infektionen holt man sich am ehesten durch Lebensmittel oder direkten menschlichen Kontakt (laut WHO werden 60 Prozent aller Infektionskrankheiten von Hand zu Hand übertragen).


Wo in Ihrem Haushalt am meisten Keime lauernHygieneexperte Markus Egert erklärt im Interview, was wir so genau gar nicht wissen wollen. (Abo+)


Und was die Glücksdenkmäler betrifft: «Dort finden sich natürlich dieselben Bakterien wie auf Geldautomaten», sagt Egert. Allerdings seien die Figuren in einer Sache schon speziell: «Wer daran glaubt, dass ihm der Kontakt mit den Statuen wirklich Glück bringt, der stärkt dadurch sogar sein Immunsystem!» Ein äusserst begrüssenswerter Placebo-Effekt. Aberglauben mache über viele Bedrohungen erhaben.

Friedensgruss ohne Händeschütteln

Genau das muss die Erzdiözese Paderborn Anfang dieses Jahres übersehen haben, als sie während der damals grassierenden Grippewelle im «Kirchlichen Amtsblatt» auf die Möglichkeit zum Verzicht des «Händereichens beim Friedensgruss» in ihren Gottesdiensten hinwies. Zuvor schon hatten Forscher in anderen Kirchengemeinden Fäkalbakterien, Belebtschlammflocken, Hautfetzen, Rädertierchen, Pilzhyphen, Flagellaten und Actinomyceten im Weihwasser gefunden – da wollte man gewappnet sein. Doch, da sind sich Theologen und Psychosomatiker weitgehend einig, gerade die Bekreuzigung mit Weihwasser wie auch der Friedensgruss mit Banknachbarn kann in der aseptisch-digitalen Wisch- und Schmiergesellschaft auch ungeheuer befreiend sein.

Und die Münchner CSU mit ihrer Rolltreppen-Bestrahlung und -Verkupferung? «Totaler Schwachsinn», schimpft Mikrobiologe Egert. «Reine Geld- und Energieverschwendung und womöglich sogar toxisch für gesunde Körperzellen.» Der menschliche Drang zur breitflächigen Dauerdesinfektion sei ohnehin von Übel, ja in Sachen drohender Resistenzen sogar gefährlich. «Politiker sollten lieber Kernseife und Handtücher an ihre Wähler verteilen. Denn regelmässiges Händewaschen bleibt das Wichtigste.»

Womöglich auch ein kurzer Blick zum heiligen Onuphrius? Der Asket aus Äthiopien gilt in der Kirche als Patron der Prostituierten und Hermaphroditen, womöglich sogar als Patron irischer Tänzerinnen und taumelnder Studenten. Das Tolle ist: Diesen Glücksbringer muss man gar nicht anfassen. Onuphrius leuchtet schlicht von einer Hauswand am Münchner Marienplatz herunter und verspricht wirklich jedem, der kurz zu ihm aufblickt, Schutz vor dem plötzlichen Tod.

Na ja, für einen Tag zumindest.

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