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Urteil von L'Aquila «befremdet» Schweizer Seismologen

In Italien wurden Wissenschaftler wegen angeblicher Fehleinschätzung des Erdbebens von L'Aquila zu Gefängnisstrafen verurteilt. Für Schweizer Kollegen ist das schwer nachvollziehbar.

Sechs Erdbebenspezialisten wurden wegen «fahrlässiger Tötung» zu langen Haftstrafen verurteilt: Richter Marco Billi verliest das Urteil im Gerichtssaal von L'Aquila. (22. Oktober 2012)
Sechs Erdbebenspezialisten wurden wegen «fahrlässiger Tötung» zu langen Haftstrafen verurteilt: Richter Marco Billi verliest das Urteil im Gerichtssaal von L'Aquila. (22. Oktober 2012)
Keystone

Bern Wissenschaftler in aller Welt haben alarmiert auf die Verurteilung von sechs Erdbebenspezialisten in Italien wegen ungenügender Warnung vor den Erdbeben von 2009 reagiert. «Wir werden in Zukunft noch vorsichtiger kommunizieren müssen», sagte Stefan Wiemer, der Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED), am Dienstag.

Die Lektion aus dem Urteil sei, dass Wissenschaftler lediglich Wahrscheinlichkeiten kommunizieren, aber keine Handlungsempfehlungen für die Bevölkerung mehr abgeben dürften, sagte der SED-Chef zur Nachrichtenagentur sda. «Ich hätte wohl in einer ähnlichen Situation in der Schweiz nicht gross anders reagiert als die Kollegen in Italien.»

Wissenschaftlich gesehen hätten die Kollegen alles richtig gemacht: Demnach könnten die sogenannten Schwarmbeben, wie sie 2009 in der Region von L'Aquila aufgetreten sind, gelegentlich Vorboten von grösseren Beben sein. Dies sei in weniger als einem Prozent aller Schwarmbeben der Fall.

Würde man die Menschen jedes Mal evakuieren, so täte man das im Schnitt 100-mal, bis es zu einem grossen Beben käme. Deshalb kam der SED in einer nach dem Erdbeben von L'Aquila erstellten Studie zum Schluss, dass eine «Schwarmbeben-Aktivität nicht zu einer allgemeinen Evakuierung führen sollte», wie Wiemer sagt.

Das Urteil löse bei ihm «Befremden» aus, sagt Wiemer. Es sei bekannt, dass sich Wahrscheinlichkeiten schlecht kommunizieren liessen. Die italienischen Wissenschaftler hätten versucht, diese Zahlen allgemein verständlich zu übersetzen, und seien nun dafür verurteilt worden.

Die italienische Justiz hatte am Montag sechs Seismologen und einen Regierungsbeamten wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Sie hätten die Anzeichen für das verheerende Beben in den Abruzzen 2009 falsch eingeschätzt und die Bevölkerung «ungenau, unvollständig und widersprüchlich» über die Gefahr informiert.

«Krasses Fehlurteil»

Kollegen in aller Welt kritisieren das Urteil scharf. Als «absurd und gefährlich» bezeichnete es die US-Wissenschaftlervereinigung «Union of Concerned Scientists». Die American Geophysical Union warnte, dass eine drohende Strafverfolgung Wissenschaftler in Zukunft daran hindern könnte, Regierungen zu beraten und sich bei der Einschätzung von Risiken festzulegen.

Aus Protest gegen das Urteil legte der amtierende Präsident der italienischen «Kommission für grosse Risiken», Luciano Maiani, am Dienstag sein Amt nieder. Die Bedingungen, um in Ruhe zu arbeiten, seien nicht gegeben, sagte er der italienischen Nachrichtenagentur ANSA.

Verurteilter Seismologe «verzweifelt»

Als «entmutigt» und «verzweifelt» bezeichnete sich der verurteilte Seismologe Enzo Boschi am Dienstag gegenüber der italienischen Tageszeitung «Il Messaggero». «Es ist unmöglich, Erdbeben vorherzusehen», sagte er. Zusammen mit den anderen sechs Mitgliedern der «Kommission für grosse Risiken» war Boschi im März 2009 zum Schluss gekommen, dass kein erhöhtes Risiko bestünde.

Beim Erdbeben der Stärke 6,3 waren in der mittelitalienischen Stadt L'Aquila 300 Menschen gestorben und über 1000 verletzt worden. Kurz zuvor wären zwar Erdstösse gemessen worden, jedoch in einiger Entfernung von L'Aquila, sagte Boschi. Er betonte, dass die Entscheidung zu einer Evakuierung nicht bei den Wissenschaftlern liege, sondern bei Politikern und Behörden.

Der einzige Schutz sei zudem eine erdbebensichere Bauweise, so Boschi. Obwohl strenge Bauvorschriften in der Region gelten würden, seien diese bei vielen der in L'Aquila eingestürzten Häuser nicht eingehalten worden.

Das Urteil von L'Aquila gegen die Wissenschaftler ist noch nicht rechtskräftig. Angehörige der Opfer begrüssten das Verdikt.

AFP/rub

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