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«Vorort für Vorort geht unter»

Das Hochwasser hat die australische Millionenstadt Brisbane erreicht. Ganze Vororte sind bereits unter Wasser, die Bewohner versuchen ihr Hab und Gut zu retten. Eine Reportage aus einer Metropole im Ausnahmezustand.

Ein Mann hat seinen Kühlschrank kurzerhand umfunktioniert.
Ein Mann hat seinen Kühlschrank kurzerhand umfunktioniert.
Keystone
Ausser Betrieb: Eine Schiffsstation in Brisbane wurde von den Fluten mitgerissen.
Ausser Betrieb: Eine Schiffsstation in Brisbane wurde von den Fluten mitgerissen.
Keystone
Letzte Rettungsmassnahmen.
Letzte Rettungsmassnahmen.
Keystone
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David Moore kann es nicht fassen. Sein auf Pontons errichtetes Café im australischen Brisbane ist wegen des Hochwassers vollständig gesunken. Tische, Geschirr, ein grosses Klavier - alles ist in den Fluten des Brisbane River untergegangen. «Die Zerstörung so einer modernen Stadt zu sehen ist einfach unglaublich, und es ist surreal», sagt Moore. Nachdem das Hochwasser schon weite Teile des nordöstlichen Bundesstaates Queensland überschwemmt hat, ist nun auch seine Hauptstadt Brisbane betroffen.

Die Behörden rechnen damit, dass mehr als 20'000 Häuser überflutet werden. Viele Bewohner fliehen oder versuchen, ihr Hab und Gut zu retten. «Es ist unerträglich, wenn man sieht, was alles vom Fluss fortgespült wird», sagt Moore. «Da gibt es Vieh, Möbel und sogar Häuser.» Moores schwimmendes Café namens Drift war eine Institution in Brisbane. Nun ist es ebenfalls in dem schwersten Hochwasser seit einem Jahrhundert untergegangen. Auch das Island-Partyschiff und die Moggill-Fähre wurden von ihrem Ankerplatz fortgerissen und schwer beschädigt.

Reissende Strömung

Die Verwaltungsangestellte Bianca Faulk erzählt, dass der Brisbane River normalerweise so ruhig fliesse, dass die Strömung kaum zu erkennen sei. Jetzt ist das vollkommen anders: «Ich habe den Fluss noch nie so stark fliessen gesehen. Das ist beängstigend», sagt Faulk. Sie hat schon einen Wohnwagen, ein führerloses Hausboot und etwa 40 Pontons vorbeischwimmen sehen.

Ein Brisbaner Vorort nach dem anderen wird überflutet. In einem Industriegebiet in der Nähe des Flughafens schauen der Weinhändler Tod Williams und seine Frau Nicole angstvoll auf das steigende Wasser. «Sehen Sie dieses total neue Gebäude da; dort sind für tausende Dollar Dom-Pérignon-Champagner und französische Weine eingelagert», sagt Williams. Er und seine Mitarbeiter hätten den Champagner und den Wein zum Schutz vor den Fluten mit Plastikfolie eingewickelt und Sandsäcke vor dem Lager aufgeschichtet. «Das ist im Moment alles, was wir tun können.»

Reissende Strömung

Das Geschäftsviertel im Zentrum der 1,9-Millionen-Einwohner-Stadt Brisbane haben die Fluten noch nicht erreicht. Es ist wie ausgestorben, die Bürogebäude bleiben geschlossen. Schmutziges Wasser rinnt durch Abwasserkanäle, die Strassenbeleuchtung ist wegen des Hochwassers ausgefallen.

Das Rugby-Stadion von Brisbane mit seinen 52'500 Sitzplätzen gleicht einem Schwimmbad, das Wasser in der Sportanlage sorgte für eine kleine Explosion der Elektroanlage. In insgesamt 70'000 Häusern fiel in Folge des Hochwassers der Strom aus. Die Brauerei des Kultbiers XXXX schloss wegen der Überschwemmungen ihre Pforten.

Sand von Golfplätzen

In anderen Vierteln von Brisbane herrscht hingegen geschäftiges Treiben. Einige Bewohner nutzen die Golfplätze der Stadt, um Sandsäcke zum Auftürmen von Schutzwällen zu füllen. Anwohner des Flusses tragen ihre Möbel und anderes Hab und Gut auf den Dachboden, auch in der Kunstgallerie der Stadt werden die wertvollen Ausstellungsstücke in die obersten Stockwerke gebracht.

Die Supermärkte haben panische Bürger bereits leer gekauft. Die Menschen waren aufgerufen worden, sich mit Trinkwasser zu versorgen für den Fall, dass die Klärwerke durch das Hochwasser lahmgelegt werden.

Hoffen und Bangen

Tausende Menschen sind in Notunterkünfte oder zu Freunden geflohen. Mit Sirenenalarm werden auch die anderen Einwohner aufgerufen, vom Hochwasser bedrohte Gebäude zu verlassen. Es ist allerdings nicht einfach, Brisbane zu verlassen. Die meisten Strassen im Zentrum sind unbefahrbar, Busse und die meisten Züge fahren nicht mehr.

Kellner Yoan Mlodorzeniec beschreibt die Stimmung der Menschen in Brisbane als Mischung aus Hoffen und Bangen: «Wir erwarten das Schlimmste und hoffen das Beste,» sagt er. Café-Betreiber Moore ist pessimistisch. «Vorort für Vorort geht unter, sie ziehen Leute da raus und wir sitzen hier ungläubig, weil es so ein schöner sonniger Tag ist.» Das Ausmass der Zerstörung in Australiens drittgrösster Stadt sei «einfach schockierend».

SDA/jak

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