Walmanipulation

An der Küste taucht ein Wal auf, der so zutraulich ist, dass er zur Attraktion eines Dorfes wird. Aber woher kommt er? Und was hat es mit der Kamerahalterung auf sich, die ihm angelegt war?

Der «Spionwal» vor der norwegischen Küste ist handzahm. Foto: Reuters

Der «Spionwal» vor der norwegischen Küste ist handzahm. Foto: Reuters

Kai Strittmatter

Vor ein paar Tagen wurde er als «Spionagewal» bekannt: ein weisser Belugawal mit einem Kameragurt um den Leib, der in den arktischen Gewässern in der Nähe des norwegischen Nordkaps tagelang ganz offensichtlich die Nähe und die Hilfe von Fischern gesucht hatte. Er ist inzwischen die Attraktion im kleinen Fischerweiler Tufjord.Die Bewohner berichteten dem norwegischen Rundfunk NRK, dass das Tier nun regelmässig in den Hafen geschwommen komme. Der Wal sei so zahm, dass sie ihm die Schnauze streicheln könnten und er für sie Plastikringe oder tote Fische vom Meeresboden hole, die sie hineinwerfen.

Wo bloss kommt er her, der zutrauliche Beluga? Die Fischerfamilie Hesten, mit ihrem Boot in der Nähe der Insel Ingoya unterwegs, war die Erste, die mit ihm in Kontakt gekommen war. «Wir wollten gerade Netze auswerfen, als wir einen Wal zwischen den Booten sahen», erzählte Joar Hesten der Zeitung «Verdens Gang» (VG). Hesten war mit seinem Bruder und seinem Vater unterwegs. Sie sahen, dass der Wal einen Gurt um den Vorderleib trug. Zusammen mit Helfern der Fischereidirektion befreiten die Fischer das Tier von dem Geschirr. Am Gurt fanden sie die Halterung einer Go-Pro-Kamera – ohne Kamera. Was besonders auffiel: Der Gürtel trug die Aufschrift «Ausrüstung von St. Petersburg». Prompt sprachen Medien weltweit vom «russischen Spionagewal».

Die Russen lachen

In einem Interview mit dem russischen Sender Goworit Moskwa machte sich Wiktor Baranets, ein Vertreter der russischen Marine, lustig über die Schlagzeilen: «Wenn wir dieses Tier zum Spionieren eingesetzt hätten, glauben Sie wirklich, wir hätten noch eine Telefonnummer drangemacht mit einer Nachricht: ‹Bitte wählen Sie diese Nummer›?» Dann fügte er an: «Wir haben aber nie verheimlicht, dass wir im Militär Delfine einsetzen für Kampfaufgaben. In Sewastopol haben wir ein Zentrum für militärische Delfine, die für alle möglichen Aufgaben trainiert werden: Sie können den Meeresboden absuchen, einen Abschnitt bewachen, fremde Taucher töten oder Minen an dem Rumpf fremder Schiffe anbringen.» Details über dieses Zentrum wurden erstmals 2017 bekannt, als TV Zvezda, ein vom russischen Verteidigungsministerium kontrollierter Sender, über die Delfine und Robben berichtete, die dort schon seit Sowjetzeiten für militärische Aufgaben ausgebildet werden. Erstmals wurde in dem Bericht aber auch die Arbeit mit Belugawalen in der Arktis beschrieben.

«Eine Enthüllung»

Dem Sender zufolge untersuchte die russische Marine, ob man Belugawale dazu ausbilden könnte, «Tiefseetaucher zu unterstützen und, wenn nötig, jeden Fremden zu töten, der in ihr Territorium eindringt». Die «Siberian Times» nannte diese «neue Rolle» der Experimente in der Arktis «eine Enthüllung». In dem TV-Bericht hiess es damals allerdings auch, die Belugas seien «sehr sensible Tiere» und nicht so einfach zu trainieren wie die klugen Robben.

Auch die US-Marine trainiert Meerestiere, aber ausschliesslich Grosse Tümmler und kalifornische Seelöwen, die Unterwasserminen aufspüren können. Dass ihre Tiere als «Killerdelfine» eingesetzt werden, wie zum Beispiel im Hollywood-Thriller «Der Tag des Delfins» zu sehen, bestreitet die US-Marine. Auch um solche Gerüchte zu entkräften, können Interessierte die Trainingsbasis in San Diego besuchen.

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