Wie ich im Zivilschutz mein Leben riskierte – mehrfach

Wenn Waldbrandgefahr herrscht, muss man alles geben. Der Erlebnisbericht von Kulturredaktor Andreas Tobler aus dem einzigen Notstandsgebiet der Schweiz.

Autor Andreas Tobler auf dem Hagenturm bei Merishausen. Foto: Michele Limina

Autor Andreas Tobler auf dem Hagenturm bei Merishausen. Foto: Michele Limina

Andreas Tobler@tobler_andreas

Leichter Sauerstoffmangel, aber jetzt sind wir oben, auf 945 Meter über Meer, haben alle Stufen erklommen und stehen auf der Plattform des Hagenturms, der höchsten Erhebung im Kanton Schaffhausen. «Sollen wir das melden?», frage ich und zeige auf eine mächtige Rauchsäule im Nordwesten. «Nein, das ist der Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt», meint der Zivilschutz-Kollege.

Seit mehreren Tagen sind wir nun bereits im Einsatz. Aber noch immer hält sich dieses Staunen, dass wir tatsächlich vom Zivilschutz aufgeboten wurden, um hier über den Baumwipfeln nach Bränden Ausschau zu halten. So ist es nun mal, denn im Kanton Schaffhausen, wo ich wohne, wurde der Notstand ausgerufen. Wegen der Waldbrandgefahr, die in den letzten Wochen fast die gesamte Schweiz heimgesucht hat. Doch nur mein Kanton hat sich zum Notstand bekannt.

Begründet wird die Massnahme mit der Hitzewelle und der Trockenheit, die den Kanton «extrem getroffen» hat, wie die Schaffhauser Staatskanzlei schreibt. In anderen Kantonen muss das alles noch extremer sein, wo man in Sachen Waldbrandgefahr gleich auf die höchste Gefahrenstufe gewechselt hat, etwa im Aargau. In Schaffhausen verharrt man auf Stufe vier von fünf.

Wir halten Brandwache, es regnet die ganze Nacht

«Danke euch, toller Einsatz, der in der schwierigen Zeit viel hilft!», schreibt der Schaffhauser Regierungsratspräsident auf Instagram zu einem Foto, das unsere Brandwache zeigt. Den Ernst der Lage hatte ich selbstverständlich sofort erkannt, als ich vor einer Woche das dringliche Aufgebot per Post erhielt. Ich streifte mir die Uniform über und machte mich auf einen längeren Einsatz gefasst – obwohl es gleich bei der ersten Orientierung zu regnen begann und die ganze Nacht nicht mehr damit aufhörte.

Auch an unserem zweiten Einsatztag brennt es noch immer nicht. Dafür blubbern unter uns die Becken einer Kläranlage, wo wir uns zwecks Brandwache eingerichtet haben: Die Faulbehälter ragen wie zwei riesige Handgranaten aus der Ebene. Tatsächlich herrscht hier oben auf der Brücke zwischen den Behältern Explosionsgefahr. So steht es auf den Hinweistafeln. Selbst elektronische Geräte wie Handys dürfen hier nicht benutzt werden. Egal, wir müssen jetzt eine Verbindungskontrolle mit unseren Funkgeräten durchführen. Die Verbindung ist gut.

Wahrscheinlich stellt man sich eine solche Brandwache beschaulich vor: auf die Landschaft gucken, runterkommen, über den Sinn des Lebens nachdenken. Stattdessen herrscht Nervosität, seit ich den Wunsch deponiert habe, diesen Bericht zu schreiben – über einen Zivilschutzeinsatz in schwieriger Zeit. Im Gespräch mit dem Kommandanten und dem Mediensprecher händigt man mir das Zivilschutzreglement mit markierten Stellen aus. Darin steht, dass alles Interne nicht weitergegeben werden darf. Ich kann hier also nicht erzählen, dass SchwargerBalke Bxdxdfdf. Auch nicht, wie wir Asdhfdh dfd, Zadfsad. Und dass der Zivilschutz im aktuellen Einsatz sehr erfolgreich Dsrdhef shf sdhfsd sdhfehdsf.

Habe ich gerade gegen das Reglement aufgestachelt?

Spontan halte ich dem Kommandanten und seinem Sprecher ein kleines Referat über die Bedeutung der Medien als vierter Gewalt im Staat. Allgemeines Nicken. «Ja, ja, so sehen wir das auch.» Habe ich gerade gegen das Reglement aufgestachelt? Droht ein Zivilschutzputsch? Nein, nein, entscheiden über meinen Erlebnisbericht soll die Kantonsregierung, die den Einsatz angeordnet und wiederholt verlängert hat. Die Kosten für den Einsatz tragen der Staat und die Arbeitgeber, die maximal 250 Franken pro Tag erhalten, also nur zum Teil für ihre abwesenden Mitarbeiter entschädigt werden.

Am dritten Tag auf dem Hagenturm brennt es noch immer nicht. Dafür dreht ein kleines Sportflugzeug Runden über dem Waldgebiet, steuert schnurgerade auf unseren Turm zu. Hatte Schaffhausen nicht mal eine IS-Zelle? Was, wenn der Pilot die Kontrolle über seine Maschine verliert? Gäb es dann ein Zivilschutzbegräbnis? Das Flugzeug winkt mit seinen Flügeln, wir winken zurück. Dann schauen wir der Sonne beim Untergehen zu, sehen den Mars und den Mond. Hier oben ginge die Welt definitiv stiller unter. Selbst wenn sie in Flammen stünde.

Die Idee, eine Pizza beim Kurier zu bestellen, kommt auf, wird aber bald wieder verworfen: Hier oben im Wald gibt es ein Fahrverbot für fast alle ausser uns. Wir müssten dem Kurier ein Stück weit entgegengehen. Das geht nicht. Wir müssen Wache halten.

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