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Zur Abtreibung gezwungen und Baby wiederbelebt

Polizeiprotokolle enthüllen immer mehr Details zum Entführungsfall in Cleveland. Die Geburt der in Gefangenschaft zur Welt gekommenen Jocelyn verlief demnach äusserst dramatisch.

Boxunterricht und Fahrstunden: In ihrem ersten Jahr in Freiheit holten die drei Entführungsopfer Amanda Berry, Gina DeJesus and Michelle Knight (von links) einiges nach. (24. Februar 2014)
Boxunterricht und Fahrstunden: In ihrem ersten Jahr in Freiheit holten die drei Entführungsopfer Amanda Berry, Gina DeJesus and Michelle Knight (von links) einiges nach. (24. Februar 2014)
Tony Dejak, Keystone
«Ich werde überwinden, was sich ereignet hat»: Das Entführungsopfer Michelle Knight richtet am letzten Verhandlungstag das Wort an ihren Peiniger. (1. August 2013)
«Ich werde überwinden, was sich ereignet hat»: Das Entführungsopfer Michelle Knight richtet am letzten Verhandlungstag das Wort an ihren Peiniger. (1. August 2013)
Keystone
Ramsey ging auf die Veranda des Hauses. Berry streckte einen Arm durch einen Spalt in der Türe und bat ihn um Hilfe. Ramsey trat daraufhin den unteren Teil der Türe ein, und Berry konnte fliehen und die Polizei alarmieren. (7. Mai 2013)
Ramsey ging auf die Veranda des Hauses. Berry streckte einen Arm durch einen Spalt in der Türe und bat ihn um Hilfe. Ramsey trat daraufhin den unteren Teil der Türe ein, und Berry konnte fliehen und die Polizei alarmieren. (7. Mai 2013)
AP
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Die genauen Hintergründe über den Entführungsfall von Cleveland sind derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen. In einer ersten Phase nach der Befreiung werden die Frauen geschont, bevor sie zu den Details befragt werden sollen.

Einzelne Informationen sind allerdings schon geflossen. Sie ergeben einen düsteren Eindruck über die Jahre ihrer Gefangenschaft. Der US-Fernsehsender Channel 3 News hatte Einblick in ein aktuelles Protokoll der Polizei. Darin wird etwa beschrieben, wie sich die Geburt der heute sechsjährigen Jocelyn abgespielt haben soll.

Geburt unter widrigen Umständen

Bisher war bekannt, dass die Mutter Amanda Berry das Kind in einem Plastikplanschbecken zur Welt bringen musste. Offenbar unter widrigsten Umständen. Gemäss dem Protokoll musste Michelle Knight, einem der anderen Entführungsopfer, das Kind entbinden. Entführer Ariel Castro stand daneben und schrie: «Wenn das Kind stirbt, dann bringe ich Dich um.» Das Neugeborene hörte auf zu atmen, die Geburt geriet zum Todeskampf. Mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung gelang es Knight, dem Kind, und damit vielleicht auch sich selbst, das Leben zu retten.

«Das Erstaunlichste ist, dass eine Frau, die bis anhin absolut nichts über Geburtshilfe wusste, ein Kind entband, das in der Folge zu einem körperlich gesunden sechsjährigen Mädchen heranwuchs», gab ein Ermittler gegenüber CNN zu Protokoll.

Mehrfach zur Abtreibung gezwungen

Während Berry ein Kind zur Welt brachte, war dies bei Knight nicht der Fall. Dies, obwohl sie während der Gefangenschaft fünfmal schwanger war. Die heute 32-Jährige wurde jeweils von ihrem Peiniger zur Abtreibung gezwungen: «Er liess mich zwei Wochen lang hungern und schlug mir regelmässig in den Bauch, bis es zur Fehlgeburt kam», gab Knight der Polizei zu Protokoll.

Im rund 130 Quadratmeter grossen Anwesen wurden die Frauen teilweise in Ketten gehalten. Die Polizei vermutet nun, dass sich die Frauen nur im oberen Stockwerk des Hauses frei bewegen konnten. Die meiste Zeit seien die Entführungsopfer in separaten Zimmern gehalten worden. Zu einem regelmässigen Austausch zwischen den Frauen sei es so nur selten gekommen. Bei den wenigen Malen, die sie nach draussen in den Hinterhof gehen durften, mussten sie zur Tarnung Perücken und Sonnenbrillen tragen.

Die Flucht

Zur Flucht kam es letztlich, als Castro zur Imbissbude McDonald's fuhr. Gemäss Protokoll habe er für einmal vergessen, die Haupttüre zu schliessen. Berry, welche dies bemerkte, hätte offenbar selbst fliehen können. Der Weg in die Freiheit wurde ihr nur von einer Windschutztüre versperrt, die bloss angelehnt, jedoch nicht verschlossen gewesen sei. Berry vermutete allerdings, dass Castro sie testen wollte, wie er dies in der Vergangenheit des öfteren getan habe. Statt selbst zu fliehen, rief sie ihren Nachbarn um Hilfe, der sie in der Folge befreien konnte.

Eine Verwandte des Hauptangeklagten und seinen zwei Brüdern zeigt sich derweil schockiert und beschämt angesichts der Vorwürfe. Im Namen der Familie Castro wolle sie sich bei den Frauen und deren Familien «für den Schmerz und dafür, was sie erlebt haben, entschuldigen», sagte Maria Castro Montes gegenüber Nachrichtenagentur AFP. «Wenn eines unserer Familienmitglieder das getan hat, muss es dafür bezahlen», fügte die Cousine der in Gewahrsam sitzenden verdächtigen Brüder Ariel, Oneil und Pedro Castro hinzu.

«Soziopathisches Verhalten gut verborgen»

Zugleich beteuerte sie, dass die Familie nach der Befreiung der Frauen am Montag aus einem Haus in Cleveland im Bundesstaat Ohio ebenso überrascht gewesen sei wie die Öffentlichkeit. Mit Bezug auf den Besitzer des Hauses, Ariel Castro, sagte Castro Montes, dieser habe die gesamte Familie sowie die Nachbarschaft getäuscht. Er habe sein «soziopathisches Verhalten jahrelang gut verborgen», sagte Castro Montes.

Die Cousine bat indes auch darum, nicht «die gesamte Familie für das Handeln einer einzelnen Person verantwortlich zu machen». Amanda Berry sowie die beiden ebenfalls seit Jahren vermissten Frauen Gina DeJesus und Michele Knight waren am Montag entdeckt worden. Sie waren jeweils zwischen 2002 und 2004 verschwunden, seitdem fehlte von ihnen jede Spur. Berry hat mittlerweile eine sechsjährige Tochter, die sie offenbar in Gefangenschaft zur Welt brachte.

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