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Peter Hans Kneubühl wird verwahrt«Ich werde nicht ruhen»

Für das Regionalgericht Berner Jura-Seeland geht vom Mann, der 2010 die Stadt Biel in einen Ausnahmezustand versetzte, nach wie vor erhebliche Gefahr aus.

Vorerst bleibt Peter Hans Kneubühl in seiner selbst gewählten Isolation im Regionalgefängnis Thun.
Vorerst bleibt Peter Hans Kneubühl in seiner selbst gewählten Isolation im Regionalgefängnis Thun.
Foto: Franziska Scheidegger

Nun wird er also verwahrt. Peter Hans Kneubühl, der womöglich berüchtigste Rentner des Landes, der 2010 auf Polizisten feuerte, einen von ihnen lebensgefährlich verletzte. Das Regionalgericht Berner Jura-Seeland erachtet es nach all den gescheiterten Therapieversuchen für unmöglich, den Mann in die Freiheit zu entlassen. Am Freitag verhängte es deshalb eine der strengsten Massnahmen, die das schweizerische Strafrecht kennt.

Wie gefährlich ist Peter Hans Kneubühl noch? Die Antwort des Gerichts darauf fiel eindeutig aus. Gerichtspräsident Markus Gross unterstrich sie mit zwei Sätzen aus einem Schreiben Kneubühls: «Ich kann Ihnen garantieren, dass ich nicht ruhen werde, bis die illegale Versteigerung rückgängig gemacht wurde. Und ich Ihnen den Hals umgedreht habe.»

Adressat dieser Zeilen war kein Gutachter oder Richter, keine Behörde oder öffentliche Institution. Gerichtet waren sie an die Menschen, die heute im Haus wohnen, das einst ihm, Kneubühl, gehörte. Das er verteidigte. Und dabei bis zum Äussersten ging.

Im Krieg

Am 8. September 2010 griff Peter Hans Kneubühl zu den Waffen. In seinem Elternhaus sollte eine öffentliche Besichtigung stattfinden. Bald sollte die Liegenschaft versteigert werden. Kneubühl verbarrikadierte sich im Haus. Die Polizei rückte mit dem Spezialkommando Enzian an. Kneubühl eröffnete das Feuer, verletzte einen Polizisten schwer und entkam. Geschnappt wurde er erst neun Tage später.

Der heute 76-Jährige wähnt sich bis heute in einem Krieg mit der Justiz, den Behörden, seiner Schwester. In seiner Wahrnehmung hat er in Notwehr gehandelt. Mehrere Gutachter attestieren dem Rentner eine schwere wahnhafte Störung. Kneubühl ist deshalb nicht schuldfähig. Anstelle einer Freiheitsstrafe sollte er eine stationäre Therapie machen.

Aber er widersetzte sich, trat mehrmals in einen Hungerstreik, um den Vollzug zu verhindern. Seit Jahren lebt er nun im Regionalgefängnis Thun.

Kneubühl erfüllt sie alle

Die bernischen Bewährungs- und Vollzugsdienste haben die stationäre Massnahme schliesslich mangels Aussicht auf Behandlungserfolg aufgehoben, im Gegenzug die Verwahrung beantragt. Um eine solche anordnen zu können, muss ein langer Katalog an Voraussetzungen erfüllt sein.

Kneubühl erfüllt sie – so das Gericht – allesamt. Einige sind unbestritten, wie die Anlasstat und die schwere Beeinträchtigung der Opfer: Der von Kneubühl angeschossene Kantonspolizist erlitt schwere Hirnverletzungen, musste sich mehreren Eingriffen unterziehen, leidet seither an Migräneattacken, hat Konzentrationsstörungen.

Das Gericht hält auch die anhaltende, schwere psychische Beeinträchtigung und die Nichttherapierbarkeit für hinreichend belegt. Das von der Verteidigung ins Spiel gebrachte engmaschige Setting in Freiheit schien dem Gericht als unrealistisch. Kneubühl hat keine Wohnung, kaum Geld und wäre auf erhebliche Unterstützung angewiesen. Unterstützung, welche die so verhassten Behörden bieten würden.

Das Gericht bejahte auch die Rückfallgefahr. Wegen der Drohungen gegen die neuen Eigentümer des Elternhauses, weil man schlicht nicht weiss, wann sich Kneubühl wieder in die Ecke gedrängt fühlt. Und weil die Tatwaffe bis heute verschollen ist. Unter all diesen Gesichtspunkten erachtet das Gericht schliesslich den unbestrittenermassen sehr schweren Eingriff in Kneubühls Freiheitsrechte als verhältnismässig.

«Eine Entlassung ist utopisch»

Peter Hans Kneubühl wird vorerst in seiner Zelle in Thun bleiben. Die Behörden werden eine alternative Unterbringung prüfen, ihn aber nicht dazu zwingen. Markus D’Angelo ist der Anwalt der bernischen Bewährungs- und Vollzugsdienste, die er vor Gericht vertreten hat. Nach der Urteilsverkündung sagte er: «Bei der Unterbringung achten wir stark auf den Gesundheitszustand von Herrn Kneubühl.»

Gerichtspräsident Gross machte während seiner Urteilsverkündung deutlich: «Eine Verwahrung heisst mitnichten, dass die Person bis zu ihrem Lebensende weggesperrt wird.» Vielmehr müsse die Massnahme regelmässig überprüft werden. Zeigt Kneubühl in den nächsten Jahren die Bereitschaft zur Kooperation, etwa indem er endlich verrät, wo die Tatwaffe geblieben ist, dann sind Vollzugslockerungen bis hin zu einer bedingten Entlassung möglich.

Markus D’Angelo bestätigte diese Einschätzung kurz nach dem Urteil, relativierte sie aber auch. «Objektiv betrachtet, braucht es wenig. Für Herrn Kneubühl sind solche Zugeständnisse aber ein riesiger Schritt.» Faktisch also dürfte sich an der Situation wenig ändern.

Kneubühls amtlicher Verteidiger Sascha Schürch jedenfalls geht davon aus: «Eine Entlassung ist utopisch.» Schon allein im Hinblick auf das fortgeschrittene Alter seines Klienten. Dieser war erneut nicht persönlich vor Gericht erschienen.

Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Ob Kneubühl den neuerlichen Gang durch die Instanzen antritt, war am Freitag noch offen.

cef/sda

1 Kommentar
    Rolf Meierich

    Unfassbares Urteil!

    Durchaus verständlich dass sich Herr Kneubühl geweigert hat eine stationäre Massnahme nach Art. 59 StGB (bekannt als kleine Verwahrung) zu absolvieren. Wenn man bedenkt, dass in den letzten Jahren der Art. 59 von Gerichten wie warme Weggli verteilt werden und davon erstaunlich wenig Ausländer betroffen sind, kann irgendwas am Justiz System nicht mehr stimmen. In Massnahme Zentren für Art. 59 Klienten sind über 90% Schweizer inhaftiert. Im normalen Strafvollzug sind es über 90% Ausländer. Das würde ja bedeuten dass NUR Schweizer Straftäter eine psychische Erkrankung aufweisen und alle straffälligen Ausländer in dieser Hinsicht völlig gesund sind.

    Der Hintergrund ist aber offensichtlich ein anderer; straffällige Ausländer können nach Ende der Strafe ganz bequem ausgeschafft werden und das Problem ist gelöst. Schweizer Straftäter werden hingegen oft als psychisch krank eingestuft. Auf diese Weise kann man sie jahrelang, oft über Jahrzehnte, wegsperren. Selbst wenn Therapie Fortschritte erzielt werden, wird es oft nie ausreichen für eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, obwohl dieser Schritt per Gesetz das Ziel sein sollte.

    Hier hat man offensichtlich ein System gefunden, unangenehme Personen über mehrere Jahre unter dem Mantel "psychisch krank" weg zu sperren. Dieses völlig übertriebene Sicherheitsbedürfnis der Schweizer sollte wirklich einmal überdenkt werden.

    Herr Kneubühl hat damals eine Straftat begangen und dafür sicherlich eine Gefängnis Strafe verdient, aber die hat er nach so vielen Jahren unter harten Bedingungen abgesessen und sollte entlassen werden. Eine Verwahrung nach Art. 64 StGB für einen über 70ig jährigen Mann ist ja wohl völlig übertrieben und sollte es in diesem Land noch einen Hauch von Rechtsstaatlichkeit geben, wird dieses Urteil vor dem Obergericht gekippt.