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Kehrtwende in der NotPlötzlich nicht mehr gegen die Liga-Aufstockung

Thun-Präsident Markus Lüthi glaubt nicht an die Wirkung des Hilfspakets. Und er möchte schon bald vor Zuschauern spielen.

Thun-Präsident Markus Lüthi tendiert nun dazu, am 29. Mai für einen Abbruch der Saison zu stimmen.
Thun-Präsident Markus Lüthi tendiert nun dazu, am 29. Mai für einen Abbruch der Saison zu stimmen.
Foto: Raphael Moser

Allmählich hat Markus Lüthi genug vom Stillstand. Und der Präsident des FC Thun äussert die Worte nicht, weil er im Stau steht, als er zum neuesten Hilfspaket des Bundesrates Stellung bezieht. Die Sofortmassnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie habe er als sinnvoll erachtet, sagt er. Aber nun geht es ihm zu wenig rasch voran. Der 62-Jährige findet, man werde bei den Schritten aus dem «Lockdown light» bevormundet, er wünscht sich, dass die Eigenverantwortung stärker gewichtet werde, die Schweiz sei schliesslich ein an der Freiheit orientiertes Land. Er sagt: «Die Menschen kennen die Hygiene- und Abstandsregeln, man kann Masken tragen.»

Lüthi fragt sich, warum es nicht möglich sein sollte, bald wieder Grossveranstaltungen durchzuführen. Ihm schwebt vor, dass schon ab diesem Sommer bei einem Spiel des FC Thun 5000 statt 10’000 Zuschauer zugelassen werden. So wäre die Ansteckungsgefahr minim, sagt er. Zudem bemängelt er die Arbeit der Swiss Football League (SFL). Er findet, man reagiere immer nur, statt zu agieren. Er nennt die Lohndebatte als Beispiel. Man hätte die Clubs als Liga längst in die Pflicht nehmen können, transparenter zu arbeiten und so Vertrauen zu schaffen. Er sagt: «Das Imageproblem ist selbst verschuldet.»

Nachfolgend beantwortet Lüthi drängende Fragen zum FC Thun und zur Zukunft des Schweizer Fussballs.

Warum wird das Hilfspaket kaum helfen?

Unter der Woche hat der Bundesrat 200 Millionen Franken in Form von Darlehen für den Schweizer Profifussball gesprochen. Lüthi nennt es ein «gutes Zeichen» – mehr nicht. Das Beispiel FC Thun zeigt, wie klein die Wirkung der Unterstützung ausfallen könnte. Die Oberländer haben schon zwei Darlehen aufgenommen. Das erste Ende 2016, als die Stadt Thun dem Club 500’000 Franken lieh und so einen wichtigen Beitrag an die Spendenaktion leistete – davon muss der Verein immer noch 300’000 zurückzahlen. Zudem nahm der FC Thun kürzlich einen Covid-19-Kredit in Höhe von einer halben Million Franken auf. «Ich wüsste nicht, wie wir jemals ein weiteres Darlehen zurückzahlen könnten», sagt Lüthi und verweist auf die letztjährigen Bilanzen. Stand da kein Verlust zu Buche, dann höchstens ein Gewinn von wenigen Tausend Franken.

Eine Bedingung für ein Darlehen ist, dass die Lohnsumme innert drei Jahren um 20 Prozent gesenkt wird. Aber die Löhne beim FC Thun sind schon tief, die Spieler verdienen zwischen 4000 und 10’000 Franken im Monat. Immerhin: Nicht jeder Club, der ein Darlehen bezieht, muss die Lohnsumme innert drei Jahren um 20 Prozent senken. Gemeint ist der Durchschnittswert von allen Kreditnehmern. Das heisst: Beanspruchen der FCZ, Sion und Thun ein Darlehen, genügt es, wenn die beiden Erstgenannten bei ihren Gehältern einsparen.

Wie steht es um den FC Thun?

Seit bald drei Monaten steht der Fussball still. Weil der FC Thun für sämtliche Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet hat, fliesst fast kein Geld aus der Kasse ab. Dennoch ist der Schaden, den die Corona-Pandemie den Thunern zugefügt hat, schon gross. In zahlreichen Sponsoringverträgen war auf Ende März eine Kündigungsmöglichkeit festgeschrieben – just dann also, als die Corona-Krise die Schweiz vollumfänglich erreicht hatte. 30 Prozent der Sponsoren hätten vom Kündigungsrecht Gebrauch gemacht, sagt Lüthi. Er beziffert den Verlust auf 400’000 Franken – ein substanzieller Betrag für den Club. Für den Präsidenten ist klar: Wird der Spielbetrieb aufgenommen und ist die Kurzarbeit gleichzeitig nicht mehr rechtens, wird der FC Thun sehr rasch in Nöte kommen. Eine erste unverbindliche Antwort des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) an die SFL zur Gültigkeit der Kurzarbeit bei Wiederaufnahme des Mannschaftstrainings fiel negativ aus. Ziel ist es, dass die Clubs bei der Abstimmung am 29. Mai über die Fortsetzung der Saison Klarheit haben. Lüthi verweist auf andere Bereiche, etwa Kulturschaffende, die trotz Kurzarbeit ja auch weiter üben dürften. Und sagt: «Es wäre unfair, wenn der Fussball nicht gleichbehandelt würde.»

Wirkt sich das Hilfspaket auf die Abstimmung vom 29. Mai aus?

Sollten sich die Clubvertreter bei der Abstimmung vom Hilfspaket beeinflussen lassen, würde dies von Kurzsichtigkeit zeugen, findet Lüthi. Weil die bundesrätlichen Massnahmen ja die Probleme nicht lösen, sie höchstens aufschieben würden. Lüthi macht seine Entscheidung pro oder kontra Abbruch von anderen Punkten abhängig. Er erwartet von der Liga etwa, dass sie vor dem 29. Mai untersucht, wie sich eine Sonderbehandlung auf das Image des Schweizer Fussballs auswirken könnte. Er erwartet, dass das Schutzkonzept nochmals überarbeitet wird, und wirft die Frage auf: «Ist es sinnvoll, wenn Spieler und Trainer mit Masken herumlaufen?» Er möchte auch wissen, ob das Grossveranstaltungsverbot sakrosankt ist. Sportministerin Viola Amherd hat kürzlich in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» Lockerungen vor dem 1. September zumindest nicht ausgeschlossen. Stand jetzt, sagt Lüthi, votiere er für einen Abbruch.

Hat die Liga-Aufstockung plötzlich eine Chance?

Die Idee stammt von Sions Zampano Christian Constantin und Luganos Präsidenten Angelo Renzetti, den grössten Befürwortern des Abbruchs, sowie Lausanne, das den Aufstieg mit Vehemenz anstrebt. Der Plan: In der nächsten Saison würde die Super League auf zwölf Teams aufgestockt, die dann viermal gegeneinander spielen und so die TV-Anbieter für den Ausfall von Partien im Falle einer sofortigen Beendigung der laufenden Saison entschädigen. Ein weiterer Vorteil: Lausanne und wohl GC würden aufsteigen, niemand müsste absteigen – das Risiko, dass sich ein Club seine Ligazugehörigkeit vor Gericht erstreiten möchte, wäre minimiert. Die Frage ist, wie die Vereine der Challenge League zur Vorlage stehen, würde ihr Bewerb doch auf acht Clubs reduziert. Für das Lausanner Anliegen braucht es nur eine einfache Mehrheit, weil der Antrag keine Vergrösserung der SFL von 20 auf 22 Clubs vorsieht, was eine Statutenveränderung und somit eine Zweidrittelmehrheit an der Generalversammlung benötigt hätte.

Lüthi war ein lautstarker Kritiker der Aufstockung, die kürzlich von den Clubs abgelehnt wurde, vor allem, weil er befürchtete, mit 12 Teams würden die TV-Einnahmen sinken. Dementsprechend beachtlich ist seine Kehrtwende. Er erachte den neuesten Vorschlag als sinnvoll, sagt Lüthi, auch weil er keinen komplizierten Modus vorsieht und – vor allem – nun eine komplett veränderte Ausgangslage vorliegt. Und er meint, es wäre für den FC Thun kein Problem, 44 Ligapartien zu bestreiten. Lüthi glaubt, dass die Vorlage durchaus eine Chance hat, am 29. Mai angenommen zu werden.

5 Kommentare
    Sonja

    Für mich gibt es nur eine Lösung. Abruch der jetzigen Saison. Deutschland zeigt gerade die beklemmende Stimmung nicht nur der Geisterspiele wegen, sondern auch wegen den Schutzmaßnahmen. Lüthis Vorschlag mit beschränkter Zuschauerzahl geht gar nicht. Man hat ja jetzt in Basel gesehen wie Lockerungen sich zum Missbrauch auswirken. Sorry und einige Fußballfans sind ja nicht gerade bekannt sich an Regeln zu halten. Ich bin Saisonkarten Besitzerin sehne mich gerade gar nicht nach frühzeitigen Matchbesuch. Bei Abruch oder auch Geisterspielen würde ich kein Geld verlangen wollen. Würde die Saison in irgendeiner Weise mit Zuschauern weitergeführt, muss ich sagen wäre das wohl meine Letzte gewesen. Großveranstaltungen sind nun mal die Virenschleudern. Auch der Geldgeile Fussball muss hier endlich mal Abstriche machen.

    Hingegen die Variante aus Richtung Sion finde ich auch gut. Mehr Spiele kämen den Fans auch zu gut und man hat ja gesehen, dass die Samthandschuh Methode europäisch auch nicht mehr wirklich zum Erfolg führt.