«Die ETH wird kaum je mit US-Spitzenuniversitäten mithalten können»

Für den englischen Ranking-Papst Phil Baty ist das Abschneiden in einem Hochschulranking vor allem eine Frage des Geldes.

Rankingspezialist Phil Baty: «Die Grösse allein ist nicht entscheidend.» Foto: Peter Searle

Rankingspezialist Phil Baty: «Die Grösse allein ist nicht entscheidend.» Foto: Peter Searle

Sie leiten eines der weltweit ­wichtigsten Hochschulrankings und sind so etwas wie der heimliche Herrscher aller Universitäten. Wie fühlt sich das an?
Tatsächlich hat mich vor kurzem ein ­hoher Funktionär der Peking-Universität zum Bildungsgeneralsekretär der Welt ernannt. Er wollte natürlich nur höflich sein.

Das schmeichelt Ihnen?
Klar, es ist ein Privileg, wir sind jetzt in allen Ecken der Welt präsent, und man hört uns an den besten Universitäten der Welt zu. Das ist schön. Andererseits ist damit eine riesige Verantwortung verbunden. Das bedeutet, dass wir sehr offen und transparent sein müssen, wenn es um die Methoden und Kriterien geht. Und wir müssen auch die Grenzen der Rankings offen zugeben.

Sie haben als junger Journalist begonnen, bevor Sie sich auf die Rankings gestürzt haben. Wie kam es zu dieser steilen Karriere?
Ich beschäftigte mich seit meiner Anfangszeit beim Magazin «Times Higher Education» mit der höheren Bildung und wie diese gemessen werden kann. Die Bedeutung der Rankings wurde dann immer grösser.

Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Menschen mögen Ranglisten instinktiv, das ist einfach so. Und die Vertreter des Bildungssektors lieben Daten und Statistiken noch mehr als alle anderen.

Wo stehen die Schweizer ­Hochschulen im Ranking?
Im letzten Top-Ranking im Oktober haben die Schweizer Universitäten noch einmal hervorragend abgeschnitten. Die ETH Zürich ist nahe daran, in die Top Ten vorzudringen.

Vor einem Jahr haben Sie sich in Interviews ziemlich pessimistisch über die Auswirkungen der ­Masseneinwanderungsinitiative geäussert. Hatte diese bereits ­Auswirkungen in den Rankings?
Bisher noch nicht. Im gestern veröffentlichten Reputationsranking hat die ETH noch einen Platz gewonnen. Aber die Schweiz hat ein Problem, wenn sie eine Politik der Abschottung betreibt. Eine der grossen Stärken des schweizerischen Hochschulsystems ist ihre unglaublich hohe internationale Ausrichtung. In unserem Ranking wird die internationale Ausrichtung der Universitäten zwar nur mit 7,5 Prozent gewichtet. Doch sie hat eine Auswirkung auf alle anderen forschungsrelevanten Kriterien. Internationalität treibt die Anzahl der Zitationen an, die internationale Vernetzung und damit den Einfluss, den eine Forschung hat. Wenn die Schweiz diese Offenheit gegenüber dem Ausland einschränkt, dann gefährdet dies das Ranking.

In der akademischen Welt gibt es eine wachsende Bewegung, die Rankings kritisch beurteilt. Sogar ETH-Zürich-Präsident Lino Guzzella warnte am letzten ETH-Tag vor einer Boulevardisierung des ­Forschungsbetriebs durch Rankings.
Es macht mir schon auch ein bisschen Sorge, wenn Investitionsentscheide in einer Hochschule zunehmend von der Sichtbarkeit in unserem Ranking abhängig gemacht werden. Viele grosse Wissenschaftler und Nobelpreisträger beweisen ja, dass auch das Ins-Blaue-hinaus-Denken möglich sein muss und dass man nicht alle Forscher anhand individueller Leistungsfaktoren bemessen soll. Das kann auch ihre Kreativität abwürgen. Aber das ist mehr ein Problem der Hochschulmanager und Behörden, die auf diese Rankings überreagieren.

Mit Ihren Rankings unterfüttern Sie aber diese Tendenzen.
Ein Ranking kann auch eine wichtige Informationsquelle sein. Viele Hochschulvertreter sehen darin eine positive Kraft für die Entwicklung einer Hochschule, etwa auf der Suche nach Zusammen­arbeit mit internationalen Partnern.

Kann man die verschiedenen ­Universitäten oder auch nur schon die Fakultäten derselben Universität denn so einfach vergleichen?
Natürlich gibt es nicht das alleingültige Ranking, das geben wir gern zu. Deshalb haben wir auch eine ganze Reihe von neuen Rankings geschaffen, zum Beispiel für besonders junge Universitäten. Oder das Reputationsranking, das nur das Prestige einer Universität bewertet. So haben wir verschiedene Listen geschaffen, welche die unterschied­lichen Missionen der Hochschulen berücksichtigen und immer wieder neuen Universitäten Gelegenheit geben, in ihren Rankings als Gewinner dazustehen.

Raffiniert. Was zählt denn in Ihrem Top-Ranking?
Dieses ist sehr komplex und wird aus 13 Indikatoren zusammengestellt. Es geht weit über das Zählen von Zitierungen hinaus. 2010 haben wir unser Ranking in einem partnerschaftlichen Prozess gemeinsam mit den Universitäten weiterentwickelt und eine ganze Reihe Kriterien eingeführt, welche für die Universitäten wichtig sind. So sind wir die Ersten, welche auch finanzielle Indikatoren mit einbezogen haben. Denn die schiere Möglichkeit, Geld anzuziehen, ist ein Qualitätsmerkmal für eine Hochschulinstitution.

Geld macht Rankingpositionen. Ernüchternd.
Ja, aber es ist so. Singapur und China ­haben viele Plätze gutgemacht, seit sich die entsprechenden Regierungen zu ­einer Vorwärtsstrategie bekannt haben und die Universitäten mit grosszügigen finanziellen Möglichkeiten ausstatteten.

Die ETH Zürich könnte mit der ETH Lausanne fusionieren, um im ­Ranking aufzusteigen.
Ich weiss nicht, ob das etwas bringen würde. Die Grösse allein ist nicht entscheidend. Das sehen wir am Beispiel Frankreich. Das Land hat auf enttäuschende Leistungen in den Rankings mit grossräumigen Fusionen reagiert. Gebracht hat es nicht viel. Möglich, dass Fusionen gewisse Synergien nach sich ziehen. Aber die Anstrengungen, die eine solche Zusammenführung braucht, machen die Vorteile oft zunichte. Sie verwirrt oft mehr, weil die Leute nicht mehr wissen, wer was macht. Genau das hat man in Frankreich beobachtet.

Die ETH Zürich ist seit Jahrzehnten auf einem Spitzenplatz praktisch in allen Rankings. Wird sie die Top Ten je knacken können?
Vielleicht schafft sie es einmal knapp in die Top Ten, wenn andere nachlassen. Aber die ETH wird wohl nie mit den ­multimilliardenschweren Zuwendungen der privaten, amerikanischen Universitäten konkurrieren können – gross­zügige Legate, Vermächtnisse und andere Spenden. Erst diese ermöglichen es den Hochschulen, Topwissenschaftler anzulocken und ihnen die höchsten Löhne zu zahlen und die besten Bedingungen zu bieten.

Sind Sie von Hochschulmanagern schon bestochen worden?
Das nicht, aber manchmal werde ich doch sehr höflich empfangen und mit Gastfreundschaft überhäuft. Dann muss ich erklären, dass wir diese Art von ­Zuwendungen klar reglementiert haben. So sind uns unnötige Reisen nicht erlaubt, wir müssen unsere privaten Ausgaben selbst bezahlen, und wir dürfen keine Geschenke annehmen.

Gibt es andere, moralisch ­akzeptierte Möglichkeiten, um im Ranking aufzusteigen, zum Beispiel, indem sich eine Universität dem Ranking anpasst?
Das ist sicher bis zu einem gewissen Grad möglich. In Deutschland gab es ein öffentlich finanziertes Forschungsprojekt, um die in die Rankings einfliessenden Daten besser zu verstehen, auch mit dem Ziel, die besseren und geeigneten Daten zu liefern. Das ist möglicherweise ein Grund dafür, dass sich in den letzten Jahren alle Universitäten in Deutschland signifikant verbessert haben. Das ist ­natürlich eine Herausforderung für uns, denn wir müssen sicherstellen, dass alle Universitäten die Daten auch vergleichbar definieren.

Kontrollieren Sie die Daten, die Sie von den Universitäten erhalten?
Bei der Anzahl Professoren oder Studenten etwa benutzen wir öffentlich zugängliche Daten. Das ist aber nicht in ­allen Ländern möglich, dann spielt auch ein gewisses Mass an Vertrauen mit. In den meisten Fällen sind die Rohdaten aber für alle zuständigen Stellen einsehbar. Hier spielen auch Checks und ­Gegenkontrollen, ja sogar eine Art Peer Review. Es ist aber in der Tat ein andauerndes Wettrennen zwischen uns und den Universitäten, und diese tun alles ­dafür, ihre Daten so vorteilhaft wie möglich zu präsentieren.

Und wer hat die Nase vorn bei ­diesem Wettrennen?
In unserem Ranking sind die Indikatoren so ausgeklügelt und differenziert, dass eine Neudefinition zum Beispiel der Stellenprozente nicht so viel ausmacht. Bei anderen Rankings sieht das möglicherweise anders aus. Wir haben ein System von Alarmlampen, die aufleuchten, wenn wir plötzlich auffällige Daten erhalten oder diese von einem Jahr auf das andere dramatisch ändern. Aber es stimmt schon, Rankings sind ein hartes Geschäft, in dem es viele Ansprüche und eine komplizierte Datenlage gibt.

Die ETH sind weltweit bekannt, die Unis fallen durch

Zwei Schweizer Hochschulen haben es auf das Prestigeranking der Hochschulen geschafft, welche das englische Magazin «Times Higher Education» (THE) gestern veröffentlicht hat. Die ETH Zürich belegt den 15. Platz, die ETH Lausanne steht auf Rang 49. Beide haben gegenüber dem Vorjahr einen Rang gutgemacht. Keine der übrigen Schweizer Universitäten hat es auf die Liste der 100 renommiertesten Hochschulen geschafft.

Das Reputationsranking beruht allein auf der Einschätzung von Topwissenschaftlern. «Es basiert auf rein subjektiver Beurteilung», erklärt THE-Heraus­geber Phil Baty. «Aber das Urteil stammt von denjenigen Experten, welche in ihrem Fachgebiet am besten über exzellente Lehre und Forschung Bescheid wissen.» An der Spitze der berühmtesten Hochschulen steht die amerikanische Harvard-Universität, gefolgt von den britischen Universitäten Oxford und Cambridge. Die ETH Zürich ist die erste kontinentaleuropäische Hochschule, als nächstbeste folgt die deutsche Ludwig-Maximilian-Universität in München auf Platz 35. Deutschland gehört zusammen mit den Niederlanden zu den Gewinnern, ebenso wie Frankreich und die skandinavischen Länder. Im gesamten Ranking sind 21 Nationen vertreten.

Für das Reputationsranking wurden über 10 000 Topwissenschaftler aus allen Fachgebieten ausgewählt und mit der Frage konfrontiert, welche 10 Universitäten in ihrem Gebiet Spitzenklasse sind. 20 Prozent der Antworten stammen von Forschern aus dem Ingenieurwesen und der Technologie, 19 Prozent aus den Sozialwissenschaften, 17 Prozent aus Physik und Mathematik, 16 Prozent aus den Geisteswissenschaften, 15 Prozent aus den Biowissenschaften und 13 Prozent aus den klinischen Wissenschaften.

Das Reputationsranking wird zum fünften Mal veröffentlicht. Es soll eine Ergänzung zum umfassenderen THE-Universitätsranking sein, das jeweils im Herbst veröffentlicht wird und auf objektiveren bibliografischen und strukturellen Daten beruht.
Matthias Meili

www.thewur.com

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