Geschichte als Open-Air-Theater

Thun

Seit 150 Jahren ist er tot, doch ein Schauspieler lässt Alfred de Rougemont, Erbauer des Schlosses Schadau, an der theatralischen Führung durch den Park ­wieder aufleben.

Die Laienschauspieler Ursi und Urs Gretener auf der Terrasse von Schloss Schadau.

Die Laienschauspieler Ursi und Urs Gretener auf der Terrasse von Schloss Schadau.

(Bild: Patric Spahni)

Schloss Schadau, 1917: Nicht einmal für eine Giesskanne reicht das Geld des Schlossbesitzers. Mit einem Blechkessel muss Gärtner Gustav Gilliéron die Pflanzen im Schaupark giessen, und dann fordert auch noch das Dienstmädchen Bohnen und Kartoffeln für die Küche. Da kommen dem gestressten Gärtner die 40 Gäste der Schlossführung recht.

Er führt sie zu seinem Lieblingsplatz im Schadaupark, dem Mammutbaum hinter der Scherzligkirche. Kurz umarmt er den Baum. Im nächsten Moment springt er auf, das Gemüse ruft, er muss los. Nicht so die Besucherinnen und Besucher der Führung; sie verweilen unter dem Schattenspender.

Dort erzählt ihnen Kunstvermittlerin Sara Smidt Episoden aus der Geschichte des Schlosses und des Parks. Etwa von jenem Mammutbaum. Aus einem Samen aus Kalifornien sei er gewachsen, importiert von Alfred de Rougemont, dem Erbauer des Schlosses.

Sympathischer Schlossherr

Auch de Rougemont taucht in einer Theaterepisode während der Führung auf. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Sophie verkündet er, dass alle Menschen jeden Sonntag den Schlosspark besuchen dürfen. Trotz seines französischen Akzents wirkt er nicht versnobt, möchte er doch am liebsten die Gäste durch die 70 Räume des Schlosses führen.

Sara Smidt bestätigt diesen Eindruck: «Die Charaktere aller Figuren, die während des Rundgangs auftauchen, haben wir auf Grundlage von historischen Quellen erschaffen. Fakten überwiegen Fiktion in den Theaterepisoden.» Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Gisella Bächli hat sich Smidt die Dramaturgie der theatralischen Führung ausgedacht.

Bächli glaubt, dass die Auftritte der historischen Figuren die Führung spannender machen. Auch Leute, die den Schadaupark bereits gut kennen, könnten durch die spezielle Führung den Orte neu entdecken, meint Smidt.

Dass die Führung überhaupt stattfinden kann, ist Stadtbaumeister Karl Keller zu verdanken. Nachdem die Stadt Thun das Schloss 1925 gekauft und während des Kriegs als Notunterkunft genutzt hatte, forderte in den 1950er-Jahren der Heimatschutz den Abriss des Gebäudes.

Als «Schandfleck in der bernischen Landschaft» oder «architektonische Missgeburt» beschimpft die fiktive Frau Hugentobler im Dialog mit Keller das Schloss. Dieser lässt sich dadurch nicht beirren und erreicht, dass die Stadt einen Kredit zur Renovation bewilligt.

Ein Happy End der Führung, das Publikum wie Veranstalterin freut: «Besonders stolz bin ich auf die Leistung der Laienschauspieler Ursi und Urs Gretener, die in sechs verschiedene Rollen geschlüpft sind», sagt Smidt. Bleibe das Interesse so gross wie bei der Premiere, schliesst sie Zusatzführungen zu den zwei im Juni und August geplanten nicht aus.

Theatralische Führungendurch den Schadaupark: 18. Juni, 27. August. www.kunstmuseumthun.ch

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