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Stiller-Has-Platz sei eingeweiht!

Laut und heftig wurde die Einweihung des Amman-Hofer-Platzes in Interlaken gefeiert. Heimlich und leise jene des Stiller-Has-Platzes in irgendwo.

Sehr geehrte Damen und Herren Herzlich willkommen zu meiner Einweihung, ich bin der Stiller-Has-Platz. Gleich zu Beginn meiner Ansprache möchte ich mich bei Ihnen für die Umstände entschuldigen, wie Sie an diesen Ort gebracht wurden. Zu Ihrer eigenen Sicherheit mussten Sie in licht- und schalldichten Lieferwagen hierhertransportiert werden. Weil: Offiziell gibt es mich ja gar nicht, darf es mich nicht geben. Umso mehr wird dafür die Einweihung des Amman-Hofer-Platzes propagiert. Entschuldigen Sie die Unzeit meiner Ansprache, aber es war nicht anders möglich, als diese kleine Feier unter der Woche und nach Mitternacht zu programmieren. Aber die Sache soll möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen. Mehr darf ich dazu nicht sagen. Auch nicht, wo wir uns befinden. Doch bitte, bedienen Sie sich, im Plastiksack zu Ihren Füssen, die Denner-Biere wurden für Sie bereitgestellt, auch die Rübchen im Korb daneben. Der stille Has ist ein stolzes, verwundetes Tier, welches gegen all die Widrigkeiten des Lebens anhoppelt und anhoppelt, als gäbe es kein Morgen. Der stille Has schont sich nicht und schenkt sich nichts. Er ist die Leidenschaft. Er geht im Leben wie in der Kunst auf, dass es oft zum Fürchten ist. Der stille Has sitzt auf einem Baum und sagt: «Ich bin ein anderer.» Und springt und landet hart. «Aber ich bin auch kein Vogel», sagt er und schliesst die Augen, während ihm das Blut aus dem Mund läuft. Aber was den Hasen nicht umbringt, macht in stärker. Er ist die Sehnsucht. Wenn der stille Has auf der Waldlichtung einen Auftritt hat, dann weichen die Bären und Füchse, die Hirsche und Rehe, die Eichhörnchen und Mäuse, die Ameisen und Käfer demütig zur Seite, um den Geschichten zu lauschen, von denen der stille Has viele zu erzählen hat. Und er erzählt sie so, dass die Rübchen langsam aus der Erde auftauchen. (Wie haben sie den Weg in den Wald gefunden?) Und die Bäume bücken sich zur Erde hin, um ja nichts zu verpassen von der grossen Poesie um Liebe, Tod, Nicht-Skifahren, Leidenschaft und Nebel im Gäbelbach. Der stille Has ist die Trauer, die Melancholie. Diesen besonderen, unberechenbaren, liebenswürdigen und liebenden Hasen gilt es mit dem Platz, der ich selbst bin, zu ehren. Also, lasst uns die Denner-Biere und Rübchen in die Höhe heben und alle zusammen auf drei flüstern: «Hoppel, hoppel, hoppsassa!» Der Stille-Has-Platz sei eröffnet! Herzlichen Dank für Ihre Anwesenheit und Ihre Aufmerksamkeit. Ich bitte Sie nun möglichst leise wieder in die Lieferwagen zu steigen und die für Sie vorgesehenen Mützen über die Ohren zu ziehen. Die Fahrer werden Sie an den Ort, wo Sie zugestiegen sind, zurückbringen. Am besten erzählen Sie niemandem von Ihrem Ausflug, nicht zuletzt, um sich selbst nicht zu gefährden. Gut Hoppel! Jürg Halter (29), Dichter aus Bern. Auch bekannt als Musiker Kutti MC, von dem das neue Album «Sunne» erschienen ist: www.myspace.com/kuttimc. >

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