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Köniz und Thun: Vorbilder für Interlaken?

interlakenFussängerstreifen oder nicht? Die Diskussion wogt hin und her. Den Befürwortern der Fussgängerstreifen geht die Munition aus – unter anderem wegen funktionierenden Modellen in Thun und Köniz. Dennoch zeichnet sich ein Teilerfolg ab.

«Das System ohne Fussgängerstreifen ist ein wirklicher Erfolg auf der ganzen Linie: Der Verkehr fliesst besser, es wird aufeinander Rücksicht genommen, es wird vermehrt Blickkontakt gesucht, auch die Fussgänger sind zufrieden.» Katrin Sedlmayer, die sich hier so überschwänglich lobend zur Tempo-30-Zone ohne Fussgängerstreifen äussert, ist Gemeinderätin für Planung und Verkehr in Köniz. Den von ihr beschriebenen Systemwechsel von Tempo 50 mit Fussgängerstreifen auf Tempo 30 ohne die Streifen hat Köniz im Jahr 2005 auf der Schwarzenburgstrasse, der Hauptverkehrsachse durchs Ortszentrum, vorgenommen (siehe Kasten). Diskussion geht weiter Dass man hingegen in Interlaken noch längst nicht von den vermeintlichen Vorzügen fehlender Zebrastreifen überzeugt ist, zeigte sich erst kürzlich in der letzten Sitzung des Grossen Gemeinderats (GGR). Anlass zur wiederum sehr engagiert geführten Diskussion über die Rückkehr der Fussgängerstreifen im Zentrum von Interlaken bot die Motion des SVP-Politikers Jürg Zumkehr. Dessen Vorschlag, aus der Tempo-30-Zone eine Strecke 30 zu machen, damit die Fussgängerstreifen, die das Gesetz in 30er-Zonen grundsätzlich nicht zulässt, erhalten werden können, stiess auf Ablehnung. Gemeindepräsident Urs Graf nennt auch den Grund: «Gemäss Auskunft bei der zuständigen Stelle ist die Bewilligungswahrscheinlichkeit einer Strecke 30 innerhalb der Zone 30 verschwindend klein.» Der Kanton wolle nach Ansicht Grafs eine einheitliche Regelung in allen Gemeinden und keine A-la-carte-Lösungen, die die Autofahrer verwirren könnten. Der GGR folgte schliesslich dem Antrag des Gemeinderats und erklärte die Motion Zumkehr für nicht erheblich. Ein ähnliches Schicksal hatte ein paar Tage zuvor die Aufsichtsbeschwerde der beiden GGR-Mitglieder Bernhard Staehelin (SVP) und Beni Weinekötter (Grüne Liste). Die beiden Politiker hatten im vergangenen August eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Gemeinde eingereicht, nachdem die Motion, die Weinekötter zum Erhalt der Fussgängerstreifen in Interlaken angeregt hatte und die durch den GGR für erheblich erklärt worden war, von der Gemeinde ignoriert worden war. So sehen es die beiden Politiker, denn nach dem Beschluss des GGR hatte die Gemeinde die Zebrastreifen wie den beim Postkreisel, beim Westbahnhof oder an der Rugenparkstrasse beim Migros-Kreisel entfernt. Nun wies der Regierungsstatthalter die Beschwerde der beiden Parlamentarier zurück. Doch Weinekötter und Staehelin wollen sich auch weiterhin für die Fussgängerstreifen einsetzen. «Die Diskussion im GGR hat klar zum Ausdruck gebracht, dass man mit der jetzigen Situation nicht zufrieden ist», meint Bernhard Staehelin. Der Gemeindepräsident indes hält die Reduzierung des Tempos, wie es das Verkehrskonzept Crossbow für Interlaken vorsieht, für «das Beste, was man für die Fussgänger machen kann». Unterstützung bekommt Graf von seinem Polizeiinspektor Hans Peter Bühlmann: «Wir haben Ende Juni 2011 die letzten Fussgängerstreifen entfernt. Uns sind seither keine Unfälle oder gefährlichen Situationen bekannt.» Als Querungshilfe für Fussgänger wird am Höheweg und später auch an der Bahnhofstrasse beim Westbahnhof ein 1,50 Meter breiter Mittelstreifen eingerichtet, wie es ihn bei der Migros bereits gibt – oder auf der Schwarzenburgstrasse in Köniz. Auch auf Schulwegen Die Vorgabe des Bundes, der Fussgängerstreifen nur ausnahmsweise zulässt, «wenn besondere Vortrittsbedürfnisse für Fussgänger dies erfordern, namentlich bei Schulen und Heimen», ist zwar recht eindeutig. Dennoch halten Staehelin und Weinekötter dem Kanton Bern die etwas freizügigere Bewilligungspraxis für Ausnahmen anderer Kantone vor. Dass dies möglich ist, ist auch die Meinung der Beratungsstelle für Unfallverhütung, die in einer Fachveröffentlichung schreibt, dass die Beibehaltung der Fussgängerstreifen in Tempo-30-Zonen auch «auf stark frequentierten Schulwegen» gelte. Bei einer Tagung des Fachverbands für Fussgänger «Fussverkehr Schweiz» im vergangenen Jahr kam man ebenfalls zu dem Schluss, dass die Entfernung der Fussgängerstreifen in Tempo-30-Zonen «keinesfalls eine Lösung» darstelle. Vielmehr müssten laut Verbandsmitteilung die Querungsbedürfnisse der Fussgänger erfasst und geeignete Lösungen geplant werden. Graf schaltet sich ein Wasser auf die Mühlen der Interlakner Zebrastreifen-Befürworter, die darüber hinaus auch aus der Ablehnung der Motion Zumkehr Hoffnung schöpfen. Denn Gemeindepräsident Urs Graf versprach im Verlauf der Debatte in der letzten GGR-Sitzung, sich beim Kanton für die Fussgängerstreifen einzusetzen. Dies zwar nicht im geforderten Umfang von mindestens elf Ausnahmen an Bahnhofplatz, Bahnhofstrasse und Höheweg, aber «zwei bis drei Ausnahmen liegen wohl drin», wie Graf erklärte. Bernhard Staehelin, der es begrüsst, dass der Gemeindepräsident sich in die Diskussion einschalte, hält diese «paar Streifen an den neuralgischen Punkten» für eine «Minimallösung». Graf jedoch glaubt, dass der Kanton nicht zu viele Ausnahmen zulasse, allein schon um das System nicht auszuhöhlen. Egger-Jenzer will prüfen Und so löste der Gemeindepräsident bereits in der vergangenen Woche sein Versprechen ein und sprach bei Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer vor, als diese anlässlich der Einweihung von drei Hybridbussen in Interlaken zu Besuch war. Die Direktorin der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion zeigte sich überraschend aufgeschlossen für die Nöte der Gemeinde. Zwar stellte die SP-Politikerin fest, dass es den umgekehrten Trend weg von den Fussgängerstreifen gebe, und nannte Fakten dazu: «Wir stellen fest, dass es massiv weniger Unfälle bei Reduzierung des Tempos und gleichzeitiger Entfernung der Fussgängerstreifen gibt.» Barbara Egger-Jenzer signalisierte aber zugleich Verhandlungsbereitschaft: «Wir haben Gesetze und Regelungen, aber ich will nicht stur daran festhalten. Wenn bei einer Mehrheit in der Bevölkerung der Wunsch nach Fussgängerstreifen besteht, dann wollen wir auch prüfen, wo Ausnahmen möglich sind. Schliesslich wollen wir ja, dass die Leute zufrieden sind.» Claudius Jezella>

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