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Bekenntnis ein er Konzertharfe

Sie ist riesig, nobel, unbezahlbar – und zählt zu den ältesten Instrumenten: Diesen Sommer trumpft die Harfe gross auf – in Murten, am Menuhin Festival und an der Internationalen Harfenakademie in Münchenbuchsee. Grund genug, das göttliche Instrument selber zu Wort kommen zu lassen.

«Es stimmt schon: Mit dem Alter wird man gelassener. Und eigentlich habe ich wenig Grund, mich zu beschweren. Die meisten begegnen mir mit grossem Respekt. Über kaum ein Instrument gibt es, wie ich höre, so wenig Witze wie über die Harfe – das will was heissen. Und wenn ich mich in Geschichtsbüchern umsehe, dann glühe ich vor Stolz über meine Vorfahren: Schon die alten Ägypterinnen vor 4000 Jahren sollen uns ja nach Kräften gezupft haben. Orpheus, der grosse Sänger aus der griechischen Antike, wurde selten ohne Harfe gesehen, und Tristan, der begnadete Improvisator aus dem mittelalterlichen England, hat damit längst nicht nur seine geliebte Isolde bezirzt. Auch in der Bibel könnten wir nicht prominenter vertreten sein. König David etwa will mit uns die bösen Geister vertrieben haben, die König Saul traktierten. Aber auch bei Tempeldiensten und Prophezeiungen waren wir meist zugegen. Kein Wunder: Schon immer hat man unseren Klang ja als Zeugnis übersinnlicher Kräfte gedeutet und verehrt. Im Mittelalter liessen sich die Ritter zu Harfenklängen bestatten, um stracks in den Himmel zu kommen. Und noch im 19. Jahrhundert war man der Überzeugung, mit unseren rauschenden Akkorden lasse sich das Böse vertreiben. Letzteres kann ich persönlich bestätigen. Schliesslich war ich damals schon auf der Welt – ich, die Konzertharfe, geboren 181o zu Paris, in der Werkstatt meiner verehrten Väter Sébastien und Pierre Érard. Nein, ich will mich wirklich nicht beschweren. Mit mir ist die Kunst des Harfenbaus ja zur Vollendung gelangt – das darf ich in aller Bescheidenheit sagen. Leider muss ich mich immer wieder wundern, wie wenig man über mich weiss. Ja, ich muss sogar sagen, dass die meisten überhaupt keine Ahnung haben, was in mir steckt. Haben Sie gewusst, dass ich so hoch bin wie ein stattlicher Mann und dass ich bis zu 40 Kilogramm wiege? Eben. Und das ist längst nicht alles. Ich bin ein aufrechter Konzertflügel sozusagen, ein Wunderwerk der Mechanik mit 47 Saiten und sieben Pedalen! Jedes Pedal ist mit einem Drehmechanismus verbunden, der die Stimmungen der Saiten verändert. So habe ich über sechseinhalb Oktaven hinweg alle Tonarten anzubieten – wenn Sie wissen, was ich meine. Nun gut. Schlimmer als die Unkenntnis über mein mechanisches Innenleben sind die Vorurteile, die offenbar genüsslich gepflegt werden. Wenn da im hundertsten Hollywood-Film eine Traumsequenz harfenmetaphorisch untermalt wird, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. Und wer meint, ist sei dazu geboren, von engelsgleichen Damen im Abendkleid zart gezupft zu werden, der befindet sich auf dem Holzweg. Überhaupt: Die Harfe als Fraueninstrument? Was für ein Unsinn. Alle grossen Harfenisten waren Männer, gerade im 19. Jahrhundert. Und auch heute können sie sich sehen lassen. Nehmen Sie Xavier de Maistre, den Soloharfenisten der Wiener Philharmoniker: Was für ein Mann! Gross, muskulös, wie vom Laufsteg gepflückt. Und was für ein Musiker! «Eine Harfe muss klingen wie ein Orchester. Die wenigsten wissen, dass man auf einer Harfe grosse, kräftige Töne erzeugen kann, neben den sehr feinen und transparenten», hat er mal gesagt – und er beweist es immer wieder. Niemand spielt so feine Pianissimi. Und niemand spielt so draufgängerisch-virtuos. Schade nur, dass er sein Album «Hommage à Haydn» (2009) nicht mit mir aufgenommen hat. Apropos Haydn. Der umtriebige Österreicher gehört zu den wenigen Komponisten, die ein brauchbares Harfen-Werk hinterlassen haben. Sie fragen, ob ich mich beschweren will? Ja, das tue ich – und zwar in aller Entschiedenheit, obwohl ich weiss, dass ich mein Schicksal mit anderen teile. Denken Sie nur an das Fagott, dieses hochpoetische Instrument, das in der Melancholie zu Hause ist: Die meisten Originalkompositionen stammen von zweitklassigen Komponisten, deren Namen ich hier gar nicht nennen will. Kein Wunder, dass Fagottisten und Harfenisten ständig fremde Solokonzerte stehlen! Ein Harfen-Konzert von Mozart, von Beethoven, Brahms, Schumann oder Schubert? Vergessen Sies, die haben mich praktisch ignoriert. Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts habe ich meinen Platz bekommen – hinten im Orchester, ohne Möglichkeit, mich so richtig entfalten zu können. Natürlich, dann kamen Debussy, Ravel und all die Impressionisten. Sie paarten Helligkeit mit Eleganz und fliessendem Schwung. Schön. Aber diesen Impressionisten-Gestus hat man ja auch mal satt. Und solistisch konnte ich mich da auch nicht gross ins Szene setzen. Erst bei den Verfechtern der neuen Musik im 20.Jahrhundert gibt es Lichtblicke. Ich denke da vor allem an Luciano Berio, diesen italienischen Avantgardisten. Seine Soloetüde «Sequenza II» für Harfe (1963) finde ich grossartig. Der hat mich verstanden. Ansonsten: Tristesse, so weit das Ohr reicht. Sie fragen, ob die Harfe womöglich gar nicht für die Kunstmusik geschaffen ist und schon immer in der Popkultur zu Hause war? Wo kämen wir denn da hin? Diese Frage verbitte ich mir! Ich, die Konzertharfe, das göttliche Instrument.» Aufgezeichnet: Oliver Meier>

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