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Der grösste Missbrauchsfall, den es im Kanton Bern je gab

Der FallWährend 29 Jahren hat ein Sozialtherapeut aus dem Kanton Bern von ihm betreute Behinderte missbraucht – vor allem Kinder. 114 Übergriffe hat H.S. * gestanden. Die Behörden sprechen vom grössten Missbrauchsfall, den es im Kanton Bern je gab.

Auf Videofilmen oder Fotos hat H.S.* festgehalten, wie er bei seiner Arbeit in verschiedenen Behindertenheimen die ihm anvertrauten Bewohner missbraucht. Das tat H.S. häufig während seines Nachtdiensts. «Diese Aufnahmen anzusehen und auszuwerten, war auch für die Ermittlerinnen und Ermittler belastend», sagte gestern Gabriele Berger, Leiterin der Sonderkommission (Soko). Die Soko der Kantonspolizei Bern nahm bereits im Juli 2010 ihre Arbeit auf. Sie gab gestern in Bern vor den Medien gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft ihre bisherigen Erkenntnisse bekannt. «Wir haben es hier mit dem grössten Missbrauchsfall zu tun, den es im Kanton Bern je gab», sagte Staatsanwalt Christof Scheurer. 114 Fälle gestanden H.S., 54-jähriger Sozialtherapeut aus dem Kanton Bern, hat gestanden, in den vergangenen 29 Jahren in neun Heimen in der Schweiz und Süddeutschland 114 Pflegebefohlene und Kinder sexuell missbraucht zu haben. Die meisten Opfer sind geistig und körperlich behindert. Die sexuellen Übergriffe fanden mehrheitlich in den Heimen statt, aber auch zu Hause und in Hallenbädern, wie die Berner Strafverfolgungsbehörden erläuterten. Während der Nachtwache oder bei der Intimpflege betastete der Mann seine Opfer an den Geschlechtsteilen. Es kam auch zu oralem Verkehr und analem Missbrauch. Nicht selten wurden eines oder mehrere Opfer mehrmals am gleichen Tag misshandelt. «Der Mann ging gezielt vor, damit die Übergriffe nicht bemerkt wurden», sagte die Soko-Leiterin. So wartete H.S. ab, bis er allein mit den Opfern war, und kaschierte die Missbräuche, indem er den Opfern Ersatzwäsche anzog. Auch suchte er sich in vielen Fällen Opfer, die aufgrund der Behinderungen nicht oder nur schlecht sprechen können. 18 Übergriffe wurden von H.S. auf Film oder Fotos festgehalten. «Auf den Filmen ist zu sehen, dass die behinderten Kinder Ablehnung und Schmerzen zeigen und versuchen, ihn wegzudrücken.» Gemäss aktuellem Stand der Ermittlungen sind die Filme und Bilder nicht in Umlauf gebracht worden. Jüngstes Opfer ein Jahr alt Die meisten Opfer sind junge, zum Teil schwerstbehinderte Männer, aber auch Frauen und Kinder. Die Kinder gehörten zum Teil zu Familien von Heimangestellten. Das jüngste Opfer ist ein Kind, das zur Tatzeit einjährig war. H.S. forderte zum Teil auch Opfer auf, gegenseitig sexuelle Handlungen aneinander vorzunehmen. Festgenommen und in Haft H.S. bezeichnet sich selbst als pädophil. Das Verfahren gegen ihn wurde Ende März 2010 im Kanton Aargau eingeleitet. Zwei männliche Bewohner eines Behindertenheims hatten den Eltern erzählt, dass sie mit einem Betreuer sexuelle Kontakte hatten. Nach ersten Ermittlungen erhärtete sich der Verdacht. Anfang April nahm die Kantonspolizei Bern H.S. an seinem Wohnort im Berner Oberland fest. Er befindet sich seither in Haft. Die Polizei hat bisher 122 Opfer identifiziert. Die Differenz zur Zahl von 114 Geständnissen erklärt sich durch 8 versuchte Missbräuche, welche H.S. vorgeworfen werden. Die Behörden gehen davon aus, dass die meisten Opfer identifiziert sind. Ermittelt wird wegen sexueller Handlungen mit Kindern, Abhängigen und Anstaltspfleglingen sowie wegen Schändung. Der grösste Teil der Fälle dürfte verjährt sein, doch gehen die Behörden davon aus, dass 33 Fälle strafrechtlich verfolgt werden können. Die Ermittlungen dauern laut den Berner Behörden noch monatelang. Dutzende von Personen arbeiten am Fall. Untersucht wird auch, ob sich im Zusammenhang mit den Missbräuchen von H.S. Personen in den betroffenen Heimen strafbar gemacht haben. Besonders schwierig ist die Situation für die Nathalie-Stiftung in Gümligen. Diese musste bereits im Jahr 2003 einen besonders schweren Missbrauchsfall publik machen. Damals arbeitete auch H.S. in Gümligen, und auch gegen ihn wurde ermittelt (siehe Text unten links). Nun werde auch dieser Fall erneut untersucht. Die betroffenen Heime wurden im Januar kontaktiert. Seit gestern werden die Opfer respektive ihre gesetzlichen Vertreter informiert. «Ich bin froh, dass es endlich bekannt geworden ist. Es belastet mich schon mein ganzes Leben lang. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen»: Das sagte H.S. bei seiner Verhaftung. Mirjam Messerli/sda*Name der Redaktion bekannt>

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