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«Havel auf die Burg»: Wie ein Häftling zum Volkshelden und Präsidenten wurde

Er war erst Symbolfigur für den Widerstand gegen die Kommunisten und dann für die demokratische Wende in der Tschechoslowakei. Dichterpräsident Václav Havel ist gestern im Alter von 75 Jahren gestorben.

Václav Havel ist tot. Er starb am frühen Sonntagmorgen nach langer Krankheit. Havels Weggefährten und Politiker in aller Welt reagierten bestürzt auf seinen Tod und würdigten ihn als grossen Europäer und Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte. Havel hatte seit vielen Jahren mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und war zuletzt nur noch selten öffentlich aufgetreten. Er sei am Sonntag im Morgengrauen friedlich im Schlaf gestorben, sagte seine Sprecherin Sabina Tancevova. Seine zweite Frau Dagmar Veškrnová sowie eine der Nonnen, die sich um den Ex-Präsidenten gekümmert hatten, seien bei ihm gewesen. Als eine der Ursachen für seine Gesundheitsprobleme galt eine während seiner Zeit im Gefängnis schlecht ausgeheilte Lungenentzündung. Mitte der 90er-Jahre erkrankte er an Lungenkrebs, 1996 wurden ihm ein Tumor und Teile des rechten Lungenflügels entfernt, seither kämpfte er mit schweren Atemproblemen. Zwei Jahre nach der Operation überlebte Havel einen Herzinfarkt. Samtene Revolution Nach einem Spitalaufenthalt im März hatte Havel die letzten Monate überwiegend in seinem Landhaus 150 Kilometer von Prag entfernt verbracht. Sein Haus in Ostböhmen diente Havel schon im Kommunismus als Rückzugsort. Eine der Sternstunden in Havels Lebens war die Samtene Revolution vom November 1989, auf deren friedlichen Verlauf er massgeblichen Einfluss hatte. Sie setzte nach mehr als vier Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei ein unblutiges Ende. Der Schriftsteller wurde zum Volkshelden und praktisch über Nacht zum Präsidenten seines Landes: Noch im Dezember 1989 wurde er mit überwältigender Mehrheit gewählt. Für die meisten seiner Landsleute verkörperte Havel unangefochtene moralische Autorität. Nach der Teilung des Landes in Tschechien und die Slowakei wurde Havel 1993 Staatschef von Tschechien und blieb bis 2003 im Amt. Der tschechische Staatschef Václav Klaus würdigte Havel als «Symbol des modernen tschechischen Staates» und lobte ihn für seinen «mutigen Kampf gegen das kommunistische Regime». Durch Havel sei Tschechien zu einem «Teil der Gemeinschaft freier und demokratischer Länder» geworden, sagte er in einer Fernsehansprache. Klaus war Havel 2003 als Staatschef nachgefolgt. Auch Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger würdigte die moralische Autorität Havels. Er sei darin ein Vorbild gewesen – «auch weil er bereit war, für seine Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen». Moral und Globalisierung, Kultur und Politik – beides sei für Havel nicht zu trennen gewesen, sagte Leuenberger gestern auf Anfrage. Begnadeter Dramatiker Havels grosse Leidenschaft war das Theater. Wegen seiner Herkunft verwehrten die Kommunisten dem am 5.Oktober 1936 geborenen Sohn einer reichen Prager Bürgerfamilie allerdings eine Ausbildung. Als Arbeiter und Beleuchter fing er auf den Prager Bühnen an, bevor er für das Theater Na Zabradli Stücke schreiben durfte. In seinen Theaterstücken und Essays prangerte er die Verhältnisse im «real existierenden Sozialismus» teilweise scharf an. Während des Prager Frühlings 1968 war Havel Vorsitzender im Club unabhängiger Schriftsteller. Im August marschierten die Truppen des Warschauer Pakts in Prag ein und schlugen die Demokratiebewegung nieder. Havel erhielt ein Aufführungs- und Veröffentlichungsverbot und wurde zum Hilfsarbeiter degradiert. Er weigerte sich, auszuwandern, setzte im Untergrund die politische Arbeit fort und musste ins Gefängnis. Elf Jahre später gehörte er zu den Wortführern der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Zu seinen berühmtesten Werken zählen die «Briefe an Olga» – Briefe aus dem Gefängnis an seine 1996 an Krebs verstorbene erste Frau.sda/afp/asr>

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