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Hommage an ein Enfant terrible

Von demolierten Geigen und bezirzten Klarinetten: Ein Minifestival in der Dampfzentrale widmet sich dem Berner Komponisten und Musiker Jürg Wyttenbach. Roman Brotbeck, Musikwissenschaftler und Publizist, stellt den Pionier des «Instrumentalen Theaters» vor.

75-jährig wird er am 2.Dezember, Jürg Wyttenbach, einer der massgebenden Berner Musiker unserer Zeit und – obwohl seit Jahrzehnten in Basel wohnhaft – bis heute YB-Fan. Zusammen mit der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern (IGNM) und der Dampfzentrale hat er für das kommende Wochenende ein Programm zusammengestellt (siehe Kasten), das zugleich seine Breite und seine extreme Konzentration zeigt. Jürg Wyttenbach ist Pianist, Dirigent, Pädagoge, Komponist, Zeitgenosse, Enfant terrible, und das seit allen Anfängen. Er zählt zu den wichtigsten Pianisten der Schweizer Musikgeschichte, auch wenn er nicht kistenweise Standardrepertoire einspielte, sondern sich auf weniges beschränkte – vor allem auf zeitgenössische Musik und immer wieder Beethoven. Pubertäre Gags? Seine Interpretationen der späten Klaviersonaten von Beethoven sind selbst schon Musikgeschichte geworden, weil vor ihm keiner diese Werke mit solch radikal neuem Ansatz angegangen ist und sie behandelte, als seien sie nach 1945 komponiert worden. Zwar hat Wyttenbach als Interpret auch Aufsehen erregt, zum Beispiel , als er bei John Cages Klavierkonzert einen Flügel ausnahm, aber die eigentliche Domäne des Schocks war und ist das Komponieren. Da wird in der «Exécution ajournée» (aufgeschobene Hinrichtung) für Streichquartett unter anderem eine Geige zertreten und das Streichquartett demoliert, in «Lamentoroso» werden sechs Klarinettisten mit ihren phallischen Instrumenten von einer Sopranistin verführt. Pubertär seien seine Positionen und Gags – das fällt bis heute als Vorwurf. Dabei ist das Verweigern des Akkuraten, das gezielte Danebensetzen und auch das plötzliche Unterbrechen des Spassens gleichsam sein Prinzip. Das unterscheidet ihn auch von seinen Kollegen des sogenannten «Instrumentalen Theaters», zu dessen Pionieren Wyttenbach zusammen mit Mauricio Kagel und Georges Aperghis zählt. Im «Instrumentalen Theater» werden musikalische Spielvorgänge ins Theatralische gesteigert. Eine Violine kann dann eine vergewaltigte Frau, ein Geigenbogen ein Degen, ein Posaunendämpfer ein Scheinwerfer sein. Während bei Kagel das «Instrumentale Theater» meist eine mehrfache Hintersinnung ist und Aperghis virtuos mit Sprachen spielt, geht Wyttenbach immer direkt ans Werk; das intellektuell Abgehobene ist nicht seine Sache, Mani Matters «Wilhem Tell» in Nottiswil liegen ihm da deutlich näher. Im Kosmos von Rabelais Die Literatur ist ihm – wie fast allen Schweizer Komponisten – eine wichtige Inspirationsquelle. Allerdings konzentriert er sich fast obsessiv auf einen einzigen Autor, den er nicht nur vertont, sondern oft auch ins Deutsche und Schweizerdeutsche übersetzt: François Rabelais (ca. 1494–1553) und seine beiden Riesen, Vater und Sohn Gargantua und Pantagruel. Die beiden analfixierten Gourmands, die auch noch in «Asterix und Obelix» weiterleben und mit ihren grotesken und derben Obszönitäten alle mittelalterlichen Rittertugenden aufs Deftigste veräppeln, haben es Wyttenbach angetan und ihn zu unterschiedlichsten Kompositionen angeregt. In Bern wird ein Grossteil dieses Rabelais-Kosmos aufgeführt – eine einmalige Chance, um das abseitige Werk von Wyttenbach zu erleben, der wie Rabelais in der Renaissance das Glück hatte, in eine Zeit hineingeboren worden zu sein, die solches Aussenseitertum überhaupt zuliess und teilweise sogar förderte. Roman BrotbeckDer Autor: Roman Brotbeck, 56, ist Leiter des Fachbereichs Musik an der Hochschule der Künste Bern (HKB) und Spezialist für zeitgenössische Musik. >

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