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Michelangelos sinnliche Maria

Er gilt als einer der grössten seines Fachs: der Bildhauer Michelangelo Buonarroti. Dem jungen Renaissancekünstler war ein Referatsabend der Kunstgesellschaft Thun gewidmet. Dabei wurde das Genie durchaus menschlich.

«Es gibt nur drei oder vier wirklich grosse Bildhauer in der Kunstgeschichte: Michelangelo, Bernini, Canova und vielleicht noch Rodin», bilanzierte Norberto Gramacini, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Bern. Dabei hätte beim stark geförderten Michelangelo Buonarroti die vielgerühmte Genialität auch leicht in eine Sackgasse führen können, wie Gramacini in seinem Referat vor der Kunstgesellschaft Thun (KGT) in der «Alten Oele» am Dienstagabend aufzeigte. Verklärung eines Genies Denn der Inbegriff des autonomen und modernen Künstlers der italienischen Renaissance verdankt seine Karriere nicht allein seinem Können, sondern auch dem «glücklichen Stern», unter dem er laut seinem ersten Biografen Giorgio Vasari am 6.März 1475 geboren wurde. Vasari ist es auch zu verdanken, dass Michelangelo bereits zu Lebzeiten als Genie gefeiert und eine Erlöseraufgabe zugewiesen wird: Mitten in die herrschende Dekadenz der damaligen Kunstwelt trat dieser «von Gott gesandte Geist» namens Michelangelo, dessen Kunstwerke nicht mehr Handwerkskunst, sondern das Ergebnis einer höheren Berufung darstellen. Dabei blieb Michelangelo überaus irdisch, wie Gramacini in seinem Referat über den jungen Star am florentinischen Kunsthimmel darlegte. Michelangelo suchte sich seine Sujets selber aus und griff dafür gerne auf alte Meister zurück. Mit etwa 14 Jahren kaufte er sich einen Kupferstich des Deutschen Martin Schongauer – völlig exotisch im Florenz der Renaissance. «Doch mit diesen teils abstrusen Ideen lief Michelangelo Gefahr, sich selber in eine Sackgasse zu manövrieren und seine Gaben verkümmern zu lassen», erkannte der Kunsthistoriker Norberto Gramacini. Denn es wäre ein Leichtes gewesen, wenn sich Michelangelo auf das Kopieren von gängigen Vorlagen und dem Schaffen antiker Faksimiles beschränkt hätte. Was er hin und wieder auch wegen pekuniärer Gründe tat, wie der «schlafende Pottu» beweist. Der Kopf des Fauns Auch da kommt Michelangelo Meister Zufall zu Hilfe: Lorenzo di Medici, Kunstmäzen und Herrscher über Florenz, nimmt sich des jungen Künstlers an, lässt ihn im Medici-Palast mit seinen Söhnen aufwachsen und schickt ihn in die neu gegründete Kunstakademie. Eine Anekdote schildert, wie Lorenzo di Medici das Werk seines Zöglings – den Kopf eines grinsenden Fauns – betrachtet und fragt: «Weisst du denn nicht, dass den Alten immer Zähne fehlen?» Michelangelo lässt sich das nicht zweimal sagen und schlägt dem Faun einige Zähne aus. «Dieser junge Künstler kann sofort reagieren und auf Augenhöhe mit den Mächtigen in Diskurs treten», konstatierte Gramacini. Für Michelangelo zählte die Kunst weitaus mehr als der Inhalt der Werke. Deshalb zeigt seine Bacchus-Darstellung eine betrunkene, schwankende Gottheit, wie sie die alten Römer nie dargestellt hätten. Und auch seine berühmte «Pietà», die im Petersdom von Rom steht, ist alles andere als überirdisch und verklärt. «Er schuf mit 26 Jahren eine schöne, überaus sinnliche Maria, die den geschmeidigen Körper des gekreuzigten Christi in den Armen hält», beschrieb Gramacini das Meisterwerk der Bildhauerkunst. Dass diese höchst irdische Sinnlichkeit noch heute Fanatiker auf den Plan ruft, beweist nicht zuletzt die 1972 verübte Attacke auf das Werk, das seither nur noch hinter Panzerglas bewundert werden darf.HeinerikaEggermannDummermuthNächste KGT-Sternstunde zum Thema Architektur mit dem ehemaligen Denkmalschützer des Kantons Bern Jürg Schweizer am Dienstag, 6.April, um 20.15 Uhr im Kleintheater Alte Oele Thun. •www.kunstgesellschaftthun.ch>

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