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Reto Iselis Schritt in ein neues Leben

Der schwerst übergewichtige Reto Iseli sorgte für fette Schlagzeilen. Dann entschied sich der 250-

«Der 23.November 2009 ist der Tag meiner zweiten Geburt.» Geboren wurde Reto Iseli auf dem Operationstisch unter dem Messer von Bauchchirurg Dr. Rudolf Steffen. Der Start in sein neues Leben erfolgte in der Berner Klinik Beau-Site. Gestern Abend war Reto Iseli sichtlich guter Dinge. Das ist er zu Recht. Das war freilich nicht immer so. Der selbstständige Programmierer litt unter seinem Gewicht – und er litt, als ihn der «Blick» im Frühsommer als IV-schmarotzenden, fresssüchtigen Koloss der Öffentlichkeit preisgab (siehe Kasten). Doch das Blatt wendete sich: Hunderte von Leuten nahmen per Mail, in Briefen oder übers Internet in einer Facebook-Gruppe (mit 210 Mitgliedern!) Anteil an Iselis Geschichte, an seiner krankhaften Fettleibigkeit. «50 Prozent der Leute sagen, der ist selbst schuld, 25 Prozent wollen dir helfen und 25 Prozent haben Mitleid.» Auf Letztere könne er verzichten, hatte der 250-Kilo-Brocken damals gesagt. Die Angst wich der Freude Doch nun sollen die Pfunde purzeln. Dank eines operativen Eingriffs, der für einen Menschen seiner Gewichtsklasse alles andere als ein Spaziergang ist. Aber er gelang: «Ich bin am Montag eingerückt und nachmittags gleich operiert worden. Es ist alles gut gegangen und es gab keinerlei Komplikationen», sagt der Wimmiser erfreut. Er schätzt, dass der Eingriff «eineinhalb Stunden dauerte» – genau wisse er es aber nicht. Mit einem Gefühl der Freude ist er eingerückt. Freude, weil es nun losging. «Schiss und auch kleinere Nervenzusammenbrüche hatte ich bis und mit Sonntag.» Reto Iseli schwärmt vom Topteam um Operateur Steffen im Beau-Site. Der bekannte Bauchchirurg arbeitete sich durch die Bauchdecke. Allerdings wurde dann nicht wie einst angedacht ein Magenbypass (wo Magen und Zwölffingerdarm operativ umgangen werden) gemacht. Sondern ein sogenannter Schlauchmagen. Dabei wird der Magen verengt. Der Effekt ist derselbe wie beim Bypass – dessen Operation jedoch grössere Risiken birgt –, nämlich ein vermindertes Hungergefühl und damit eine geringere Aufnahme von Kalorien. «Der Magenschlauch sollte stets die primäre Massnahme sein. Es kann nicht sein, dass man das Leben eines Menschen riskiert, nur um den Bypass zu machen», sagt Dr. Rudolf Steffen. «Mein Körper wird entscheiden», so Iseli, «ob der Eingriff ausreicht, oder diesem später noch eine Bypassoperation folgt.» Klar hofft er, dass die nicht nötig sein wird. Fünf Löffel reichten Gestern Abend erhielt der Magenoperierte erstmals etwas zu essen. «Die erste Mahlzeit seit Samstag», sagt er. Er verspürte bisher keinen Hunger. «Ein komisches, aber doch schönes Gefühl», flachst Iseli. Der Chirurg prophezeite, dass der Hunger nach sechs Kaffeelöffeln Suppe und Vanillecreme gestillt ist – es sollten deren fünf sein «Die erste Woche werde ich einzig Gemixtes essen dürfen, dann eine Woche gar Gekochtes.» Reto Iseli betont, dass die Ernährungsberatung wichtiger Teil der Nachkontrolle ist. «Du kannst an Mangelerscheinungen sterben.» Deshalb erhält er nun die nötigen Vitamine. In einem Monat wird eine nächste Kontrolle beim Arzt fällig. Bis dann soll in seinem Leben wieder der Alltag einkehren. Einer der neuen Art mit Essensportionen in Esslöffeldimensionen. «Für eine neue Lebensqualität mache ich das gerne. Ich will wieder mobil werden, wandern gehen können – oder ins Kino.» So lauten nur zwei vieler Wünsche Iselis. Mit seinem Tritt aus der Anonymität will er andere Fettleibige ermuntern, ihm zu folgen. «Der Weg ist hart, aber er ist begehbar.» Eine erste Etappe ist geschafft. Seinen zweiten Geburtsort verlässt er «mit einem breiten Lächeln», wie der Wimmiser sagt. Heute kann Reto Iseli das Spital verlassen.Jürg Spielmann >

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