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130 Jahre sind noch nicht genug

Die älteste Fahnenfabrik der Schweiz wird 130 Jahre alt. In dritter Generation hat sich die Besitzerfamilie dem Wandel der Zeit

Wimpel von Dorfvereinen, Autofahnen und Zahnstocher mit Nationalfähnchen, Staatsflaggen aus sämtlichen Uno-Ländern in sieben Formaten, Hängefahnen von Firmen, die IKRK-Fahne und Schriftbänder: All diese Produkte häufen sich in dem kleinen Eingangsraum der Fahnenfabrik Bern Hutmacher-Schalch AG an der Florastrasse im Kirchenfeldquartier. Und mitten drin steht Pierre Karlen, Inhaber in dritter Generation und Geschäftsführer seit 25 Jahren. Er strahlt, nein, er triumphiert, denn für die bevorstehende Fussball-WM in Südafrika hat er eine Weltneuheit erfunden und patentiert: die Fingerfahne, rund 40 Zentimeter lang und 8 Zentimeter breit. Der Finger schlüpft in eine Schlaufe am Ende, und schon wird der Arm zu einem schwingenden Fahnenmast. Bei Tausenden von Zuschauern kommen damit Farbe und Bewegung in ein Stadion. Ist die WM einmal vorbei, können auch YB- und andere Fans winken. Einzelstücke genäht Gegründet wurde die Fahnenfabrik 1880 als Buchbinderei in La Chaux-de-Fonds. Ein Auftritt bei einem Schützenfest mit Wappen auf Karton bescherte vier Jahre später unerwarteten Erfolg. Wappen, Fahnen, nun auch aus Stoff, wurden zum Verkaufshit. 1907 wechselte die Firma mit der neuen Besitzerfamilie Karlen den Standort und kam an die Florastrasse. Heute, 130 Jahre nach ihrer Gründung, gehört die Berner Fahnenfabrik zu den letzten acht schweizweit, ist die einzige im Grossraum Bern und hat laut Karlen das grösste Fahnenlager der Schweiz. Noch bis vor 30 Jahren wurde alles selbst genäht. Rund 20 Nähmaschinen ratterten in den beiden grossen Räumen der Fabrik, heute sind es noch deren vier in einem Raum. Genäht werden praktisch nur noch Einzelstücke, zum Beispiel die Fahne einer Gemeinde oder eines Vereins. Bei Auflagen bis zu 20 Stück kommt Digitaldruck zum Zug, und alles darüber ist Siebdruck. Grossauflagen gedruckt Der Tisch zum Zuschneiden steht zwischen den Arbeitstischen der Näherinnen mit den altbewährten Pfaff-Nähmaschinen und einem geordneten Gewühl von synthetischen Stoffballen und Garnspulen in allen Farben. Die hauseigene Produktion von Fahnen hat in den letzten Jahren massiv abgenommen. Praktisch alle der gedruckten Fahnen lässt Karlen im Ausland produzieren, «vor allem in Holland und in Deutschland», betont er, «auf jeden Fall in Europa». Bei grösseren Bestellungen wird an der Florastrasse «nur» noch geworben, bestellt, verkauft und geliefert. Für Hilfswerke günstiger Zu Karlens Kunden mit Grossaufträgen gehören grössere Firmen wie Krankenkassen, Autohersteller, Grossverteiler und Banken. Ihre Werbefahnen wehen in der ganzen Schweiz. Fahnen für Nichtregierungsorganisationen wie Terre des Hommes oder das IKRK sind manchmal etwas günstiger. «Das ist dann sozusagen mein Spendenbeitrag», sagt Karlen. Schweizer zeigen Wappen Bei einmaligen Anlässen vermietet die Fahnenfabrik auch Flaggen. Da seien vor allem Kantons- und Staatsfahnen gefragt. Zu den kleineren Kunden gehören nicht nur Vereine, sondern auch Einzelpersonen. «Unsere Auslandschweizer sind richtige Patrioten und sind heute wieder bereit, Wappen zu zeigen», weiss Pierre Karlen. Anders als noch vor 10, 20 Jahren: Da habe man sich fürs Schweizersein fast geschämt. Auf die Konkurrenz der asiatischen Billigprodukte angesprochen, rümpft Karlen die Nase. An der Euro 08 sorgten sie dafür, dass in vielen Geschäften die Nationalfahnen und -fähnchen «drecksbillig» verkauft wurden, Qualität spielte für die Käufer keine Rolle. Karlen hingegen setzt auf Qualität inklusive Service. Auch wenn die Fahnenfabrik Bern Hutmacher-Schalch AG ihre Waren im Ausland herstellen lässt, bleibt ihr Label auf dem Produkt. «Wir tragen letztlich die Verantwortung», betont er. Hannah Einhaus •www.fahnenfabrik-bern.ch>

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