1000 neue Wohnungen für Niederwangen

Niederwangen

Das Projekt ist gigantisch: Bis zu 1000 Wohnungen sind im Ried geplant. Als «Finger» sollen die Häuser in die Landschaft greifen. Entwickelt hat das Konzept unter anderem der Exilberner Rafael Ruprecht. Er und sein Team aus Zürich erklären, was dahintersteckt.

So könnte ein «Finger» aussehen. Eine der sieben Gebäudezeilen haben Ruprecht Architekten und Blue Architects bereits vertiefter angeschaut.

So könnte ein «Finger» aussehen. Eine der sieben Gebäudezeilen haben Ruprecht Architekten und Blue Architects bereits vertiefter angeschaut.

(Bild: zvg)

Lucia Probst

Als Gymnasiast fuhr er mit dem Velo täglich am Ried vorbei. Das ist lange her. Inzwischen ist Rafael Ruprecht 38 Jahre alt und Architekt in Zürich. Sein Büro hat er in einem alten, modern umgebauten Turbinenhaus eingerichtet. Beton und grosse Fenster dominieren. Das Mobiliar ist schwarz und weiss. Und die dunkelgrüne Limmat fliesst vor dem Gebäude durch.

Das Ried in Niederwangen beschäftigt den in Thörishaus Aufgewachsenen auch in Zürich. Auf dem Tisch liegen dicke Ordner und unzählige Pläne. Besonders ins Auge sticht ein kariertes A4-Blatt, das aus der Beige hervorlugt. Rote Vierecke, grüne Kreise und schwarze Linien sind darauf: Das Blatt war der Anfang des Konzepts, nach dem die Grosssiedlung gebaut werden soll. «Es ist selten, dass ein Büro für ein Neubaugebiet einen Masterplan von dieser Grösse erstellen kann», sagt Rafael Ruprecht. Auch für die Zürcher Arbeitsgemeinschaft ist das eine Premiere.

Bis zu 1000 Wohnungen sind im Ried geplant. Bis zu 2000 Menschen sollen dereinst im neuen Quartier leben. Ruprecht und sein Team haben 2008 mit ihrer Idee im Wettbewerb obsiegt, der für die Gestaltung des Gebiets durchgeführt worden ist. Seither arbeiten sie daran, ihren Entwurf zu verfeinern. Wohlgemerkt: Um konkrete Entwürfe der einzelnen Häuser geht es dabei noch gar nicht. Festgelegt wird erst die Siedlungsstruktur.

Der Traum vom Baum

Die Ausgangslage war nicht einfach. Denn schon seit den 1970er-Jahren wurde für das Ried geplant. Doch die Pläne waren immer wieder zum Scheitern verurteilt. Vor allem deshalb, weil die Bevölkerung im lärmgeplagten Wangental fürchtete, zu viel von ihrem Naherholungsgebiet preisgeben zu müssen.

Die Prämisse für die neue Planung war deshalb klar: Es sollte möglichst viel Grünraum erhalten bleiben. Auf die Frage, was die Qualität des Gebiets sei, tönt es vom Zürcher Architektentrio denn auch unisono: «Die Landschaft». Thomas Hildebrand hat mit seinem Büro Blue Architects gemeinsam mit Ruprecht Architekten das Projekt entwickelt. «Die Topografie lieferte uns die Choreografie für die Überbauung», sagt er. Hildebrand fährt mit seinen Fingern über die Pläne.

Wie Finger sollen im Ried auch die Häuserzeilen in die Landschaft greifen. Alle sieben «Finger» sind unterschiedlich gross und haben eine jeweils eigene Ausprägung. Und jeder «Finger» soll an möglichst naturbelassenen Grünraum grenzen. Der Traum vom Baum vor dem Fenster wird hier wahr werden.

Maximal acht Geschosse

Mit Post-it-Zetteln ist auf dem Modellbild die Höhe der Gebäude definiert. Manche sind nur zwei-, die höchsten achtgeschossig. Im Schnitt werden die Häuser drei bis vier Geschosse haben. Auch die Höhe der Gebäude ist der Landschaft angepasst. «Vom Tubetränki-Plateau zuoberst wird man weiterhin in den Jura blicken können», beruhigt die projektleitende Architektin Celina Martinez.

Links und rechts gehen die einzelnen Gebäudefinger von einer grossen, grünen Zunge ab. Man kann sie auch als Rumpf eines Schmetterlings sehen. «Deshalb haben wir das Projekt ‹Papillon› getauft», sagt Rafael Ruprecht. Von Niederwangen bis zum Tubetränki-Plateau soll es in diesem Rumpf möglichst natürliche Grünflächen haben. Zum Beispiel Schafweiden oder Obstbäume. Eine zentrale Ringstrasse erschliesst das Gebiet.

Doch so idyllisch das tönt, diese Grünräume boten auch Zankpotenzial. «Alle wollen sie, aber niemand mag für ihren Unterhalt bezahlen», sagt Thomas Hildebrand. «Man weiss noch nicht, wie man mit der Sehnsucht nach mehr Grün umgehen will.» Das stellt er auch bei anderen Projekten fest.

Grenzen klar definiert

«Die äusseren Grenzen der Wohnbauten haben wir ganz pingelig festgelegt», führt Rafael Ruprecht aus. Es ist klar definiert, wie hoch die Häuser maximal werden und wo sie Durchgänge haben dürfen. Ein privater Rasenplatz zum Beispiel wird in den Parterrewohnungen nicht mehr als drei Meter breit sein. Das soll den Grünraum unantastbar machen. Im Innern der «Finger» sind die Bauherren jedoch freier. Wer die einzelnen «Finger» plant und baut, ist noch offen.

«Alles aus einer Hand gestaltet, das wäre uninteressant und nicht zeitgemäss», findet Thomas Hildebrand. Er wünscht sich ganz verschiedene Gebäude mit ebenso unterschiedlichen Bewohnern. Mietwohnungen sind ebenso vorgesehen wie Eigentum, für Singles soll es ebenso Platz haben wie für Familien.

«Unsere Arbeit ist praktisch abgeschlossen», sagt Rafael Ruprecht. Oder vielleicht doch nicht? «Natürlich würden wir gerne selber einen 'Finger' bauen», fügt er an. «Es fällt uns nicht leicht, unseren Schmetterling fliegen zu lassen.»

Berner Zeitung

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