In der Komfortzone fühlt sie sich nicht wohl

Bolligen

In 330 Tagen hat Anita Hene­strosa vor über 30'000 Schü­lerinnen und Schülern in 30 Ländern referiert.

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«Ich habe gemerkt, dass ich als einzelne Person Einfluss habe – und so jungen Menschen auf der ganzen Welt helfen kann.»Source

«Vielleicht ist es dein Traum, die erste Person in deiner Familie zu sein, die eine Universität besucht.» Einige Schüler nicken, fühlen sich angesprochen, abgeholt. Ob auf Island oder in Portugal, in Oman oder in Japan, in Mexiko oder Peru. Die 28-jährige Bolligerin Anita Henestrosa versucht mit ihren Reden junge Menschen zu inspirieren. «Es ist wichtig, Visionen zu haben, sich hochgesteckte Ziele zu setzen – und auch mal die Komfortzone zu verlassen.» Das sagt Henestrosa nicht nur, das lebt sie auch vor.

Das Tennistalent

Der Vater Mexikaner, die Mutter vom Belpberg, ist Anita Hene­strosa in Bolligen aufgewachsen. «In der Schule litt ich unter schlechten Noten und Selbstzweifel», erinnert sie sich. Halt geben ihr die Eltern – und Tennis. Wobei das eine mit dem anderen eng verknüpft ist. Ihr Vater, Felipe Henestrosa, ist – auch heute noch – als Tennislehrer im Tivoli Worblaufen tätig. Der Sprung zum Profi blieb ihm verwehrt, und so sollte die Tochter seinen Traum leben. Einen Traum, den sie lange Zeit auch hatte. Sie ist 12 Jahre alt, als diese Zeitung 2002 titelt: «Henestrosa – eine Tennishoffnung».

Zu diesem Zeitpunkt hofft sie bereits, einmal in den USA zu studieren. Ein Tennislehrer hatte ihr diesen Floh in der dritten Klasse ins Ohr gesetzt. Nach Abschluss der Matur im Neufeld-Gymer geht der Wunsch in Erfüllung. Ihrem sportlichen Talent sei Dank. Henestrosa erhält 2009 ein Vollstipendium für Tennis an der Purdue-Universität in ­Indiana.

Von der Parkbank . . .

Vier Jahre später verlässt sie die Universität mit dem Bachelor für Kommunikation und der Auszeichnung «Spielerin des Jahres». Getreu ihrem Motto «Raus aus der Komfortzone» leistet sie in der Folge während vier Monaten Freiwilligenarbeit in den Favelas von Rio de Janeiro. «Diese Zeit hat mich sehr geprägt.» In Brasilien unterrichtet Henestrosa Englisch – und hilft so Kindern, «die nicht das Glück haben, an einem Ort wie der Schweiz zu leben».

Mit nur noch wenig Geld im Portemonnaie geht die Reise weiter nach San Francisco. «Es war mein Wunsch, hier einmal zu leben.» In die Stadt hatte sie sich Jahre zuvor während eines Kurztrips verliebt. Vorerst gibt ihr die kalifornische Metropole keine Liebe zurück. Im Gegenteil.

40 Vorstellungsgespräche führen nicht zu einer erhofften Anstellung. «Ich ass wochenlang nur Reis, hielt mit ‹Couchsurfing› die Kosten gering, übernachtete aber zeitweise auch auf einer Parkbank», erinnert sie sich an diese nicht einfache Zeit vor fünf Jahren. Und auch an den Moment, als ihre Kreditkarte an der Kasse ­abgelehnt wurde. «‹Verfügbares Guthaben: 4,36 Dollar›, stand auf der Anzeige. Ich war kurz vor dem Aufgeben.»

. . . zum Verkaufstalent . . .

Just in dem Moment wendet sich alles zum Guten. Eine Familie sucht ein Au-pair mit Spanischkenntnissen, das auch Tennis unterrichten kann. Die Sportart, welche Henestrosa mittlerweile «nur» noch als Hobby bestreitet, kommt ihr also erneut zugute. Kurze Zeit später findet Hene­strosa eine Anstellung im Softwareverkauf. Sie wird innert drei Jahren dreimal befördert, schuftet, verdient gutes Geld. «Vor und nach der Arbeit habe ich mit einem Verkaufscoach individuell trainiert», erinnert sie sich.

Dann ist es ihr Freund, der 2017 dafür sorgt, dass sich im Leben der nur 147 cm grossen Bolligerin noch einmal alles ändert. Er, ein Amerikaner, spielt mit dem Gedanken, eine Weltreise in Angriff zu nehmen. «Ich sage bei jeder Gelegenheit, dass man seine Träume verwirklichen soll, also riet ich ihm, das Abenteuer in Angriff zu nehmen.» Gleichzeitig beschliesst Henestrosa, ihn zu begleiten. Sie kündet die Wohnung, verkauft Hab und Gut und gibt ihr US-Arbeitsvisum auf.

. . . zur Sprecherin . . .

Aus der gemeinsamen Weltreise mit ihrem Freund wird schliesslich eine Weltreise, auf welcher man sich gelegentlich sieht, denn ein Jahr «nur» Reisen, das kann Henestrosa («Ich arbeite sehr, sehr gerne») nicht. Sie will unterwegs als «youth speaker» junge Leute inspirieren, ihnen Lebenskompetenzen vermitteln. «Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich das durch», sagt sie. Sie sucht sich einen Motivationsredner als Mentor.

Und dann spricht Henestrosa in den USA erstmals vor Schülern. Mit Erfolg. Die Rede kommt an, das macht ihr Mut. Und so beschliesst sie, auf der «gemeinsamen» Weltreise junge Menschen zu inspirieren. In 330 Tagen sollen es 30'000 Schülerinnen und Schüler in 30 Ländern sein. Ein hochgestecktes Ziel für eine – auf diesem Gebiet – Anfängerin. «Ich brauche das», sagt sie. Um sich noch etwas mehr unter Druck zu setzen, nimmt sie eine Website in Betrieb und gibt sie ihrem Projekt einen Namen: Mapit30k.

Der Startschuss fällt auf Island. Ihre erste Rede hält Henestro­sa in einem Jugendhaus in Reykjavik, vor gerade mal 7 Schü­lern. Das Projekt läuft zaghaft an. Auch in Frankreich, Belgien, England, Irland, Dänemark, Italien und Portugal hält sich die Zahl der Schulen, welche dem Pro­jekt positiv gegenüberstehen, in Grenzen. Selbst von «ihrem» Gymer im Neufeld erhält sie eine Absage. «Das tat mir weh.» Sie weiss aber auch: «In Europa sind ‹speaker› nicht so etabliert.» Anders in Asien, wo Henestrosa auf den Philippinen schliesslich der Turnaround gelingt.

«Eine Schulleiterin bat mich, vor ihren 4'000 Schülern zu sprechen. Ausserdem stellte sie mich anderen Schulleitern vor.» Und so kommt es, dass Henestrosa plötzlich bis zu fünf Reden pro Tag hält. Ihre Worte beginnen Einfluss zu haben. Die Schüler, welche sie bereits besucht hat, kontaktieren sie per Social Media und geben ihr Kraft, weiterzumachen. Auch in Oman, in Nepal, Indien, Bangladesh, Thailand, Vietnam, Kambodscha, Malaysia, Singapur und Japan referiert Henestrosa in der Folge, ehe sie erneut den Kontinent wechselt und von Mexiko via Belize, Guatemala, El Salvador, Honduras, Costa Rica, Panama, Kolumbien und Ecuador nach Peru reist.

. . . zur Autorin

Und dann hat sie das hochgesteckte Ziel erreicht. Nach 80 Stunden im Flugzeug (26 Flüge) und 299 Stunden im Bus (54 Busfahrten). Fazit: «Die Probleme, Bedürfnisse und Gefühle sind überall auf der Welt die gleichen, egal, ob jemand arm oder reich, Christ oder Muslim, schwarz oder weiss ist. Jedoch wird den Schülern zu wenig beigebracht, wie man mit Herausforderungen im Leben umgehen kann.»

30 000 Franken, ihr ganzes Erspartes, hat die Reise verschlungen. Doch Anita Henestrosa – die im Moment zwischen ihrem Freund in den USA und der Schweiz pendelt – nimmt bereits das nächste Projekt in Angriff. Sie plant die Herausgabe eines Buches, in welchem sie Lebenskompetenzen vermitteln will. «Ich habe gemerkt, dass ich als einzelne Person Einfluss habe – und so jungen Menschen auf der ganzen Welt helfen kann.»

Berner Zeitung

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