Liselotte und das Stroh

Bern

Liselotte Helfer hat dank Stroh zurück ins Leben gefunden. Die Ur-Bümplizerin im BEsonders-Porträt.

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Knoten um Knoten knüpft Liselotte Helfer Strohhalme zusammen. Zwanzig bis dreissig Stunden, 400 Halme und 2500 bis 3000 Knoten später hält sie einen Strohhut in den Händen, der wie Gold in der Sonne glänzt. «Es ist faszinierend, dass aus einem Abfallprodukt etwas so Edles entstehen kann», schwärmt die 70- jährige Bümplizerin. Damenhüte und Zylinder, aber auch filigraner Haarschmuck und strohbestickte Krawatten, Broschen, Bilder und jede Menge Strohsterne zieren Helfers Zuhause.

Liselotte Helfers Leidenschaft für Stroh wurde von der Sonne entfacht. Als sie 1990 für einen Auftritt mit den Telljodlern der SBB nach Beatenberg fuhr, kamen die Jodlerin, ihr Mann und die beiden Töchter mit einem Sonnenbrand nach Hause. Er komme künftig nur noch mit Hut mit, befand Frédéric Helfer. Und verliebte sich bei einer Vorführung des Strohateliers Rechthalten in die aus ganzen Halmen geknüpften Hüte.

Bis nach Hollywood

Als die Verantwortliche des Strohateliers sagte, diese Hüte könnten Helfers auch selber herstellen, packte das Ehepaar die Experimentierlust. Frédéric begann, selber Hutgestelle sowie Hutformen zu entwickeln und Hüte zu knüpfen. Liselotte hatten es derweil vor allem die sogenannten Agréments angetan – Rosetten und andere filigrane Fabrikate aus gespaltenen Halmen für Broschen, Haarschmuck, Ostereier oder Weihnachtskugeln. Ihre kleinen Kunstwerke zierten unter andrem die Hüte, die ihr Mann kreiert hatte.

Die beiden leidenschaftlichen Handarbeiter lernten vor allem autodidaktisch. Denn das Strohhandwerk war oft nur innerhalb von Bauernfamilien weitergegeben worden. Im Laufe der Zeit war somit viel Wissen verloren gegangen. Tüftler Frédéric konnte so seinen Forschungstrieb ausleben und übernahm schliesslich das Präsidium der Schweizer Strohstiftung. Mit der Zeit baute das Ehepaar sogar selber sogenannten «Poppeli»-Weizen an – eine Sorte mit besonders kurzen Ähren und langen Halmen, die ideal zum Strohflechten ist. Noch heute lagert im Treibhäuschen in Helfers Garten büschelweise Stroh. Ein Hut kostet um die 400 Franken, je nach Aufwand.

So wurden die beiden über die Jahre hinweg zu einer festen Grösse in der Strohszene. Helfers gaben Vorführungen im Freilichtmuseum und Kurse im Kurszentrum Ballenberg, pilgerten zu internationalen Kongressen und wurden dort mit Ehrenmedaillen ausgezeichnet. Dank ihrer weitreichenden Kontakte lieferten sie schliesslich sogar Hüte nach Hollywood: In den Filmen «Vidocq» und «Bandidas» zieren Kreationen aus dem Hause Helfer die Häupter der Schauspieler Gérard Dépardieu und Salma Hayek.

Stroh als Lebenselixier

Als Frédéric Helfer 2012 nach kurzer Krankheit starb, übernahm Liselotte auch das Hutknüpfen. Heute kreiert sie auf Bestellung Produkte aus Stroh und erfüllt sich einen alten Traum. Als junge Frau wäre sie gerne Handarbeitslehrerin oder Kindergärtnerin geworden, durfte aber die Ausbildung wegen einer Rückenverkrümmung nicht auf sich nehmen. Sie absolvierte die Handelsschule und arbeitete im Generalsekretariat der SBB, bis sie Frédéric kennen lernte und schliesslich Familienfrau wurde.

Das Arbeiten mit Stroh ist für Liselotte Helfer auch ein Lebenselixier. Sie hat immer wieder mit Tumoren zu kämpfen, konnte deshalb einmal ihre Hände und Beine kaum mehr bewegen. Da liess sie sich etwas Stroh in die Rehaklinik bringen und knüpfte Strohsterne. «Dabei konnte ich meine Krankheit ein Stück weit vergessen – und nebenbei meine Finger trainieren.» Während ihr das Gehen heute noch schwer fällt, kreiert sie wieder feinste Strohkunstwerke.

Die Tatsache, dass sie nicht mehr gut zu Fuss ist, hindert Liselotte Helfer nicht daran, regelmässig durch Bümpliz zu kurven. Mit dem Swisstrack, den sie vorne an ihrem Rollstuhl anhängt, fährt sie durchs Quartier, in dem sie seit ihrem dritten Lebensjahr zu Hause ist. Viel hat sich seither in Bümpliz verändert. Aus dem einstigen Dorf ist ein multikultureller Stadtteil geworden. Siedlungen wie das Schwabgut, Tscharnergut und Brünnen entstanden auf Flächen, auf denen Liselotte Helfer einst noch Hornusser spielen sah.

«Es gefällt mir nach wie vor gut in Bümpliz. Hier ist meine Heimat», sagt sie. Und der Veränderung kann sie durchaus Positives abgewinnen, etwa wenn ihr Schwiegersohn Titus Huber mit dem Tram vorbeifährt und ihr aus dem Führerstand zuwinkt. Oder wenn sie im Westside einkaufen geht. «Mir gefällt das Moderne am Westside und dass alles ein bisschen schräg ist.» Natürlich setzt die UrBümplizerin bei ihrer Einkaufstour einen Strohhut auf, sobald die Sonne hinter den Wolken hervorblinzelt.

Das Virus greift um sich

Das Strohvirus greift in der Familie Helfer weiter um sich: Beide Töchter widmen sich heute nebst ihren Familien auch der Arbeit mit Stroh. Die beiden und Liselotte Helfer geben Kurse im Kurszentrum Ballenberg. Christine Huber-Helfer führt das Kunsthandwerk auch an Ausstellungen vor und nimmt ihre Mutter mit, wann immer es deren Gesundheit zulässt. Mittlerweile hat auch sie bei sich zu Hause in Sumiswald selber Stroh angebaut. Selbstredend, dass sie Ohranhänger aus Stroh trägt und ein paar Rosetten in ihrem Haar stecken.

Monique Millard-Helfer hat von ihrem Vater das Präsidium der Schweizerischen Strohstiftung übernommen und pflegt den internationalen Austausch über das Strohhandwerk. Ihre Lizenziatsarbeit verfasste sie über die Geschichte der Strohindustrie in der Schweiz. Ursprünglich florierte das Handwerk vor allem auf Bauernhöfen im Aargauer Freiamt, im Freiburger Sensebezirk und im Tessiner Onsernonetal. Im Aargau entwickelte sich aus der Heimarbeit ab 1800 ein Industriezweig, dem die billigere Konkurrenz aus dem Ausland aber 1974 den Garaus machte.

Enkel möchten auch anpacken

«Es ist toll, dass meine Familie das Strohhandwerk so weiterträgt», sagt Liselotte Helfer, während sie auf dem von Schwiegersohn Peter Millard neu entwickelten faltbaren Hutgestell am Strohhut weiterknüpft. Gut möglich, dass auch die dritte Generation von Strohflechtern bereits mit dem Virus infiziert ist: Die Söhne von Monique Millard und die Töchter von Christine Huber gehen noch nicht in den Kindergarten, möchten aber am liebsten auch schon mitknüpfen.

Noch sind Patrick, Lukas, Anna und Eva ein bisschen klein dafür – aber gross genug, um die Strohhalme in Grossmutters Treibhäuschen im Garten von den Ähren zu befreien, sodass diese sie verarbeiten kann. Zum Beispiel zu Kinderhüten, welche die Enkel und Enkelinnen dann voller Stolz tragen.

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