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«Aber Jesus liebt sie trotzdem»

Beim «Marsch fürs Läbe» prallten am Samstag zwei Welten aufeinander. Eigentlich stritt man sich über Abtreibungen. Aber genau so zentral war die Frage: Welche Meinungen haben im öffentlichen Raum überhaupt Platz?

Der «Marsch fürs Läbe» konnte am Samstagnachmittag bei heissen Temperaturen ungestört stattfinden.
Der «Marsch fürs Läbe» konnte am Samstagnachmittag bei heissen Temperaturen ungestört stattfinden.
Keystone
Die Veranstaltung musste von der Polizei geschützt werden. Im Vorfeld gab es grosse Sicherheitsbedenken.
Die Veranstaltung musste von der Polizei geschützt werden. Im Vorfeld gab es grosse Sicherheitsbedenken.
Keystone
Die Veranstalter sprechen insgesamt von gut 1000 Teilnehmern.
Die Veranstalter sprechen insgesamt von gut 1000 Teilnehmern.
Franziska Rothenbühler
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Zwei Frauen, eine schwarzhaarige und eine grauhaarige, stehen auf dem Bundesplatz, die Arme weit ausgebreitet, das Gesicht mit geschlossenen Augen in die Höhe gerichtet, und befeuern den Himmel mit Stossgebeten.

Entschuldigung, wofür beten Sie?

Mit verträumten Blicken kehren die beiden von ihrem himmlischen Botengang zurück auf Erden. «Für die Menschen auf diesem Platz, für die Polizei, die uns beschützt und für die Menschen, die da draussen gegen uns demonstrieren», antwortet die Schwarzhaarige und zeigt über die Absperrgitter. «Mögen auch sie vom Heiligen Geist befreit werden», schiebt die Grauhaarige nach.

Es ist Samstagnachmittag, 14 Uhr. Der Bundesplatz beginnt sich langsam zu füllen. Abtreibungsgegner aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland versammeln sich hier für den «Marsch fürs Läbe». Gleichzeitig machen sich ihre Gegner für eine unbewilligte Gegendemo parat. Die beiden Gruppen werden getrennt von einem massiven Polizeiaufgebot – es gab im Vorfeld grosse Sicherheitsbedenken.

Das seien «arme Tröpfli», die «Anarchisten» da draussen, sagt die Schwarzhaarige. «Aber Jesus liebt sie trotzdem», schiebt die Grauhaarige nach. Diese Leute wollen sie zwar «mundtot» machen, aber das werden sie nicht schaffen. «Gott schützt uns.»

Gerade als die beiden ihre Haltung zum Thema Abtreibung erläutern wollen, kommt die Präsidentin ihrer Gebetsgruppe «Prayerhouse Zürich» vorbei. Sie reagiert entsetzt. «Ihr dürft keine Auskunft geben. Wir haben einen Medienverantwortlichen», weist sie die beiden Frauen zurecht.

Die Jusos

Die Frage, wer an diesem Nachmittag seine Meinung frei kundtun darf, stellt sich nicht nur auf dem Bundesplatz, sondern auch rundherum. Während am einen Ort exzessiv gebetet wird, werden anderswo Luftballone und Flyers verteilt: Die Juso Stadt Bern hat sich vor der Heiliggeistkirche aufgestellt. Eine Notlösung: «Wir haben zwei Gesuche für eine Gegendemo eingereicht, aber beide wurden nicht bewilligt», sagt Vorstandsmitglied Jèrèmie Reusser.

Er kann das alles fast nicht glauben. «Auf dem Bundesplatz werden menschenfeindliche Positionen propagiert und wir dürfen unsere Botschaft nicht einmal kundtun. Und das in der rot-grünen Stadt Bern!». Reusser redet und redet; so schnell, wie jemand, der etwas auswendig gelernt hat. Für diese «christlichen Fundamentalisten» werde ein riesiger Aufwand betrieben. Und da seien ja auch Rechtsextreme dabei, «Menschen mit einem problematischen Weltbild. Die wollen alle feministischen Errungenschaften der letzten Jahren zerstören», so Reusser.

Aber darf man prinzipiell gegen Abtreibungen demonstrieren, Ja oder Nein?

Wieder setzt Reusser zu einer minutenlangen Antwort an. Ein klares «Ja» oder ein «Nein» fällt dabei nie.

Die Ärzte

In der Bundesverfassung gibt es auf diese Frage hingegen eine klare Antwort: «Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten», besagt Artikel 14, Absatz 2. Und sei diese Meinung noch so extrem.

Die beiden Ärzte Dr. Karl Steudel und Dr. Gero Winkelmann sind extra für den «Marsch fürs Läbe» von Bayern nach Bern angereist. Sie gehören dem «Bund Katholischer Ärzte» an. «Wir sind für das Leben», sagen die beiden Katholiken. «Immer.»

Aber ist eine Abtreibung im Falle einer Vergewaltigung nicht auch aus christlicher Sicht nachvollziehbar?

Steudel blickt ungläubig zurück: «Auch Kinder, die durch eine Vergewaltigung gezeugt wurden, sind froh, wenn sie leben können.»

Der Querulant

Der Nachmittag nimmt seinen Lauf. Die Abtreibungsgegner können die ganze Zeit über ungestört reden, singen und predigen. Nur einmal macht die Gegendemo in der Nähe des Bundesplatz Halt, was allerdings wegen den weitläufigen Abschrankungen kaum zu hören ist.

Diese Gegendemonstranten bekommen während ihrer «Tour de Berne» immer wie mehr Zulauf – wohl auch weil sich die Sicherheitsbedenken Schritt für Schritt in Luft auflösen. Auch wenn Teile der linksautonomen Szene mitmarschieren, bleibt es die ganze Zeit über friedlich.

Auf dem Bundesplatz gibt es nach eineinhalb Stunden Musik und Reden noch ein stilles Abschlussgebet. Still bleibt es dabei allerdings nicht. Ein Querulant hat sich auf den Platz geschlichen. «Gott ist tot», schreit er zweimal quer über die betende Menge. Die privaten Sicherheitskräfte kommen sofort auf ihn zu und bewegen ihn nach kurzem Einreden zum Gehen. Kaum hat er den Platz verlassen, gerät er in die Hände der Polizei. Die prüft seine Personalien und führt ihn anschliessend ab.

Er zahlte für seine freie Meinungsäusserung an diesem Tag wohl den höchsten Preis.

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