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Alternative zu Schliessung ist kaum mehr als ein Strohhalm

Die Belegschaft der geschlossenen Kartonfabrik Deisswil hofft auf einen Investor, der das Werk weiterbetreibt. Doch diese Hoffnung ist lediglich ein Strohhalm, dessen sind sich Belegschaft und Gewerkschaft bewusst, wie sie am Donnerstag vor dem Medien sagten.

Gewerkschafter Pardini: Er stimmt die Gewerkschafter auf einen harten Kampf ein.
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Stefan Anderegg
Der Kampf ist vorbei, die schwarze weht Flagge als Symbol für Trauer, Wut und Ohnmacht: Deisswil wird definitiv geschlossen
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Iris Andermatt
Die Demonstranten skandierten Slogans wie «Giu le mani»: Finger weg von der Fabrik.
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Claudia Salzmann
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Man müsse realistisch sein, betonte Corrado Pardini von der Gewerkschaft Unia. Rasch einen Geldgeber zu finden, der die nötigen Investitionen in Deisswil tätige, dürfte schwierig werden. «Wenn aus dem Strohhalm nichts wird, dann braucht es einen anständigen Sozialplan».

Bis zum Ablauf der sogenannten Konsultationsfrist kann die Deisswiler Belegschaft Vorschläge für eine mögliche Alternative einbringen. Der Verwaltungsrat der österreichischen Besitzerin wird voraussichtlich am 10. Mai darüber befinden.

«Wien schenkt nicht um»

Eine andere Möglichkeit wäre auch, den Mutterkonzern zu überzeugen, die nötigen Investitionen zu tätigen und Deisswil weiter zu betreiben. «Keine Chance», winkt Jürg Rupp, Mitglied der Deisswiler Betriebskommission, ab. Und auch Pardini ist sich sicher: «Wien wird nicht umschwenken».

Zu dieser Einsicht gelangte eine Delegation aus Gewerkschaftern und Mitarbeitern bei einer Fahrt zum österreichischen Mutterkonzern nach Wien. Dort wollte man aus Anlass der Aktionärsversammlung vor Ort gegen die Schliessung des Schweizer Werks protestieren.

Zu einer Kundgebung kam es dann aber nicht. Der CEO der Mayr- Melnhof-Gruppe zeigte sich bereit, die Delegation in Wien zu einem Gespräch zu empfangen und willigte ein, an Verhandlungen über mögliche Alternativen in der Schweiz persönlich teilzunehmen.

Das sei ein beachtlicher Erfolg, freuten sich Unia- und Belegschaftsvertreter am Donnerstag vor den Medien in Bern.

Moralische Unterstützung

Moralische Unterstützung erhalten die auf die Strasse gestellten «Deisswiler» auch von eher ungewohnter Seite. Die Pianistin Sylvia Harnisch, Mitglied der einstigen Besitzerfamilie der Kartonfabrik, solidarisierte sich mit der Belegschaft und reiste ebenfals mit nach Wien.

In bewegenden Worten schilderte sie, wie sie vergeblich versuchte, Zugang zur Aktionärsversammlung der Mayr-Melnhof-Gruppe zu erhalten, um die Anliegen der «Deisswiler» zu thematisieren.

100 Millionen Investitionen

Die Karton Deisswil AG gehört seit Anfang der 1990-er Jahre zum österreichischen Mayr-Melnhof-Konzern. Anfang April gab dieser Knall auf Fall die Schliessung der Karton Deisswil bekannt.

In Deisswil sei in den letzten Jahren eindeutig zu wenig investiert worden, kritisiert die Gewerkschaft Unia. Eine zentrale Frage war stets die Abkehr von Schweröl als Energieträger für die Produktion.

Damit die Kartonfabrik von der CO2-Abgabe befreit wurde, hätten die Besitzer schadstoffreduzierende Massnahmen finanzieren müssen, allen voran eben die Abkehr vom Schweröl.

Auch beim Maschinenpark seien Investitonen nötig. Roman Herzog von der Unia sprach am Donnerstag von rund 100 Millionen Franken Investitionen in den nächsten Jahren.

Finde sich kein Investor, müsse schliesslich auch diskutiert werden, wie das Industriegelände in Deisswil weiter genutzt werden könne, führte Pardini aus. «Wir bangen um den Industriestandort Schweiz», sagte der Unia-Vertreter und SP-Grossrat.

Die Schweiz brauche eine solide industrielle Fertigung. Um diese zu erhalten, müsse das Land endlich auch Industriepolitik betreiben und die Sache nicht einfach dem Markt überlassen.

Umzug am 1. Mai

Die Belegschaft der Kartonfabrik werden am 1. Mai im Rahmen des «Tag der Arbeit» zu Fuss von Deisswil nach Bern marschieren. Besammlung ist um 11 Uhr in Deisswil. Mit dem Umzug soll ein Zeichen des Widerstands gegen den in Wien beschlossenen Schliessungsentscheid setzen. Auch das gebeutelte Berner Unternehmen Wifag wird auf dem Bundesplatz auftreten. Redner aus beiden Betrieben werden auf ihre Situation aufmerksam machen.

SDA

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