Aufräumen nach Autorennen: Unterricht oder Kinderarbeit?

Riggisberg

Eine Grossrätin will wissen, ob die Putzaktion von Schülern am Gurnigel ein Fall von Kinderarbeit darstellt. Veranstalter und Schulleitung haben dafür kein Verständnis.

Einsatz im Grünen: Schülerinnen und Schüler aus Riggisberg sammeln den Abfall neben der Rennstrecke ein.

Einsatz im Grünen: Schülerinnen und Schüler aus Riggisberg sammeln den Abfall neben der Rennstrecke ein.

(Bild: Christian Pfander)

Kinderarbeit nach dem Gurnigel-Rennen? So lautet der Titel einer Interpellation von Maria E.Iannino Gerber (Grüne). Die Grossrätin stellt darin dem Berner Regierungsrat die Frage, ob es sich beim Putzeinsatz nach dem Bergrennen um Kinderarbeit gehandelt hat.

Zwei Schulklassen hatten am Montag die Wiesen neben der Rennstrecke gereinigt. Iannino will nun von der Kantonsregierung wissen, ob ein solcher Einsatz von Schulkindern überhaupt rechtmässig ist. Die Grossrätin stösst sich daran, dass ein kommerzieller Veranstalter «seinen Dreck nicht selber wegräumt», wie sie schreibt. Die Kinder, sagte sie auf Anfrage, kämen ihr ausgenützt vor. Zugleich stellte sie klar, dass sie grundsätzlich keine Freundin solcher Rennen sei. Dass Schülerinnen und Schüler in mancher Gemeinde bei Arbeiten wie Papiersammeln eingesetzt würden, sei ihr bewusst. Doch handle es sich dabei um Jugendliche der Oberstufe. Die Kinder von Riggisberg seien jünger gewesen.

Derartige Einsätze von Schülern haben bis anhin kaum hohe Wellen geworfen. Die Erziehungsdirektion habe keine Richtlinien für solch Einsätze, erklärt Johannes Kipfer, Vorsteher der Abteilung Volksschule. Die Frage habe sich bis jetzt schlicht noch nie gestellt.

«Politischer Rohrkrepierer»

Kein Verständnis für die Interpellation hat Roger Lerf, Präsident des Vereins Gurnigel-Bergrennen. «Ich bin sauer. Das Vorgehen von Frau Iannino ist schäbig.» Iannino habe weder mit der Schule noch mit den Veranstaltern vorgängig Kontakt aufgenommen. «Sie hätte mit den Leuten reden müssen», meint Lerf. Es sei nie darum gegangen, Schüler als günstige Putzkräfte einzusetzen.

Der Verein wolle gar keine Gewinne erzielen, sondern das Rennen am Leben erhalten, sagt Lerf. Es komme hinzu, dass die Kinder sich auf den Einsatz freuen würden. Für die Schule sei der Putztag ein Fixpunkt im Terminkalender. Und er doppelt nach: «Die Interpellation ist ein politischer Rohrkrepierer, wie er im Buche steht.» Lerf, Inhaber eines Anwaltsbüros in Belp, prüft nun rechtliche Schritte.

Einsatz mit Tradition Dass Kinder und Jugendliche nach dem Bergrennen bei der Abfallbeseitigung helfen, ist nicht neu. Schon vor Jahrzehnten wurden die Schüler aus Rüti bei Riggisberg dafür eingesetzt. Mit der Gemeindefusion und der Schliessung der Schule in Rüti sprang vor einigen Jahren Riggisberg in die Bresche.

Für Iannino ist der Verweis auf die Tradition allerdings kein Argument: «Nur weil etwas Tradition hat, muss man es nicht zwingend weiterführen.»

Schule nimmt Stellung Der zuständige Schulinspektor Marcel Fuchs will die Interpellation nicht kommentieren, erklärt aber, dass ein bewusster Umgang mit Abfall Teil des Lehrplans sei.

Die Schulleitung von Riggisberg nimmt schriftlich zu den Vorwürfen Stellung und hält fest, dass es sich beim Putzen am Gurnigel keinesfalls um Kinderarbeit handle. Der Einsatz der Kinder sei Teil eines Umweltkonzepts der Schule. Dieses sehe vor, dass die Klassen gemeinnützige Arbeiten für die Gemeinde leisten und dafür eine Entschädigung erhalten. Die Schulleitung schreibt weiter, dass auch für andere Organisationen Einsätze geleistet würden. So würden die Schüler ebenfalls Kerzen für die Behindertenorganisation Procap oder Schoggitaler für den Heimatschutz verkaufen.

Rosemarie Wenger aus Rüti bei Riggisberg kann mit der ganzen Diskussion wenig anfangen. Von der ersten bis zur neunten Klasse habe sie die Matten neben der Rennstrecke geputzt. Noch heute hilft sie als Begleitperson mit. Dabei würden die Schüler nicht nur etwas für Ausflüge oder Lager verdienen. Die Kinder, sagt Wenger, hätten durchaus ihren Spass.

Berner Zeitung

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